Hype um vermeintliche Schorndorfer Krawalle

Ein Beispiel, wie heute ein Medien- und Hysteriehype entsteht, hatte ich in den vergangen Tagen 700 Meter von meinem Wohnsitz entfernt und in nahezu sämtlichen Medien. Denn im Rahmen der Schorndorfer Woche, die von Freitag bis Dienstag dauerte, und die das jährliche Stadtfest darstellt, war es in den Medien bundesweit und international (!) zur Berichterstattung über vermeintlich migrantenbedingte Krawalle gekommen.

Unser Oberbürgermeister Matthias Klopfer (SPD) schaffte es daraufhin u.a. in die SWR-Landesschau und ins ARD-Morgen-Magazin und das Stadtfest sogar in die New York Times, die mit einem Foto vom Münchner Oktoberfest illustrierte, dass Deutschland nicht mehr sicher sei und nach den Übergriffen von Silvester 2015/16 in Köln und den Krawallen vom jüngsten G20-Gipfel in Hamburg das Chaos nun auch in der Provinz angekommen sei.

Fast schon erfrischend nüchtern wirkt dagegen der Beitrag auf Focus-online, der recherchiert und einordnet statt nur abzuschreiben, was bereits andere getextet haben und dabei jeweils nochmal „prägnanter zu werden“ oder „zuzuspitzen“. Denn das Allermeiste, was zu lesen war, ist Quatsch. Als Besucher und Anwohner des Festes habe ich sogar erst am Montag aus der Presse erfahren, was scheinbar Samstagnacht alles passiert sein soll.

Besonders bedauerlich waren für mich die Reflexe in den „sozialen Medien“ (was ist an Hass-Tiraden sozial?), in denen jenseits der Faktenlage oder -kenntnis daraufhin gegen Ausländer, Migranten und Flüchtlinge gehetzt wurde. In vielen Antworten erfuhr ich als Zugezogener immerhin, dass die Schorndorfer Männer schon vor 30 und 45 Jahren teils über den Durst getrunken, gepöbelt und den Frauen an die Wäsche gegangen sind. In den Städten, in denen ich erwachsen wurde, übrigens auch. Und für manches, was ich damals getan (oder versucht) habe, schäme ich mich noch heute.

Umso entspannter waren diese Woche bisher die Telefonate, die ich bundesweit mit Kunden, Redakteuren (als PR-Berater habe ich berufsbedingt täglich mit Journalisten zu tun) oder Recherchepartnern in Berlin, München oder Hamburg geführt habe. Geglaubt hat von denen allen niemand, was sie in Medien über das aktuelle Schorndorf hörten. Gängig war der Tenor: So, hat die Hysterie jetzt euch erwischt?

Mein Fazit: Meine geliebte (Zeitungs-)Branche beschleunigt damit ihren Absturz in die Bedeutungslosigkeit. Lokale Kompetenz hat aber dagegen die lokale Tageszeitung bewiesen, deren Redakteure sich selbst auf dem Fest seit Jahrzehnten bis spät in die Nacht tummeln und die lokalen Akteure vom Veranstalter bis zum Polizeieinsatzleiter kennen. Das merke ich der Berichterstattung wohltuend an.

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Kommentare:

  1. Erwin Koydl am

    Leider stimmt der Spruch, den ich auch vor kurzem geteilt habe: Leute mit wenig Ahnung
    können am meisten darüber sagen. So entstehen die ärgsten Geschichten. Durch die neuen Medien verbreitet sich der Unfug eben auch blitzschnell.

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