Skulpturen: Kirche fragt Kunst

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Zwei von 14 Nischen an der Schorndorfer Stadtkirche: Künstler aus der gesamten Republik zeigen bis 10. November Werke, mit denen sie den christlich-gesellschaftlichen Dialog fördern wollen. FOTO: FROMM

500 Jahre nach der Reformation leistet auch die Evangelische Stadtkirche Schorndorf ihren Beitrag: Am 1. April wurden 14 Skulpturen an der Außenfassade des Gotteshauses enthüllt, dessen Nischen in zehn Metern Höhe seit dem nachreformatorischen Bildersturm leer geblieben waren. Nur fünf der einst mehr als 20 gotischen Heiligenstatuen haben den religiösen Übereifer überlebt.

Unsere Pfarrerin Dorothee Eisrich, die immer wieder pfiffige Ideen kreiert und diese beharrlich umsetzt, hatte im Frühjahr 2016 den Impuls, einen Wettbewerb bundesweit auszuschreiben und Künstler aufzufordern und einzuladen, diese Nischen zeitlich befristet im Jubiläumsjahr wieder mit Skulpturen zu besetzen. So sollte ein Dialog zwischen Kirche und Gesellschaft entstehen, die Kirche in ihr Umfeld strahlen und Martin Luther gewürdigt werden.

„Welche Thesen würde Luther heute an die Kirchentür schlagen?“ fragte die Theologin angesichts des Flüchtlingsstroms gen Europa, des Klimawandels, des wachsenden Nationalismus, des weltweiten IS-Terrors und vieler anderer kriegerischer Konflikte. Sie sammelte 50.000 Euro für den Wettbewerb, installierte eine Jury namhafter Kunstexperten und aktivierte 14 Künstler zur Teilnahme.

Seither inspiriert die Ausstellung, die bis Herbst dauert, zum Rundgang um die Kirche. Info-Tafeln sowie ein Katalog geben Erläuterungen zu jedem Werk und jedem Künstler. Der Stuttgarter Aktionskünstler Thomas Putze stieg zur Vernissage nackt per Hubsteiger, eingerieben mit Sandsteinfarbe, in seine Nische, um bei Temerapturen um die sieben Grad zehn Minuten als lebender Säulenheiliger zu verharren.

Lokalmatador Hardy Langer hat ein pinkfarbenes Männlein geschaffen, das wie auf einem Sprungbrett von seinem Sockel weg in die Welt laufen will, die Nische hinterlegt mit einem Spiegel. Die Botschaft: „Wer ankommen will, muss weggehen.“ Gleich daneben eine Leuchtreklame, die (mich) an ein Bordell erinnert. Deren fortlaufender Text: „Wir wollen Wunder.“ Und daneben, eine rote Fahne, die an 1. Mai-Kundgebungen erinnert, mit der Aufschrift: „Mittwoch.“

Begleitet wird die Ausstellung bis zur Finissage am 10. November von sieben Vorträgen. Allein schon die bisherige Medien- und Besucherresonanz bis hin zu einem TV-Beitrag im SWR zeigt, dass die Kampagne den richtigen Ton trifft. So macht Kirche Spaß, sie hat Relevanz und regt zum Nach-Denken an.

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