Enthüllungsjournalismus

Bahnsperrung löst Odyssee aus und Solidarität

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Sympathische Mitbürger: Seit Basel waren wir „Leidensgenossen“ und haben das Beste daraus gemacht. Meine These von der Schwarmintelligenz, die zum Überleben kooperiert statt gegeneinander zu kämpfen, sehe ich bestätigt. FOTO: FREMDE FRAU

In den deutschen Medien war es gestern nur eine lapidare Meldung: Wegen Gleisabsenkung bei Rastatt, die sich am Samstag gegen 11.30 Uhr bei Tunnelarbeiten darunter ereignet hatte, ist der Zugverkehr auf der Rheintalschiene bis mindestens Samstag gesperrt. Tatsächlich waren davon aber tausende Reisende betroffen, die dadurch ein Abenteuer erlebten. Darunter auch ich, der ich auf der Rückkehr aus der Schweiz von einer Geburtstagsfeier in Fribourg war. Hier mein Erfahrungsbericht.

Noch in der Nacht auf Sonntag fahren wir wie geplant mit Verwandten von Fribourg nach Olten, wo wir bei diesen übernachten, um am Morgen den ICE von Interlaken nach Berlin um 11.30 Uhr zu besteigen, um diesen bis Karlsruhe zu benutzen. Auch die Digitalanzeige am Bahnhof zeigt den Zug so an und bis Basel verläuft alles regulär. Viele Sitze sind sogar als reserviert nach Norddeutschland ausgewiesen.

Die Odyssee beginnt, als der Zug wieder rollt und die Durchsage erfolgt, die Fahrt führe nach Interlaken. Unruhe bricht im Zug aus, während manche die Durchsage noch für ein Versehen halten. Als dutzende Reisende aufbegehren, werden die Schweizer unsicher, die tatsächlich Richtung Interlaken reisen wollen und fühlen sich erst bestätigt, als auch die Landschaft draußen eindeutig den Weg weist.

Nun erfolgt die Durchsage, Reisende Richtung Deutschland sollten am nächsten Halt aussteigen und die nächste S-Bahn zurück nach Basel nehmen. Auf dem Bahnsteig wird deutlich, dass rund 100 Personen diesem Irrtum aufgessenen sind und entsprechend überrascht sind die Einheimischen in der kurzen S-Bahn als wir alle, teils mit großen Reisekoffern und schweren Rucksäcken, die Tram entern, die an jeder Milchkanne zu halten scheint.

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Bustransfer von Baden-Baden nach Rastatt: Gute Organisation und disziplinierte Menschen nehmen der Krise ihre Vehemenz. FOTO: FROMM

Bereits hier beginnen erste Solidarisierungsgespräche, wohin man müsse, woher man komme und was man schon alles auf Bahnreisen erlebt hat. Noch glauben alle, in Basel schlicht den nächsten Zug nehmen zu können und doch noch den Flug ab Frankfurt am späten Nachmittag oder die Ankunft am Abend in Berlin zu schaffen. Zurück in Basel spitzt sich die Lager aber zu: Alle Hinweistafeln informieren, dass die Rheintalstrecke bis 19.08. gesperrt sei und sämtliche Züge ausfallen. Alternativen werden nicht genannt.

Immerhin steht Servicepersonal in gelben Jacken bereit, das fragt, wohin mal will und erstmals die Ursache für das Chaos nennt. Der Mann vom Service, offenbar ein DB-Mitarbeiter, empfiehlt, die Regionalbahn nach Schaffhausen zu nehmen, was wir zusammen mit rund 70 weiteren Personen tun. Zwar warnt dessen Zugbegleiter, von dort komme man auch nicht nach Deutschland weiter, doch wir schenken dem ersten Mann mehr Glauben, zumal ein Schweizer in seinem Smartphone eine Verbindung über Winterthur googelt, die ginge.

Nun kommt wieder der Zugbegleiter mit der ultimativen Nachricht via Funk, Bahnreisende nach Deutschland sollten im nächsten Ort erneut aussteigen und die nächste Tram zurück nach Basel nehmen. Erste Reisende werden panisch oder aggressiv, andere wirken deeskalierend auf das Kollektiv ein. Bei der Bahninfo in Basel sind wir nun eine Gruppe von rund 30 Reisenden, die sich ab jetzt koordinieren.

Die Frauen und die meisten Männer bleiben beim Gepäck, während ein Mann aus Westfalen und ich uns am Serviceschalter kundig machen wollen. Dort muss man aber eine Nummer ziehen und sicher 25 Minuten warten, ob der Nachfrage, darunter auch viele Schweizer. Unter dessen „erarbeiten“ viele Jüngere an ihren Handys Alternativen, während die Älteren ihre Söhne oder Töchter in Bern oder Braunschweig anrufen, die nun via heimischem PC zu helfen versuchen.

Die ersten Rentner verlassen unsere Gruppe, um wieder an ihren Ausgangspunkt zurückzukehren, um bei Angehörigen in der Schweiz noch einmal zu übernachten. Andere sondieren Möglichkeiten, per Flugzeug „raus zu kommen“. Wieder andere werden per Auto abgeholt, buchen den Flixbus oder fahren per Anhalter. Wir buchen nun zu zehnt ein Großraum- und ein normales Taxi, um auf die deutsche Seite des Baseler Bahnhofs zu gelangen.

Dort treffen immer mehr Menschen ein. Im kleinen Shop werden Hamstereinkäufe getätigt, auf den Toiletten Wasserflaschen gefüllt und am Gleis, auf dem ein IC mit mächtig Verspätung erwartet wird, der uns bis nach Baden-Baden  bringen soll, diskutieren entnervte Fahrgäste mit Zugbegleitern und Servicekräften über die „Unfähigkeit der Bahn“ und einiges mehr. Mir tun die Bediensteten leid, weil sie nichts für die Vorkommnisse können und sich den Kunden stellen.

Doch leider treffen sie nicht den richtigen Ton. Statt die Probleme zu bedauern, rechtfertigen sie ihren Arbeitgeber. Das ist zwar sympathisch und die Argumentation logisch, in diesem Kontext aber nicht hilfreich. Als ich unterstützend-moderierend eingreifen will, zieht mich meine Frau weg. Und weil auch sie am Limit ist, folge ich ihrem Wunsch. Umso mehr bin ich beeindruckt, wie vertraut wir nun in unserer Zehner-Clique beisammen stehen und uns gegenseitig unterhalten und aufmuntern.

Nun klärt sich für uns, dass ab Rastatt neun Busse die Reisenden aufnehmen und auf der Straße zum Bahnhof in Rastatt bringen, wo es dann per Bahn nach Karlsruhe weitergeht. Die Stimmung hellt sich auf, Kekse werden untereinander geteilt, ich organsiere ein Gruppenfoto und oute mich als Journalist, mein Münsteraner Freund informiert uns, wir dürften nun auch Erster Klasse fahren – was wir im Schutz der Gruppe dann auch tun.

In Baden-Baden löst sich unsere Gruppe auf, weil wir in unterschiedlichen Geschwindigkeiten mit der Masse zu den Bussen laufen. Hier steht nun alle paar Meter Personal, das die Richtung weist. Am Gleis trifft schließlich eine Regionalbahn ein, die rappelvoll mit Reisenden Richtung Freiburg ist. Viele Menschen lächeln sich nun zu, tragen sich gegenseitig Gepäck und vieles mehr. Die Atmosphäre ist weitgehend solidarisch und überall beginnen Fremde, miteinander zu sprechen.

Schließlich erreichen wir in der verbrauchten Waggonluft, in dem sich kein Fenster öffen lässt und alle Toiletten dauerbelegt sind, Karlsruhe. Die Menge schiebt sich auf den Bahnsteigen und wir treffen nochmals Mitreisende, von denen wir uns herzlich verabschieden. Schon hoffen wir, mit drei Stunden Verspätung zuhause anzukommen, als der IC, der uns nach Stuttgart bringen soll, auch nicht kommt.

Nach 20 Minuten Verspätung empfiehlt ein Uniformierter, die Regionalbahn gegenüber zu nehmen, was wieder hunderte tun. Als wir dort sitzen, sehen wir, dass der IC kommt. Zum Wechsel ist es nun zu spät und letztlich ist ohnehin alles egal. Hauptsache heute Nacht im eigenen Bett schlafen. In Vaihingen/Enz bleibt unsere überfüllte Regionalbahn, in der 80 Prozent aller WC defekt sind, länger stehen. Ich kombiniere: Wir wollen den IC passieren lassen, der auch hier hält.

Wir springen aus der Bahn, sehen den IC – und erreichen ihn. Viele Reisende machen diesen Transfer nicht mit. Wir ergattern den IC und nehmen in einem Sechser-Abteil Platz, in dem seit Mainz nur ein dehydriertes, älteres Ehepaar sitzt, das nach Walldürn möchte. Die Luft ist drückend, weil die Klimaanlage nicht geht. Egal, bis Stuttgart sind es 20 Minuten. Dort nehmen wir die nächste S-Bahn und sind kurz vor 20 Uhr zuhause.

Mein Fazit: Ich war den ganzen Tag froh, nicht als Flüchtling von Syrien (über das Mittelmeer) nach Schorndorf zu wollen, sondern nur von einem sicheren Land in ein anderes und das mit genügend Bargeld, Kreditkarte, Handy und deutschem Pass. Und: Ich bin beeindruckt, wie solidarisch sich vom Wohlstand privatisierte Deutsche verhalten, wenn es „eng wird“. Der gestrige Chaos-Tag macht mir Hoffnung für die Zukunft unseres Landes, das sich vermutlich auf noch mehr Komfortverlust einstellen muss.

Und: Da die Rastatter Ursache auf einen Tunnelbau für die Rheintalbahn zurückgeht, bin ich noch mehr verunsichert, ob der Machbarkeitsanspruch, den die S21-Befürworter immer wieder postulieren, gerechtfertigt ist. Mir wurde gestern deutlich: Ich gebe Planbarkeit und Verlässlichkeit den Vorzug vor Schnelligkeit und Komfort. Dankbar bin ich für die Erfahrungen, die ich gestern machen und die Einsichten, die ich gewinnen durfte.

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Ausbeutung: „Externalisierung kommt nach Hause“

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Sein Buch, das vor Ort auslag, war nach dem gut strukturierten Vortrag in der Stadtkirche sehr gefragt: Stephan Lessenich (l.) signiert und beantwortet Rückfragen vieler Besucher. FOTO: FROMM

„Politisieren Sie Ihre eigenen Lebensverhältnisse“, hat Stephan Lessenich seine rund 200 Zuhörer am Sonntagabend in der Schorndorfer Stadtkirche aufgefordert. Dort referierte der aktuell wohl angesagteste Soziologie-Professor Deutschlands in zweimal 30 Minuten über Externalisierung, also die Auslagerung von Kosten, Umweltschäden und Gesundheitsrisiken in den „globalen Süden.“

Denn nur wer politisch fragt, wer oder was ihn zwingt, strukturelles Unrecht unterstützen zu müssen, komme in einen Habitus der Eigenverantwortlichkeit. Der Münchner Autor von „Neben uns die Sintflut“ (Hanser-Verlag) warnt davor, dass es „massive Gegenkräfte gibt, die uns für dumm verkaufen wollen.“ Mit dem Appell „empört euch und fragt nach!“ endete sein strukturierter Vortrag, der mit lang anhaltendem Applaus goutiert wurde.

Nach Schorndorf in das Format „Kirche am Abend“ hatte den Wissenschaftler Pfarrerin Dorothee Eisrich geholt. Diese führte ihn mit alttestamentlichen Versen des Sozial-Propheten Ezechiel (Hesekiel) ein, der das Volk Israel im 6. Jahrhundert vor Christus wegen seines Götzendienstes anprangerte: „Ihr habt Blut an euren Händen“ und „schämt euch“, heißt es da.

„Dem habe ich wenig hinzuzufügen, aber ich bin Soziologe und kein Moraltheologe“, begann daraufhin Lessenich seinen zweiteiligen Vortrag im Rahmen des Gottesdienstes mit Musik und Segen. Am Beispiel der Antibiotika-Produktion im indischen Hyderabad stieg der 52-Jährige steil in sein Thema der Externalisierung ein. Die Medizin, die hierzulande Leben schenke, zerstöre bei seiner Herstellung Leben dort.

Und statt die Ursachen zu bekämpfen, würden Reisende von dort nun gescreent auf multiresistente Keime. „Das Beispiel zeigt mustergültig das Prinzip der Abschottung und der einseitigen Ausbeutung“, so der gebürtige Stuttgarter. „Unsere“ Profite seien Geld, Wohlstand, Demokratie, (Reise-)Freiheit, Gesundheit, sozialer Frieden, unversehrte Umwelt und vieles mehr. „Den anderen“ blieben Armut, Krankheit, Terror, Unterernährung, Dürre, verseuchtes Wasser, Dürren und Diktatur.

„Wir leben nicht über unsere Verhältnisse, sondern über die der anderen“, so Lessenichs Kernthese. Und: „Wir produzieren nicht nach uns die Sintflut, sondern längst neben uns.“ Auch hierzulande sei der biologische Fußabdruck der gebildeten Reichen deutlich größer als der der ungebildeten Armen, einfach deshalb, weil erstere mit ihren höheren Einkommen mehr Möglichkeiten haben, Ressourcen zu nutzen, z.B. Fernreisen per Flugzeugm, große Autos und Häuser etc.

Die Gesellschaften des früh industrialisierten Nordens seien strukturell auf Externalisierung, also Ausbeutung und Schädigung, des „agrarisch geprägten Südens“ ausgerichtet. So habe allein Deutschland auf einer Fläche Hessens seine Soja-Produktion nach Argentinien ausgelagert, um es preisgünstig für Biokraftstoff, Nahrung für Vegetarier und Tierfutter für unsere Fleischproduktion zu verbrauchen. Und China, die USA, England oder Frankreich machten dort dasselbe.

Die Folgen: Argentinien ist vom Fleisch- zum Soja-Produzenten abgestiegen, die Monokulturen zerschlagen kleinbäuerliche Strukturen und beschleunigen die Verelendung in den Zentren. Außerdem zerstören Herbizide und Pestizide das ökologische Gleichgewicht und die Abholzung der Regenwälder wird beschleunigt, weiI den wachsenden Bevölkerungen Anbauflächen für die eigene Ernährung fehlen.

„Die Globalisierung schließt nicht die Lücke, wie einige behaupten, sondern vergrößert sie“, doziert Lessenich eloquent vom Ambo der Stadtkirche. Und: Das Kernproblem seien nicht die acht reichsten Multimilliardäre dieser Welt, die bereits die Hälfte dieser Welt besäßen, sondern das Verhalten jedes einzelnen Konsumenten. Der Soziologe zu den Kirchgängern: „Jeder, der hier sitzt, ist Profiteur des Systems. Und wir lagern das Bewußtsein über diese Prozesse permanent aus, um überhaupt handlungsfähig zu bleiben.“

Wir bräuchten ein neues Bewußtsein für unsere Handlungsoptionen, um unser Verhältnis zu unserer Mobilität, Ernährung oder Bekleidung zu reflektieren, denn „die Bürger dieser Gesellschaft haben in Wahrheit eine machtvolle Position.“ Der Habitus der Beharrung sei in den gesellschaftlichen Strukturen verkörperlicht, in Konventionen, die wiederum den Habitus prägen.

Individueller Verzicht verändere diesen gesellschaftlichen Habitus ebenso wenig, wie die Energiewende, die suggeriert, man könne „dann ökologisch weitermachen wie bisher“, zitiert Lessenich den US-Amerikaner Timothy Mitchell. Es brauche stattdessen politische Veränderungen, die ein anderes, ethisches Handeln habituell machten. Schließlich komme „die Externalisierung zunehmend nach Hause“.

Als Beispiele nennt der Referent „die ersten zwei Millionen Flüchtlinge, die schon da sind“. Weltweit seien aber bereits 60 Millionen auf der Flucht und die Abschottung der europäischen Grenzen werde immer martialischer. Auch der Klimawandel komme zunehmend in Europa an und „viele von Ihnen kennen von zuhause die Pflegearrangements die wir mit Osteuropäerinnen eingehen.“ Auch dies sei Externalisierung, weil diese Frauen und Mütter zu Hause in ihren Familien und Volkswirtschaften fehlten.

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Hype um vermeintliche Schorndorfer Krawalle

Ein Beispiel, wie heute ein Medien- und Hysteriehype entsteht, hatte ich in den vergangen Tagen 700 Meter von meinem Wohnsitz entfernt und in nahezu sämtlichen Medien. Denn im Rahmen der Schorndorfer Woche, die von Freitag bis Dienstag dauerte, und die das jährliche Stadtfest darstellt, war es in den Medien bundesweit und international (!) zur Berichterstattung über vermeintlich migrantenbedingte Krawalle gekommen.

Unser Oberbürgermeister Matthias Klopfer (SPD) schaffte es daraufhin u.a. in die SWR-Landesschau und ins ARD-Morgen-Magazin und das Stadtfest sogar in die New York Times, die mit einem Foto vom Münchner Oktoberfest illustrierte, dass Deutschland nicht mehr sicher sei und nach den Übergriffen von Silvester 2015/16 in Köln und den Krawallen vom jüngsten G20-Gipfel in Hamburg das Chaos nun auch in der Provinz angekommen sei.

Fast schon erfrischend nüchtern wirkt dagegen der Beitrag auf Focus-online, der recherchiert und einordnet statt nur abzuschreiben, was bereits andere getextet haben und dabei jeweils nochmal „prägnanter zu werden“ oder „zuzuspitzen“. Denn das Allermeiste, was zu lesen war, ist Quatsch. Als Besucher und Anwohner des Festes habe ich sogar erst am Montag aus der Presse erfahren, was scheinbar Samstagnacht alles passiert sein soll.

Besonders bedauerlich waren für mich die Reflexe in den „sozialen Medien“ (was ist an Hass-Tiraden sozial?), in denen jenseits der Faktenlage oder -kenntnis daraufhin gegen Ausländer, Migranten und Flüchtlinge gehetzt wurde. In vielen Antworten erfuhr ich als Zugezogener immerhin, dass die Schorndorfer Männer schon vor 30 und 45 Jahren teils über den Durst getrunken, gepöbelt und den Frauen an die Wäsche gegangen sind. In den Städten, in denen ich erwachsen wurde, übrigens auch. Und für manches, was ich damals getan (oder versucht) habe, schäme ich mich noch heute.

Umso entspannter waren diese Woche bisher die Telefonate, die ich bundesweit mit Kunden, Redakteuren (als PR-Berater habe ich berufsbedingt täglich mit Journalisten zu tun) oder Recherchepartnern in Berlin, München oder Hamburg geführt habe. Geglaubt hat von denen allen niemand, was sie in Medien über das aktuelle Schorndorf hörten. Gängig war der Tenor: So, hat die Hysterie jetzt euch erwischt?

Mein Fazit: Meine geliebte (Zeitungs-)Branche beschleunigt damit ihren Absturz in die Bedeutungslosigkeit. Lokale Kompetenz hat aber dagegen die lokale Tageszeitung bewiesen, deren Redakteure sich selbst auf dem Fest seit Jahrzehnten bis spät in die Nacht tummeln und die lokalen Akteure vom Veranstalter bis zum Polizeieinsatzleiter kennen. Das merke ich der Berichterstattung wohltuend an.

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Mensch tendiert zur Selbstlosigkeit

Der 1,5-stündige Beitrag auf Arte, der leider nur noch 16 Tage freigeschaltet ist, macht deutlich, dass der Mensch zur Selbstlosigkeit von Geburt an konditioniert ist. Ich finde beeindruckend, welche Methoden und Studien Forscher entwickelt haben, um diese These wissenschaftlich zu untermauern. Letztlich ist sie aber nur logisch. Denn nur gemeinsam kann die Menschheit überleben.

Da ist es klug von der Natuir eingerichet, dass der Mensch schon im Alter von wenigen Monaten auf Hilfsbereitschaft angelegt ist und in moralischen Kategorien Gut von Böse unterscheiden kann. Umso bedenklicher ist, was offenbar in Kindheit und Jugend alles passiert, dass sich der Mensch diese Konditionierung offenbar häufig zumindest teilweise abgewöhnt.

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Arroganz der digitalen Business-Diktatur

Travis Kalanick von Uber, Mark Zuckerberg von Facebook, Jeff Bezos von Amazon oder Marc Benioff von Airbnb – sie alle revolutionieren mit ihren Digitalisierungsstrategien die Weltmärkte. Und mit ihrer Marktmacht die Demokratie. Da ist es gut, dass Kalanick nun über seine eigene Aggressivität gestolpert ist, mit der er seine Fahrdienst-App weltweit auf dem Rücken des Taxi-Gewerbes durchgedrückt hat.

Billiger und schneller sollte alles werden, so die Verheißung der Internetpioniere aus dem Silicon Valley. Die Welt „demokratisieren“ und mit „shared economy“ die Menschheit beglücken, heißen die Allmachtsphantasien, mit denen die milliardenschweren Konzerne teils Rechtsstaatsprinzipien umgehen, Steuern vermeiden und Suchoptionen manipulieren.

Dabei ist eine Machokultur gewachsen, die die Arroganz vermeintlicher Weltverbesserer genährt hat, die die sozialen Verwerfungen ihrer digitalen Revolution ignorieren und Empathie und soziale Verantwortung vermissen lassen. Immenser Arbeitsdruck, grenzenlose Arbeitszeiten und unmenschlicher Tempowahn beschreiben die Arbeitsbedingungen ihrer Mitarbeiter an der US-Westküste.

Dass in den Digital-Konzernen zudem fast ausschließlich gebildete weiße Männer arbeiten, kommt erschwerend hinzu und begünstigt den Machoismus, der Frauen und Minderheiten diskriminiert und ungebildete wie Lagerarbeiter oder Kurier- und Taxi-Fahrer ausbeutet. Fast wünsche ich mir, dass Konzerne wie Daimler oder VW mit ihren sozialen Standards und starken Gewerkschaften im Aufsichtsrat das Geschäft mit dem Mobilitätsmanagement übernehmen.

Denn die eigentliche Wertschöpfung liegt in der Produktion von Autos, von Büchern, von Zeitungen oder Hotellerie-Dienstleistungen – und nicht im skrupellosen Dealen damit. Denn die konventionellen Wertschöpfer schaffen Jobs, zahlen Steuern und Sozialabgaben. Die hoch gelobten Unternehmen der Digitalwirtschaft, insbesondere Facebook, oder steuerlich gesehen auch Apple, entziehen sich dqagegen ihrer sozialen Verantwortung.

Sie blenden die Öffentlichkeit sogar mit vermeintlichen Milliardenspenden für soziale Zwecke ihrer Wahl. Aber erstens ist das Geld ein Teil der vermiedenen Steuern und zweitens ist dieses Mäzenatentum anti-demokratisch und absolutistisch. Denn hier entscheidet im Zweifel ein Einzelner, was wächst und was stirbt, und nicht das Volk. Zudem sind diese vermeintlichen Mega-Spenden Teil einer subversiven Marketing-Strategie. Für mich stinkt diese digitale Diktatur zum Himmel und ich boykottiere sie, wo ich kann.

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Bestseller: Mutige Abrechnung mit Mohamed

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Schnell und verständlich zu lesen: Die kritische Auseinandersetzung mit Mohamed. FOTO: FROMM

Was das Christentum spätestens seit Karl-Heinz Deschners „Konzil der Buchhalter“ und Forschungsliteratur rund um den historischen Jesus bereits hinter sich hat, hat der Deutsch-Ägypter Hamed Abdel-Samad den Muslimen mit seinem Buch „Mohamed – Eine Abrechnung“ mit seinem gut 200 Seiten dünnen Taschenbuch serviert: Einen Beitrag zur Reflexion und Aufklärung.

Der Sohn eines muslimischen Gelehrten entfaltet in dem Spiegel-Bestseller die Biographie des 570 in Mekka als unehelichem Kind geborenen Propheten. Bereits als Sechsjähriger stirbt seine Mutter, womit er Vollwaise wird und fortan beim geliebten Großvater lebt, der wiederum zwei Jahre später stirbt. Abdel-Samad wählt neben der Quellenauswertung einen psychotherapeutischen Ansatz, um sich dem historischen Mohamed zu nähern.

So heiratet er 595 eine Unternehmerin, in deren Firma er zunächst Karawanenführer wird. In Summe hat der Prophet mehr als zehn  Frauen und während er in Mekka friedlich predigte und verlacht wurde, werden seine Positionen nach der Übersiedlung nach Medina und dem Aufstieg zur Macht unerbittlich und teils grausam. Immer wieder verweist der Autor auf den historischen Kontext, um Mohamed zu beleuchten, was ja auch bei der Analyse von Altem und Neuem Testament sinnvoll ist.

So postuliert Abdel-Samad, das fünfmalige Gebet pro Tag habe in Mohameds Wunsch nach Kontrolle seinen Ursprung. Auf diese Weise habe er seine Getreuen in kurzen Abständen um sich scharen und sich ihrer Loyalität versichern können. Bei den vielen rituellen Waschungen, die angesichts des Wassermangels in der Wüste die Nachfolge erschweren, vermutet der Autor einen Waschzwang Mohameds, für den er auch glaubt, Belege zu haben.

Desselben legt er nahe, Mohamed habe eine Art Epilepsie gehabt und in Verbindung mit den körperlichen Reaktionen habe er seine Eingebungen gehabt. Ohnehin habe der Religionsgründer vermutlich nicht schreiben können, so dass schon hier Diktier- und Übertragungsfehler naheliegen, für die das Buch einige Belege bietet. Vermutlich sei er auch Narzisst gewesen, was seine fehlende Empathie plausibel mache.

Schließlich gibt der Autor, der sich vom „strengen“ zum „liberalen“  Moslem gewandelt hat, eine Idee, worin die Abgrenzungstendenz der Muslime in den offenen Gesellschaften ihre Ursache haben könne: Der Spott abendländischer Kritiker über Gott und das Christentum empöre Muslime insofern, dass sie fürchten als nächstes werde auch ihre Religion beschmutzt. Die „Satanischen Verse“ von Salman Rushdie oder die Karikaturisten von Charlie Hebdos scheinen dies zu bestätigen.

Die Intention dahinter: die eigene Religion schützen vor Verunglimpfung. Tatsächlich aber gehe es um eine kritische, reformatorische und exegetische Auseinandersetzung auch mit dem Islam, um letztlich in eine tiefere, spirituelle und damit friedlichere und erlöstere Ebene vordringen zu können. Ein gleichermaßen lesens- wie liebenswertes Buch, das in der aktuellen Lage doch auch einigen Mut erfordert, geschrieben, verlegt und empfohlen zu werden.

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Eurovision Song Contest & Revanchismus

Es mag eine steile These sein, aber der Eurovision Song Contest scheint mir schon deutlich mehr von politisch-taktischen Erwägungen geprägt zu sein, denn von musisch-kreativen Neigungen. Zwar sind Pop und Schlager nicht meine Genre, aber von Musik verstehe ich zumindest soviel, dass die deutschen Beiträge der vergangenen Jahre nicht schlechter waren als viele deutlich besser platzierte aus „Sympathieträger-Nationen“.

Kann es also sein, dass der Wettbewerb jährlich eine günstige Gelegenheit bietet, dem (über-)mächtigen Deutschland, das in Engineering, Exportüberschuss, EU-Politik, Fußball, Pro-Kopf-Einkommen, BSP etc. überall die Nase vorne hat, den Stinkefinger zu zeigen? Dass man unterschwellig assoziiert, die Nazi-Enkel und -Ur-Enkel können doch gar keine schöne Musik machen?

Dass Zypern Griechenland die Höchstpunktzahl gibt und die Griechen den Zyprioten, darauf kann man schon fast wetten. Die Ukraine gibt den Weissrussen zwölf Punke, egal wer singt. Und die Australier machen es mit dem Mutterland des Commenwealth ebenso. Und die Schweizer und Österreicher mit ihrem Minderwertigkeitskomplex gegenüber Deutschland können dagegen nach dieser Logik gar keine Punkte vergeben.

Und warum vergibt Irland als einzige von 42 (!!!) Nationen-Jurys überhaupt Punkte an den deutschen Song von Levina und dann auch noch gleich drei? Kann das mit den Waffenlieferungen der Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg an die katholischen Iren zusammenhängen, die dadurch britisches Militär banden? Ich fände spannend, hinter all dem Glamour und der vermeintlichen Leichtigkeit mal die nationalen Traumata anzuschauen.

Respekt für die Souveränität, mit der Deutschland immer wieder Sänger in den Wettbewerb schickt. Dieser Sportsgeist gefällt mir. Oder ist das am Ende auch nur ein Trauma, von den Nachbarn in Europa und der Welt endlich geliebt werden zu wollen? Mich erinnert das Gegockele des Wettbewerbs mehr an spielerisch getünchten Revanchismus.

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Skulpturen: Kirche fragt Kunst

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Zwei von 14 Nischen an der Schorndorfer Stadtkirche: Künstler aus der gesamten Republik zeigen bis 10. November Werke, mit denen sie den christlich-gesellschaftlichen Dialog fördern wollen. FOTO: FROMM

500 Jahre nach der Reformation leistet auch die Evangelische Stadtkirche Schorndorf ihren Beitrag: Am 1. April wurden 14 Skulpturen an der Außenfassade des Gotteshauses enthüllt, dessen Nischen in zehn Metern Höhe seit dem nachreformatorischen Bildersturm leer geblieben waren. Nur fünf der einst mehr als 20 gotischen Heiligenstatuen haben den religiösen Übereifer überlebt.

Unsere Pfarrerin Dorothee Eisrich, die immer wieder pfiffige Ideen kreiert und diese beharrlich umsetzt, hatte im Frühjahr 2016 den Impuls, einen Wettbewerb bundesweit auszuschreiben und Künstler aufzufordern und einzuladen, diese Nischen zeitlich befristet im Jubiläumsjahr wieder mit Skulpturen zu besetzen. So sollte ein Dialog zwischen Kirche und Gesellschaft entstehen, die Kirche in ihr Umfeld strahlen und Martin Luther gewürdigt werden.

„Welche Thesen würde Luther heute an die Kirchentür schlagen?“ fragte die Theologin angesichts des Flüchtlingsstroms gen Europa, des Klimawandels, des wachsenden Nationalismus, des weltweiten IS-Terrors und vieler anderer kriegerischer Konflikte. Sie sammelte 50.000 Euro für den Wettbewerb, installierte eine Jury namhafter Kunstexperten und aktivierte 14 Künstler zur Teilnahme.

Seither inspiriert die Ausstellung, die bis Herbst dauert, zum Rundgang um die Kirche. Info-Tafeln sowie ein Katalog geben Erläuterungen zu jedem Werk und jedem Künstler. Der Stuttgarter Aktionskünstler Thomas Putze stieg zur Vernissage nackt per Hubsteiger, eingerieben mit Sandsteinfarbe, in seine Nische, um bei Temerapturen um die sieben Grad zehn Minuten als lebender Säulenheiliger zu verharren.

Lokalmatador Hardy Langer hat ein pinkfarbenes Männlein geschaffen, das wie auf einem Sprungbrett von seinem Sockel weg in die Welt laufen will, die Nische hinterlegt mit einem Spiegel. Die Botschaft: „Wer ankommen will, muss weggehen.“ Gleich daneben eine Leuchtreklame, die (mich) an ein Bordell erinnert. Deren fortlaufender Text: „Wir wollen Wunder.“ Und daneben, eine rote Fahne, die an 1. Mai-Kundgebungen erinnert, mit der Aufschrift: „Mittwoch.“

Begleitet wird die Ausstellung bis zur Finissage am 10. November von sieben Vorträgen. Allein schon die bisherige Medien- und Besucherresonanz bis hin zu einem TV-Beitrag im SWR zeigt, dass die Kampagne den richtigen Ton trifft. So macht Kirche Spaß, sie hat Relevanz und regt zum Nach-Denken an.

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Tiefe Einblicke in digitale Zusammenhänge

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Günter Renz (r.) referiert in Adelberg auf Einladung von Klaus Schanbacher (l.): Ungerechtigkeit destabilisiert die Systeme. FOTO: FROMM

Dass ein digitales 9/11 kommt, scheint unter Hackern ausgemacht. Spannende Einblicke in die Internetwelt von Big Data hat Günter Renz am Freitag beim Adelberger Männervesper vermittelt. Die lebhafte Diskussion zeigte,  dass der Vize-Direktor der Bad Boller Akademie den Nerv der 20 Zuhörer traf.

„Wir wissen immer mehr und verstehen immer weniger“, führte der promovierte Theologe seine Zuhörer in einen faktengespickten Vortrag ein, in dem er zunächst die Verschwendungssucht der Menschheit seit 1950 aufzeigte, die seither exorbitant ansteigt. Demnach verbauen wir heute 20 Milliarden Tonnen Beton pro Jahr, verbrauchen 300 Millionen Tonnen Plastik, der CO2-Gehalt ist auf 400 Teile je Million Partikel gestiegen, die Erde hat sich bereits um ein Grad erwärmt und der Meeresspiegel ist seit 1916 um 20 Zentimeter gestiegen.

Parallel sind Kindersterblichkeit oder Analphabetentum weltweit auf unter zehn Prozent gesunken, das Wachstum der Weltbevölkerung hat sich deutlich verlangsamt und trotz mehr Menschen weltweit sank der Anteil der Hungernden von einer auf 0,7 Milliarden. Nach Erfindung der Dampfmaschine, der Elektrifizierung und der Automobilisierung leben wir nun, so Renz, im Zeitalter der Digitalisierung.

Hatte es noch 75 Jahre gedauert, bis die ersten 100 Millionen Menschen ein Telefon nutzten, dauerte diese Durchdringung beim PC nur noch 16 Jahre, beim Internet zwölf Jahre, beim Handy acht Jahre und beim Smartphone knapp fünf.

Dank milliardenfach preisgünstig verfügbarer Rechner- und Speicherkapazität sind künstliche Intelligenz, Blockchaine und Bitcoins bereits Realität. „Transaktionen von Geld oder Immobilien sind so tausendfach dokumentiert, dass es keine Banken, Notare und Kataster mehr braucht. Und Autos fahren bald autonom“, verdeutlicht Renz die Folgen. Per Virtual Reality könne man dank Big Data technisch bereits einen Urlaub im Wunschland simulieren, was ein hohes Suchtpotential in sich berge, sich der realen Welt zu entziehen. Ohnehin werde es immer schwerer zu unterscheiden, was real und was simuliert ist.

Andererseits könnten sich Arbeitgeber in den USA bereits die DNA potentieller Mitarbeiter geben lassen, um diese auf etwaige Dispositionen oder Eignungen hin prüfen zu lassen. Schon gebe es einen illegalen Handel mit gestohlenen Gesundheitsdaten, die je Person zwei Cent bis 2,40 Dollar kosteten. Damit war Renz auch beim jüngsten US-Wahlkampf, den der Republikaner Donald Trump wohl auch deshalb gewann, weil er mittels Datenauswertung gezielt Wähler identifizieren lassen konnte, die noch unentschlossen oder leicht beeinflussbar waren.

Schließlich warf Renz in einem geradezu dramatischen, einstündigen Vortrag auch Charts an die Wand, die etwa visualisierten, welche arabischen Ölstaaten Agrarflächen in Afrika für sich nutzen oder wie umfangreich in Laos und auf den Philippinen für China produziert wird. Oder dass der Pro-Kopf-Fleischverbrauch je US-Bürger bei 100 Kilo und Jahr liegt, in der EU bei 64 Kilo und in Indien bei drei. Dabei trage der Weltfleischkonsum ähnlich dramatisch zum Klimawandel bei, wie die CO2-Emissionen.

„Je größer soziale Ungerechtigkeiten in einem System sind, desto instabiler werden diese“, leitete der Referent in eine engagierte Diskussion über, die Klaus Schanbacher moderierte und in der es viel um ethisches Handeln generell und um persönliche Statements ging.

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„Neugierde als Startrampe zum Mitgefühl“

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Hat im Herbst 2015 eine Woche mit Flüchtlingen in einer Waiblinger Turnhalle gelebt: Lokalredakteur Peter Schwarz (r.) im Gespräch mit einem Gottesdienstbesucher. FOTO: FROMM

Eine Woche hat im Herbst 2015 Lokalredakteur Peter Schwarz mit Flüchtlingen in Waiblingen in einer Turnhalle gelebt und täglich ganzseitig in der Presse darüber berichtet. Für die Pfarrerin der Schorndorfer Stadtkirche, Dorothee Eisrich, war dies Anlass, ihn nun zur „Stadtkirche am Abend“ einzuladen, damit er über „Mitgefühl verändert“ spricht.

In seiner launigen Rede sprach Schwarz lieber von Neugierde als journalistischer Grundhaltung, die dem Mitgefühl vorausgehe und handwerklichen Grundprinzipien. Denn wer vor Ort recherchiert statt vom Büro aus, erhalte mehr Informationen und Eindrücke. Zudem freuten sich Menschen grundsätzlich, wenn man sich für sie interessiere. Und: Gute Reporter-Geschichten lebten davon, dass es Helden und Schurken gibt, weshalb man nie zu genau hinschauen dürfe, weil sich Klischees dann differenzierten.

„Alles ändert sich, wenn sich ein Aktenzeichen in einen Menschen verwandelt“, so Schwarz, der eine prägende Erfahrung aus seinem Elternhaus preisgab. Demnach war die Tochter einer befreundeten Familie gestorben und der kleine Peter erlebte die Diskussion seiner Eltern, in der die empathische Mutter dafür plädierte, die Freunde zu besuchen, während der intelligente Vater davor warnte, dies könne aufdringlich, peinlich und gar voyeristisch sein.

Die pragmatische Mutter setzte sich mit der Bemerkung durch „einfach mal hingehen und dann schauen.“ Und offenbar war dies die richtige Entscheidung. Auch über Redakteure sagt Schwarz, „es genügt nicht die Vogelperspektive.“ Ein Journalist müsse hinsehen und hingehen und sich berühren lassen. So kam es zu seinem Besuch in der Turnhalle und der später preisgekrönten Berichterstattung, die auch ich von Anfang an für die einzig richtige Vorgehensweise hielt.

So erlebte Schwarz Männer, die in Turnhallen – durch Bauzäune abgetrennt – zu acht auf Gevierten von 32 Quadratmetern lebten.  Sobald er ein solches Quartier betrat, waren die Rollen vertauscht – und er der Gast, der alle Gefühle mit den Männern teilte, tiefe Einblicke in ihre Traumata bekam und deren Gastfreundschaft trotz des Mangels erlebte. Bis zu dreimal habe er an manchen Tagen zu Mittag gegessen, so der Referent, der vom Ambo aus sprach.

Und da Schwarz auch schon nach dem Amoklauf von Winnenden im März 2009 vor Ort mit Opfern und Angehörigen sprach, ist er in sensiblen Situationen erprobt. Sein Credo: „Wenn man sich echt statt taktisch verhält, macht man nichts falsch.“ Intuitiv habe er stets angemessen reagiert, wenn der andere etwa geweint hat. Interesse am anderen sei wichtiger als ein „perfekter Gesprächsverlauf“. Die vielen Begegnungen inseinem beruflichen Alltag hätten ihn verändert, weil Nähe Mitgefühl stiftet.

„Neugierde hilft gegen Angst vor dem Fremden“, empfahl er seinen gut 100 Zuhörern, die ihm gebannt lauschten. Es sei sein berufliches Privileg, bis zur Schamlosigkeit neugierig sein zu dürfen. Neugierde, so der gebürtige Ellwanger, sei die „Startrampe zum Mitgefühl.“

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