Enthüllungsjournalismus

Konsum: Quadratur der Schizophrenie

Bereits zum wiederholten Mal gefällt mir ein Werbevideo von Edeka, das emotionalisiert und eine ethische Botschaft wie das aktuell hier gezeigte auf den Punkt bringt. Als Medienprofi kann ich nur bestätigen, dass dieser Weg der sympathischen Präsenz klug und richtig ist. Denn dass der Lebensmittler für gute Produkte und kompetenten Service steht, braucht man nicht mehr thematisieren.

Demnach ist das Video eine sympathische Erinnerung daran, dass es Edeka gibt – in Abgrenzung zu Rewe, Aldi & Co., die alle auch Umsätze machen wollen. Und da beginnt für mich die Schizophrenie: Edeka thematisiert im Video, Eltern sollen sich Zeit für ihre Kinder nehmen. Selbst aber weiten sie die Öffnungszeiten – im Wettbewerb mit Rewe, Aldi & Co. – bis 21 Uhr und später aus, einschließlich samstags. So bleibt Familien (noch) weniger gemeinsame Zeit.

Mehr noch: Die meisten von uns sind übergewichtig, die Kühlschränke immer voll und viele Lebensmittel werden weggeschmissen. Da wäre eher die B0tschaft angesagt, mal drei Tage gar nicht einkaufen zu gehen oder ein Jahr lang (!!!) keine Textilien zu kaufen, um Ressourcen (und Geld, das zuvor durch Nebenjobs dazuverdient werden muss) zu sparen und sich bewusst zu machen, wie viel (zuviel) man hat. Das wäre Pädagogik.

Aber der Widersinn hat noch viel mehr Methode: Vor zwei Wochen war ich beim Energiekongress des Einzelhandels in Köln.  Dort referierten Energiemanager von Aldi, C&A oder Shoppingcenter-Betreibern wie ECE wie sie Energie sparen oder regenerativ erzeugen, um das klimaschädliche CO2 einzusparen. Letztlich geht es hierbei nämlich um das Überleben der Menschheit auf diesem Planeten. Das wäre wahrlich ein wichtiges Weinachtsgeschenk, wenn uns das gelingt.

Und tatsächlich leisten die Verantwortlichen teils Erstaunliches. Doch andererseits werden viele CO2-Einsparungen durch wachsende Konsumansprüche (noch mehr Kühltheken, Backshops, Videowände etc.) nahezu neutralisiert. Und wenn man dann hört, wie etwa Beleuchtung von „Lightning-Managern“ eingesetzt wird, um satte Verbraucher, die nichts brauchen, zum Stoppen und Zugreifen zu bringen, frage ich mich schon, wie pervers und dekadent unsere Spezies ist.

Da referiert die Sustanability-Verantwortliche der marktführenden Shoppingcenter-Kette, wie die Hamburger nachhaltig bauen und über Steuerungstechnik etc. CO2 einsparen. Und niemand im Saal – oder die Referentin selbst – kommt auf die Idee, mal zu hinterfragen, welchen Geschäftszweck diese Konsumtempel verfolgen: Nämlich Menschen permanent zu verführen und zu manipulieren statt zu informieren oder gar zu bilden.

Zum Beispiel darüber wie Ausbeutungsstrukturen von Filialisten entlang der gesamten Wertschöpfungskette funktionieren, um T-Shirts und Hosen, die keiner braucht, für fünf Euro in ihren Stores zu verkaufen. Oder darüber, dass nicht Erwerb und Besitz glücklich machen, sondern Beziehungen und Gemeinschaft. Wir sollten uns gegenseitig bei Letzterem unterstützen statt beim Ausbeuten. Frohe Weihnachten. Hoho-hohoooo.

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Oikocredit: Mikrokredite verändern die Welt

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Kurzweilige, Mut machende zwei Stunden beim Adelberger Männervesper: Helmut Götz (l.) informiert, wie Mikrokredite die Welt verbessern. FOTO: FROMM

Oikocredit vergibt Kredite an Kooperativen in Entwicklungs- und Schwellenländern, so in Peru, Kenia oder Indien. Beim Adelberger Männervesper erklärte Schatzmeister Helmut Götz, wie diese Darlehen lokale Wirtschaftsstrukturen in Gang bringen und Gerechtigkeit stiften.

„Die Betroffenen wollen kein Mitleid, sondern eine faire Chance“, sagt Helmut Götz. Der 73-Jährige war Vorstand der Heidenheimer Volksbank und ist seit knapp zehn Jahren Schatzmeister von Oikocredit. Die internationale Kreditgenossenschaft hat  der Ökumenische Weltrat der Kirchen 1975 gegründet, um die Armut in der Welt zu bekämpfen. Heute gehören dem Institut mit Sitz in Holland 589 Direktmitglieder an, darunter Kirchen, kirchliche Organisationen wie die Diakonie, Caritas oder Brot für die Welt sowie 30 Förderkreise mit weltweit mehr als 51000 Einzelmitgliedern.

Einer  dieser Förderkreise ist der 1978 gegründete Förderkreis Baden-Württemberg e.V., dessen Vorstand Götz angehört. Aktuell unterstützen in Baden-Württemberg 7000 Mitglieder die Arbeit von Oikocredit International. Binnen 40 Jahren hat Oikocredit 2,5 Milliarden Euro an Krediten vergeben, deren Laufzeit bis zu 15 Jahren geht. Aktuell sind 940 Millionen Euro an knapp 800 Partnerorganisationen in 71 Ländern vergeben. Die Mikrofinanzdienstleistung erreicht 46 Millionen Kreditnehmer. Diese sind oft in Gruppen gebündelt, um das Ausfallrisiko zu minimieren.

So bekommen etwa im Senegal sechs Frauen zusammen 200 Euro, um je eine eigene Geflügelzucht aufzubauen. Jede muss innerhalb von einem Jahr ihr Sechstel zurückzahlen. Fällt eine Kreditnehmerin aus, übernehmen die anderen fünf die Rückzahlung ihres Anteils. Deshalb liegt die Rückzahlungsquote bei nahezu 100 Prozent.

Auch bei Oikocredit sind die Ausfälle gering. Seit 2012 lagen diese zwischen 0,8 und  2,5 Prozent, was im Kontext der Risiken von Währungsschwankungen, Diktaturen oder Klimakatastrophen zu vernachlässigen sei, so Götz. Dass 86 Prozent der Mikrokreditnehmer Frauen sind, ist ihrer Verlässlichkeit geschuldet. „Die Frauen haben eine hohe Motivation, ihre Kinder durchzubringen und ihnen den Schulbesuch zu ermöglichen“, begründet der Heidenheimer, der selbst viele Länder bereist und Projekte besichtigt hat.

Entsprechend fließen Kredite in Photovoltaik-Projekte, damit die Frauen abends Strom und Licht haben, um noch arbeiten zu können. Oder es werden dringend notwenige Modernisierungen bei einer lokalen Kakao-Kooperative finanziert, um deren Wettbewerbsfähigkeit und Einkünfte zu sichern.
Weltweit beschäftigt Oikocredit 300 Mitarbeiter, die in dezentralen Strukturen die lokale Situation der Menschen kennen und die Kreditanträge bearbeiten. Diese erfolgt über Partnerorganisationen nach strikten Vorgaben: So müssen Menschen- und Arbeitsrechte oder der Umweltschutz eingehalten werden.

„Ein Grundübel sind Wucherzinsen“, sagt Götz, die durch knappe Ressourcen und ausgeprägte Machtstrukturen in Südamerika, Afrika oder weiten Teilen Asiens teils bei 100 Prozent pro Jahr liegen. Diese trieben Menschen in die Illegalität oder die Resignation. Nicht umsonst hat Wirtschaftsprofessor Muhammad Junus, der 2006 den Friedensnobelpreis erhielt, 1976 Mikrokredite mit Zinsen von 20 bis 30 Prozent in Bangladesch eingeführt und damit nachweislich die Lebenssituationen der Menschen verbessert.

Götz machte seinen knapp 20 Zuhörern im Adelberger Pfarrsaal in zwei spannenden Stunden Mut. Denn weltweit hat sich die Armut von 2000 bis 2015 in etwa halbiert, allerdings auch, weil 600.000 Chinesen durch das dortige Wirtschaftswachstum über die Schwelle von 1,90 Dollar pro Tag an Einkünften kamen. Und: Die Weltlandwirtschaft könnte sogar zwölf Milliarden Menschen ernähren, wenn die Ressourcen anders und gerechter verteilt wären.

Götz‘ Vortrag fiel auf fruchtbaren Boden: So wollen etliche Zuhörer Genossenschaftsanteile an Oikocredit erwerben, auf die in den vergangenen 25 Jahren in der Regel jährlich zwei Prozent Dividende  ausgeschüttet wurden. Auch viele Kirchengemeinden parken hier Teile ihres Geldes, das jederzeit wieder abrufbar ist. Pfarrer Tilman Schühle und Organisator Klaus Müller dankten dem Gast.

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Was Journalisten und Theologen verbindet

Mit großem Gewinn habe ich jüngst Heribert Prantls Beitrag „Zeugen der Wahrheit“ in dem kirchenkritischen Magazin Publik Forum gelesen. Der Jurist und Mitglied der Chefredaktion der Süddeutschen macht dort deutlich, dass es Theologen, Juristen und Journalisten im Kern um die jesuanische Frage „Was ist Wahrheit?“ vor Pontius Pilatus gehen muss.

Dabei geht es nicht um die politische Klugheit des römischen Statthalters, sondern darum, das Verborgene sichtbar zu machen, für das es von Profiteuren Bestrebungen gibt, diese unsichtbar zu halten. Dort ist der Journalist gefordert, Mißstände offenzulegen, etwa dubiose Waffengeschäfte, Steuerhinterziehung oder Korruption.

Entsprechend war für Prantl wie für mich die Offenlegung der „Panama Papers“ vor wenigen Monaten eine Sternstunde des internationalen Journalismus. Die Wahrheit über gigantische Mißstände, die Strukturen der schmutzigen Geschäfte und deren Dimensionen kamen „ans Licht der Öffentlichkeit“. Und international teilten Journalisten untereinander die Aufgaben statt auf die eigene Exklusivität zu achten.

Und ein zweiter Aspekt in dem Essay gefällt mir: Prantl charakterisiert Martin Luther als „wirkmächtigen Journalisten“, der die Mißstände des Ablaßhandels in deutscher Sprache offenlegt, weshalb der neue Erlanger Ehrendoktor der Theologie Luther als Schutzpatron der Journalisten vorschlägt. Doch diese haben mit Franz von Sales bereits einen.

Der Bischof von Genf lebte im 16. Jahrhundert und versuchte, die calvenistischen Konvertiten wieder zum Katholizismus zu bekehren. Weil dies bei Strafe verboten war, so hat auch Prantl recherchiert, druckte er seine Predigten auf Flugblätter, die er an Scheunen, Tore und Bäume heftete. Dabei bediente er sich nicht einer Polemik, sondern präziser Fakten und argumentierte wie zuvor Luther auf Deutsch statt dem vorgeschriebenen Kirchenlatein.

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Unrecht: Entschädigung für Kachelmann

Zwar haben sich die Wege von Jörg Kachelmann und mir im Dissens um Geld im Februar getrennt, trotzdem empört mich, welches Unrecht ihm die deutsche Justiz und einige Medien, allen voran die Springer-Presse und die mittlerweile verurteile Steuerhinterzieherin Alice Schwarzer, angetan haben. Da wirkt die Entschädigung von knapp 400.000 Euro, die ihm nun das Oberlandesgericht Köln zugesprochen hat, eher wie ein besseres Trinkgeld.

Sein tiefer Fall hatte es mir ermöglicht, ihn 2011 nach seiner Haftentlassung für „kleines Geld“ für einen Kunden zu buchen und damit bundesweit mediale Aufmerksamkeit auf meinen Mandanten zu ziehen. Andererseits trugen wir das Risiko, unsere guten Namen mit ihm in Verbindung zu bringen, was damals höchst kontrovers diskutiert wurde. Und: Wir trugen zu seiner Rehabilitation bei.

So war ja auch der Deal im Februar zustande gekommen. Denn der Trick ist einfach: Hole einen (bezahlbaren) Prominenten, der deine Zielgruppe und die Medien interessiert, und viel kann dir nicht mehr passieren. Aktuell bediene ich den Hebel wieder. Zwar würde Kachelmann auch hier prima passen, um die Bude voll zu bekommen, doch aktuell sondiere ich u.a. bei ehemaligen Fußball-Nationalspielern.

Und während ich hier schreibe, flattert mir die Einladung einer Ludwigsburger Agentur auf den Schreibtisch, die den früheren „Sprecher“ des Fellbacher Flatrate-Bordells „Paradise“ für ihren Event gebucht hat. Dort spricht der smarte Beau als Kommunikationsberater. Übrigens: Bei unserem Agentur-Sommerfest am Freitag spricht Tobias Köhler, Leiter des Strategie- und Innovationsteams der Süddeutsche Medienholding, zu der u.a. Stuttgarter Zeitung/Nachrichten, Rheinpfalz und Süddeutsche gehören.

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Energiewende wird ein Mammutprojekt

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Hat zum Beispiel in seinem neuen Edeka-Markt in Salach einen Eisspeicher installiert, dessen im Winter gesammelte Kälte (Frost) den Markt bis in den Sommer hinein kühlt: Energie-Pionier Manfred Gebauer.

Aktuell recherchiere ich für mehrere Zeitschriften unterschiedliche Themen rund um die Energiewende, die mir ein persönliches Anliegen ist. Dabei geht es um die Strompreisentwicklung (wird wegen der Umlagen für EEG und Netzentgelte weiter steigen), Speichersysteme, Last- und Energiemanagement oder die Frage, wo das Thema in Unternehmen verankert ist. Denn eine Beobachtung ist, dass es vom Hausmeister über den Facility Manager bis zur Geschäftsführung immer weiter nach oben rückt.

Bei meinen Recherchen merke ich leider auch, dass viele Firmen bei dem Thema mauern. So verkünden sie bspw. auf ihren Homepages, bis 2020 CO2-neutral sein zu wollen oder auf ein nachhaltiges Wirtschaften zu setzen, doch auf Nachfragen bekomme ich keine Antwort oder qualifizierte Ansprechpartner.

Umso erfreulicher war dieser Tage, an den Energieanalysten der Deutsche Bank Research heranzukommen, der erst vor wenigen Wochen eine 32-seitige Studie zum Energiemarkt veröffentlicht hat. Diese kommt sehr unaufgeregt und systematisch daher und empfiehlt beiden Seiten (Atomlobby und Regenerative), das Thema ideologiefrei zu betrachten. Seine Analyse ist Basis vieler Beiträge, die ich in den kommenden Monaten dazu schreiben werde.

Besondere Freude bereiten mir die Firmenbeispiele, in denen sich Firmen schon jetzt energieautark machen und beschreiben, wie das geht, was es kostet und welche Renditen und CO2-Einsparungen die Manahmen bringen. Sogar erste Vorträge vor Unternehmen und Bürgerenergiegenossenschaften halte ich zu dem Thema, um Nachahmer zu ermutigen und Wissen in die Breite zu tragen.

Ein Unternehmer, der Kältetechnik produziert und installiert, meinte kürzlich, ich wolle mit meinem Engagement die Welt retten. Das gefalle ihm. Ich habne ihm gesagt, wenn es stimmt, dass bislang 80 Prozent der Abwärme der Anlagen, die er installiert, nicht genutzt wird, weil seine Kunden darauf nicht achten, sei es mein Ziel, dass SEINE Kunden schon bald auch die Abwärme recyceln.

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Firma Bogenschütz gehören die Lacher

Den Trailer über die fiktive Textilfirma Bogenschütz auf der Schwäbischen Alb, die zum Globalisierungsopfer wird, möchte ich meinen Lesern nicht vorenthalten. In der Rolle des Seniorchefs brilliert Walter Schultheiss. Und nachdem ich es auch selbst vielfach mit inhabergeführten Mittelständlern zu tun habe, kann ich sagen, dass die Parodie gut getroffen ist.

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Psyeudo-Empörung über Gaulands „Zitat“

Super, endlich wieder ein Aufreger über die AfD, den alle kapieren – ohne jedes politische Faktenwissen. Es gilt als Konsens, dass Alexander Gauland im Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung gegen die political correctness verstoßen hat. Skandal. Echt cool, wie ihn da die FAS-Kollegen überführt haben.

Niemals glaube ich, dass Gauland den dunkelhäutigen Fußball-Nationalspieler Jerome Boateng beleidigen wollte. Als früherer Herausgeber der „Märkischen Allgemeinen“ wollte er vermutlich plakativ sprechen, was ja Redakteure mögen. Üblicherweise helfen diese auch nach, wenn der Interviewpartner allzu zögerlich ist. Im Fall des 75-Jährigen klingt dies plausibel, kennt er sich doch offenbar im Fußball gar nicht aus.

Tatsächlich ausdrücken wollte der Jurist, der 40 Jahre CDU-Mitglied war, ehe er mit anderen Euro-Kritikern 2013 aus wirtschaftspolitischen Gründen die AfD gründete, die Befindlichkeit in Deutschland. Und da attestiere ich dem AfD-Bundesvorstandsmitglied, dass die meisten Bundesbürger lieber neben mir, dem weißhäutigen Akademiker, wohnen wollen als neben einem Schwarzen (es sei denn er ist Promi und Millionär wie z.B. Roberto Blanco auch).

Das ist zwar traurig, aber ziemlich sicher bundesdeutsche Realität in mehr oder weniger weiten Kreisen. Übrigens bekam auch Tübingens Grüner OB Boris Palmer ziemlich eine auf die Mütze von seinen Mitbürgern, nachdem er in einem Spiegel-Interview sinngemäß gesagt hatte, auch die Professoren seiner multikulturellen Uni-Stadt seien nicht erfreut, wenn in ihrer Nachbarschaft eine Flüchtlingsunterkunft stehe (oder die Tochter mit einem Migranten pusiert).

Entsprechend wollte Gauland, der von 1987 bis 91 immerhin die hessische Staatskanzlei geleitet hat, eher seinen Mitbürgern den Spiegel vorhalten als dem begnadeten Boateng, der zudem sicher jede Menge Steuern zahlt und vieles mehr. Warum also dieses bewußte Mißverstehen-wollen, zu dem sogar die Kanzlerin ihre Distanzierung – in diesem Fall besser „ihren Senf“ – dazugibt?

Ich vermute, weil damit jeder meint, irgendwelche (hohlen) Bonuspunkte sammeln zu können. Der eigentliche Skandal ist aber jeder von uns selbst: Ich würde vermutlich auch „schlucken“, wenn meine Tochter mit einem Schwarzen oder Rassisten liiert wäre. In meinem konkreten Umfeld sind es Wähler der Grünen schon, wenn die Tochter einen zehn oder 15 Jahre älteren Mann „bringt“. Dann empören wir uns doch lieber kollektiv über Gauland.

Mit diesem Beitrag möchte ich mich von dieser Psyeudo-Empörung distanzieren. Die ist mir zu einfach (= primitiv) und wird die AfD weiter stärken. Super.

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Boykott von Ikea, Amazon, Apple & Co.

Ich weiß zwar nicht, warum Matthias Weik und Marc Friedrich bereits ein drittes Buch schreiben mussten über den bevorstehenden Zusammenbruch des Euros, denn die Botschaft bleibt immer dieselbe, erfrischend sind die Buchpräsentationen des Waiblinger Duos aber immer. Vor allem tut die erfrischende Direktheit gut, mit der die Autoren die Ökonomie (verständlich) erklären.

So riefen Weik und Friedrich bei der Vorstellung von „Kapitalfehler“ im Verlagshaus der Waiblinger Kreiszeitung ihre 100 Zuhörer – mehr fasst die Kantine nicht – auf, nicht mehr bei Ikea, Amazon oder Apple einzukaufen, wenn sie am Finanzsystem etwas ändern wollten. Begründung: Der Milliarden-Konzern Ikea habe 2010 auf einen Gewinn von 2,5 Mrd. Euro in Europa gerade Mal 48.000 Euro gezahlt.

Und den Vergleich schiebt Weik gleich nach: Das zahlt eine Schreinerei im Remstal mit 160.000 Euro Jahresgewinn auch. Mit Chancengleichheit oder gar Gerechtigkeit habe das überhaupt nichts zu tun, sehr wohl aber mit Luxemburger Steuersparmodellen, die Jean-Claude Juncker als Finanzminister des Zwergstaats seinerzeit kreiert hat. Zur Erinnerung: Heute ist er Präsident der EU-Kommission und soll die Finanzkrisen in den Mittgliedsstaaten, allen voran Griechenland, managen.

Eine Gesamtauflage von 300.000 Büchern in zwölf Sprachen haben Weik und Friedrich mit „Der größte Raubzug der Geschichte“ (2012) und „Der Crash ist die Lösung“ (2014) bereits erzielt. Gemeinsam betreiben sie eine Agentur für Finanzanlagen, in der sie gebetsmühlenartig betonen, in Sachwerte wie Gold, Wald oder Streuobstwiesen zu investieren, weil alle Währungen keine Sicherheit mehr böten.

Wegen ihrer immer neuen Beispiele für den Raubtier- oder Casino-Kapitalismus, den Friedrich „das Monster“ nennt, hängen die Zuhörer dem Duo an den Lippen, das mit unterschiedlichen Rollen kokettiert. Während Weik eher philosophisch doziert, schleudert Friedrich eine Absudität und Dekadenz nach der anderen ins Publikum. So gehöre den 62 Reichsten der Welt so viel wie den 3,6 Milliarden Ärmsten.

Dabei sei die Schere erst nach 1980 so richtig aufgegangen, weil es bis dahin doppelt so viele Reiche gebraucht habe, solchen Besitz anzuhäufen. Regiert haben seither zunächst Marktliberale wie Ronald Reagan, Margaret Thatcher oder Helmut Kohl, deren Politik des Neokapitalismus dann Bill Clinton, Tony Blair oder Gerhard Schröder fortgeführt hätten.

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Direkten Draht zu (fast) jedem Papst

007 Sigmund mit Papst
Zwei, die sich aus Argentinien schon lange kennen: Mein Sänger- und Studienfreund Sigmund Schänzle (l.) und Papst Franziskus herzen sich auf dem Petersplatz in Rom.

Mein Freund Sigmund Schänzle, mit dem ich in den 1980er-Jahren in Tübingen katholische Theologie studiert habe, hat mich bei einem kürzlichen Treffen unseres slawisch-byzantinischen Gospodi-Chors in Filderstadt-Bonlanden einmal mehr überrascht: Der Dekan von Ochsenhausen bat uns um das intensive Gebet für Papst Franziskus.

Das habe ihm der Argentinier bei der Generalaudienz „bracciano destra, 1era fila“ am Mittwoch, 30. März, auf dem Petersplatz in Rom persönlich aufgetragen. Der Papst mache sich „ernsthaft große Sorgen um sein Wohlergehen, weil er in obersten Kirchenkreisen nicht unumstritten“ sei. Zum Beweis legte der Priester obiges Foto vor.

Dazu muss man wissen, dass Sigmund, der einst sein Auswärtsjahr im Theologiestudium in Rom gemacht hat und schon damals Karol Woityla (Papst Johannes Paul II) und Josef Ratzinger (Papst Benedikt XIV) persönlich kennengelernt hat, nach seiner Priesterweihe elf Jahre als Seelsorger in unserer argentinischen Partnerdiözese gearbeitet hat.

Der heutige Dekan von Ochsenhausen und Leiter der Seelsorgeeinheit St. Benedikt hat sich damals stark für die Landbevölkerung eingesetzt und mit der Oberschicht angelegt. Kein Wunder, wurde also der damalige Bischof von Buenos Aires und spätere Kardinal Bergolio auf ihn aufmerksam. Dass allerdings auch diese Bande bis heute gehalten haben, war mir nicht bewußt.

Unser Gospodi-Chor hatte es schon bei früheren Romreisen dem kosmopoliten Sigmund zu verdanken, dass wir Johannes Paul II und später Benedikt XIV persönlich begegnen konnten und für sie singen durften. Erst im Sommer 2015 war unser Gründer und Chorleiter Kilian Nuss gestorben. Schon bei seiner Beerdigung versicherte uns sein Neffe Michael, ein Musiklehrer in Heilbronn, dass er den Chor weiter dirigieren werde.

In Bonlanden hielt der Lehrer am 17. April eine erste ganztägige Chorprobe mit 26 Sängern ab, die mit einem öffentlichen Abendlob in der Ortskirche endete. Und nachdem es offenbar mit dem 1966 gegründeten Chor weitergeht, habe ich mit Christian Cuypers, dem künftigen Volontär unserer Kommunikationsagentur, bereits für Verjüngung gesorgt. Der 26-Jährige betreut bei uns das Online-Magazin www.die-pflegebibel.de für Pflegefachkräfte und pflegende Angehörige.

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Deutsche halten Medien für „gelenkt“

Rechtzeitig zum heutigen Tag des Presserechts hat gestern Spiegel online publiziert, dass eine Mehrheit der Deutschen die Medien „für gelenkt“ hält. Das hat eine Emnid-Umfrage im Auftrag des Bayerischen Rundfunks ergeben. Neu ist diese wirre Erkenntnis nicht. Schon während meines Volontariats 1990/91 spekulierten Politiker und andere Multiplikatoren, denen meine Themenauswahl und Rechercheergebnisse nicht passten, dass dahinter Auftraggeber bspw. anderer Parteien stünden.

Das ist alles wirklich Quatsch. Schon damals hat mir und meinen Kollegen niemand Vorgaben gemacht und über den einen oder anderen Versuch der Einflußnahme, der vorkam, haben wir berichtet. Das stärkte unsere Glaubwürdigkeit und schreckte potentielle Manipulatoren ab. Am ehesten verbreitet war, dass Unternehmer damit drohten, keine Anzeigen mehr zu schalten oder Vereinsvorsitzende drohten, ihre Mitglieder würden die Zeitung abbestellen.

Das alles geschah wohl gemerkt im Vor-Internet-Zeitalter, in dem Begriffe wie Transparenz noch relativ und Recherchen mühsam waren. Auch hatten Leser und Anzeigenkunden mangels Internet noch kaum Alternativen. Wo die Schwarmintelligenz der Bürger aber richtig liegt, ist in der Vermutung der „Lenkung“. Die kommt aber nicht von außen (Politik etc.), sondern von innen (Chefredaktion, Selbstzensur).

Schon als Volontär fand ich es kindisch, dass unsere leitenden Redakteure bei der Südwest Presse dann am glücklichsten waren, wenn wir morgens denselben Aufmacher hatten wir Stuttgarter Zeitung und idealerweise Süddeutsche. Dahinter steckte für mich nicht das Bedürfnis nach Originalität, sondern nach Nicht-Provinzialität. Somit wollten sich also unsere Chefs, die es auch nur in der Provinz in Führungspositionen geschafft hatten, letztlich von unseren Lesern distanzieren. Seltsam.

Hinzu kam diese unbedingte Verquickung, politisch korrekt sein zu wollen. Auch hier spielte mit, unbedingt nicht als provinziell erkannt werden zu wollen. Ich weiß nicht, ob ich provinziell oder kosmopolit bin, jedenfalls bin ich echt. Und das haben unsere Leser an mir geschätzt. Denn ich war nicht berechenbar. Meine Artikel – und vor allem Kommentare – musste man bis zum Schluß lesen, weil Überraschendes drin stehen konnte.

Im Kern braucht es für einen solchen Journalismus Selbststand und Standfestigkeit. Dem Redakteur muss egal sein, was seine Leser zu seinem Beitrag sagen. Er muss sie aber überraschen, bspw. auch mit Fakten. Und: Er darf seine Position verändern, öffentlich!, wenn Fakten ihn zu anderen Überzeugungen kommen lassen.

Nur kurz ein Beispiel: Ich bin für offene Grenzen und ich bin mir ziemlich sicher, dass Deutschland noch eine Millionen Flüchtlinge verkraften würde, wenn es denn unbedingt sein müsste. Und trotzdem würde ich, auch jetzt, mal eine Recherche machen, wie viele Flüchtlinge ihren Deutschkurs abbrechen, unregelmäßig besuchen, zu spät kommen oder sich außerhalb des Unterrichts weder mit Vokabeln noch Grammatik befassen, um den entschlossenen Begriff des Paukens erst gar nicht zu bemühen.

Ich denke, die Steuerzahler haben ein Recht auf diese Information. Und nachdem sich die AfD-Wähler ob dieser Recherche auf die Schenkel geklopft hätten, hätte ich einen Beitrag unter Logistikern und Automobilzulieferern nachgeschoben, wie viele Milliarden mehr geschlossene Grenzen kosten statt der Millionen für die Flüchtlinge. So schwer ist guter, glaubwürdiger Journalismus nun auch wieder nicht.

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