Enthüllungsjournalismus

Firma Bogenschütz gehören die Lacher

Den Trailer über die fiktive Textilfirma Bogenschütz auf der Schwäbischen Alb, die zum Globalisierungsopfer wird, möchte ich meinen Lesern nicht vorenthalten. In der Rolle des Seniorchefs brilliert Walter Schultheiss. Und nachdem ich es auch selbst vielfach mit inhabergeführten Mittelständlern zu tun habe, kann ich sagen, dass die Parodie gut getroffen ist.

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Psyeudo-Empörung über Gaulands „Zitat“

Super, endlich wieder ein Aufreger über die AfD, den alle kapieren – ohne jedes politische Faktenwissen. Es gilt als Konsens, dass Alexander Gauland im Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung gegen die political correctness verstoßen hat. Skandal. Echt cool, wie ihn da die FAS-Kollegen überführt haben.

Niemals glaube ich, dass Gauland den dunkelhäutigen Fußball-Nationalspieler Jerome Boateng beleidigen wollte. Als früherer Herausgeber der „Märkischen Allgemeinen“ wollte er vermutlich plakativ sprechen, was ja Redakteure mögen. Üblicherweise helfen diese auch nach, wenn der Interviewpartner allzu zögerlich ist. Im Fall des 75-Jährigen klingt dies plausibel, kennt er sich doch offenbar im Fußball gar nicht aus.

Tatsächlich ausdrücken wollte der Jurist, der 40 Jahre CDU-Mitglied war, ehe er mit anderen Euro-Kritikern 2013 aus wirtschaftspolitischen Gründen die AfD gründete, die Befindlichkeit in Deutschland. Und da attestiere ich dem AfD-Bundesvorstandsmitglied, dass die meisten Bundesbürger lieber neben mir, dem weißhäutigen Akademiker, wohnen wollen als neben einem Schwarzen (es sei denn er ist Promi und Millionär wie z.B. Roberto Blanco auch).

Das ist zwar traurig, aber ziemlich sicher bundesdeutsche Realität in mehr oder weniger weiten Kreisen. Übrigens bekam auch Tübingens Grüner OB Boris Palmer ziemlich eine auf die Mütze von seinen Mitbürgern, nachdem er in einem Spiegel-Interview sinngemäß gesagt hatte, auch die Professoren seiner multikulturellen Uni-Stadt seien nicht erfreut, wenn in ihrer Nachbarschaft eine Flüchtlingsunterkunft stehe (oder die Tochter mit einem Migranten pusiert).

Entsprechend wollte Gauland, der von 1987 bis 91 immerhin die hessische Staatskanzlei geleitet hat, eher seinen Mitbürgern den Spiegel vorhalten als dem begnadeten Boateng, der zudem sicher jede Menge Steuern zahlt und vieles mehr. Warum also dieses bewußte Mißverstehen-wollen, zu dem sogar die Kanzlerin ihre Distanzierung – in diesem Fall besser „ihren Senf“ – dazugibt?

Ich vermute, weil damit jeder meint, irgendwelche (hohlen) Bonuspunkte sammeln zu können. Der eigentliche Skandal ist aber jeder von uns selbst: Ich würde vermutlich auch „schlucken“, wenn meine Tochter mit einem Schwarzen oder Rassisten liiert wäre. In meinem konkreten Umfeld sind es Wähler der Grünen schon, wenn die Tochter einen zehn oder 15 Jahre älteren Mann „bringt“. Dann empören wir uns doch lieber kollektiv über Gauland.

Mit diesem Beitrag möchte ich mich von dieser Psyeudo-Empörung distanzieren. Die ist mir zu einfach (= primitiv) und wird die AfD weiter stärken. Super.

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Boykott von Ikea, Amazon, Apple & Co.

Ich weiß zwar nicht, warum Matthias Weik und Marc Friedrich bereits ein drittes Buch schreiben mussten über den bevorstehenden Zusammenbruch des Euros, denn die Botschaft bleibt immer dieselbe, erfrischend sind die Buchpräsentationen des Waiblinger Duos aber immer. Vor allem tut die erfrischende Direktheit gut, mit der die Autoren die Ökonomie (verständlich) erklären.

So riefen Weik und Friedrich bei der Vorstellung von „Kapitalfehler“ im Verlagshaus der Waiblinger Kreiszeitung ihre 100 Zuhörer – mehr fasst die Kantine nicht – auf, nicht mehr bei Ikea, Amazon oder Apple einzukaufen, wenn sie am Finanzsystem etwas ändern wollten. Begründung: Der Milliarden-Konzern Ikea habe 2010 auf einen Gewinn von 2,5 Mrd. Euro in Europa gerade Mal 48.000 Euro gezahlt.

Und den Vergleich schiebt Weik gleich nach: Das zahlt eine Schreinerei im Remstal mit 160.000 Euro Jahresgewinn auch. Mit Chancengleichheit oder gar Gerechtigkeit habe das überhaupt nichts zu tun, sehr wohl aber mit Luxemburger Steuersparmodellen, die Jean-Claude Juncker als Finanzminister des Zwergstaats seinerzeit kreiert hat. Zur Erinnerung: Heute ist er Präsident der EU-Kommission und soll die Finanzkrisen in den Mittgliedsstaaten, allen voran Griechenland, managen.

Eine Gesamtauflage von 300.000 Büchern in zwölf Sprachen haben Weik und Friedrich mit „Der größte Raubzug der Geschichte“ (2012) und „Der Crash ist die Lösung“ (2014) bereits erzielt. Gemeinsam betreiben sie eine Agentur für Finanzanlagen, in der sie gebetsmühlenartig betonen, in Sachwerte wie Gold, Wald oder Streuobstwiesen zu investieren, weil alle Währungen keine Sicherheit mehr böten.

Wegen ihrer immer neuen Beispiele für den Raubtier- oder Casino-Kapitalismus, den Friedrich „das Monster“ nennt, hängen die Zuhörer dem Duo an den Lippen, das mit unterschiedlichen Rollen kokettiert. Während Weik eher philosophisch doziert, schleudert Friedrich eine Absudität und Dekadenz nach der anderen ins Publikum. So gehöre den 62 Reichsten der Welt so viel wie den 3,6 Milliarden Ärmsten.

Dabei sei die Schere erst nach 1980 so richtig aufgegangen, weil es bis dahin doppelt so viele Reiche gebraucht habe, solchen Besitz anzuhäufen. Regiert haben seither zunächst Marktliberale wie Ronald Reagan, Margaret Thatcher oder Helmut Kohl, deren Politik des Neokapitalismus dann Bill Clinton, Tony Blair oder Gerhard Schröder fortgeführt hätten.

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Direkten Draht zu (fast) jedem Papst

007 Sigmund mit Papst
Zwei, die sich aus Argentinien schon lange kennen: Mein Sänger- und Studienfreund Sigmund Schänzle (l.) und Papst Franziskus herzen sich auf dem Petersplatz in Rom.

Mein Freund Sigmund Schänzle, mit dem ich in den 1980er-Jahren in Tübingen katholische Theologie studiert habe, hat mich bei einem kürzlichen Treffen unseres slawisch-byzantinischen Gospodi-Chors in Filderstadt-Bonlanden einmal mehr überrascht: Der Dekan von Ochsenhausen bat uns um das intensive Gebet für Papst Franziskus.

Das habe ihm der Argentinier bei der Generalaudienz „bracciano destra, 1era fila“ am Mittwoch, 30. März, auf dem Petersplatz in Rom persönlich aufgetragen. Der Papst mache sich „ernsthaft große Sorgen um sein Wohlergehen, weil er in obersten Kirchenkreisen nicht unumstritten“ sei. Zum Beweis legte der Priester obiges Foto vor.

Dazu muss man wissen, dass Sigmund, der einst sein Auswärtsjahr im Theologiestudium in Rom gemacht hat und schon damals Karol Woityla (Papst Johannes Paul II) und Josef Ratzinger (Papst Benedikt XIV) persönlich kennengelernt hat, nach seiner Priesterweihe elf Jahre als Seelsorger in unserer argentinischen Partnerdiözese gearbeitet hat.

Der heutige Dekan von Ochsenhausen und Leiter der Seelsorgeeinheit St. Benedikt hat sich damals stark für die Landbevölkerung eingesetzt und mit der Oberschicht angelegt. Kein Wunder, wurde also der damalige Bischof von Buenos Aires und spätere Kardinal Bergolio auf ihn aufmerksam. Dass allerdings auch diese Bande bis heute gehalten haben, war mir nicht bewußt.

Unser Gospodi-Chor hatte es schon bei früheren Romreisen dem kosmopoliten Sigmund zu verdanken, dass wir Johannes Paul II und später Benedikt XIV persönlich begegnen konnten und für sie singen durften. Erst im Sommer 2015 war unser Gründer und Chorleiter Kilian Nuss gestorben. Schon bei seiner Beerdigung versicherte uns sein Neffe Michael, ein Musiklehrer in Heilbronn, dass er den Chor weiter dirigieren werde.

In Bonlanden hielt der Lehrer am 17. April eine erste ganztägige Chorprobe mit 26 Sängern ab, die mit einem öffentlichen Abendlob in der Ortskirche endete. Und nachdem es offenbar mit dem 1966 gegründeten Chor weitergeht, habe ich mit Christian Cuypers, dem künftigen Volontär unserer Kommunikationsagentur, bereits für Verjüngung gesorgt. Der 26-Jährige betreut bei uns das Online-Magazin www.die-pflegebibel.de für Pflegefachkräfte und pflegende Angehörige.

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Deutsche halten Medien für „gelenkt“

Rechtzeitig zum heutigen Tag des Presserechts hat gestern Spiegel online publiziert, dass eine Mehrheit der Deutschen die Medien „für gelenkt“ hält. Das hat eine Emnid-Umfrage im Auftrag des Bayerischen Rundfunks ergeben. Neu ist diese wirre Erkenntnis nicht. Schon während meines Volontariats 1990/91 spekulierten Politiker und andere Multiplikatoren, denen meine Themenauswahl und Rechercheergebnisse nicht passten, dass dahinter Auftraggeber bspw. anderer Parteien stünden.

Das ist alles wirklich Quatsch. Schon damals hat mir und meinen Kollegen niemand Vorgaben gemacht und über den einen oder anderen Versuch der Einflußnahme, der vorkam, haben wir berichtet. Das stärkte unsere Glaubwürdigkeit und schreckte potentielle Manipulatoren ab. Am ehesten verbreitet war, dass Unternehmer damit drohten, keine Anzeigen mehr zu schalten oder Vereinsvorsitzende drohten, ihre Mitglieder würden die Zeitung abbestellen.

Das alles geschah wohl gemerkt im Vor-Internet-Zeitalter, in dem Begriffe wie Transparenz noch relativ und Recherchen mühsam waren. Auch hatten Leser und Anzeigenkunden mangels Internet noch kaum Alternativen. Wo die Schwarmintelligenz der Bürger aber richtig liegt, ist in der Vermutung der „Lenkung“. Die kommt aber nicht von außen (Politik etc.), sondern von innen (Chefredaktion, Selbstzensur).

Schon als Volontär fand ich es kindisch, dass unsere leitenden Redakteure bei der Südwest Presse dann am glücklichsten waren, wenn wir morgens denselben Aufmacher hatten wir Stuttgarter Zeitung und idealerweise Süddeutsche. Dahinter steckte für mich nicht das Bedürfnis nach Originalität, sondern nach Nicht-Provinzialität. Somit wollten sich also unsere Chefs, die es auch nur in der Provinz in Führungspositionen geschafft hatten, letztlich von unseren Lesern distanzieren. Seltsam.

Hinzu kam diese unbedingte Verquickung, politisch korrekt sein zu wollen. Auch hier spielte mit, unbedingt nicht als provinziell erkannt werden zu wollen. Ich weiß nicht, ob ich provinziell oder kosmopolit bin, jedenfalls bin ich echt. Und das haben unsere Leser an mir geschätzt. Denn ich war nicht berechenbar. Meine Artikel – und vor allem Kommentare – musste man bis zum Schluß lesen, weil Überraschendes drin stehen konnte.

Im Kern braucht es für einen solchen Journalismus Selbststand und Standfestigkeit. Dem Redakteur muss egal sein, was seine Leser zu seinem Beitrag sagen. Er muss sie aber überraschen, bspw. auch mit Fakten. Und: Er darf seine Position verändern, öffentlich!, wenn Fakten ihn zu anderen Überzeugungen kommen lassen.

Nur kurz ein Beispiel: Ich bin für offene Grenzen und ich bin mir ziemlich sicher, dass Deutschland noch eine Millionen Flüchtlinge verkraften würde, wenn es denn unbedingt sein müsste. Und trotzdem würde ich, auch jetzt, mal eine Recherche machen, wie viele Flüchtlinge ihren Deutschkurs abbrechen, unregelmäßig besuchen, zu spät kommen oder sich außerhalb des Unterrichts weder mit Vokabeln noch Grammatik befassen, um den entschlossenen Begriff des Paukens erst gar nicht zu bemühen.

Ich denke, die Steuerzahler haben ein Recht auf diese Information. Und nachdem sich die AfD-Wähler ob dieser Recherche auf die Schenkel geklopft hätten, hätte ich einen Beitrag unter Logistikern und Automobilzulieferern nachgeschoben, wie viele Milliarden mehr geschlossene Grenzen kosten statt der Millionen für die Flüchtlinge. So schwer ist guter, glaubwürdiger Journalismus nun auch wieder nicht.

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Medien: Kachelmann und die Eitelkeit

mit Jörg Kachelmann PK seitlich 17.10.2011
Ein Bild aus harmonischeren Tagen: Jörg Kachelmann (v.r.) mit meinem damaligen Kunden Michael Aigmner und mir bei der legendären Pressekonferenz auf der Schwäbischen Alb. 2011 war dies der erste öffentliche Auftritt des Deutsch-Schweizers außerhalb seiner Rechtsstreitigkeiten. FOTO: der-Medienberater

Mit Bedauern lese ich auf Spiegel online, dass Wettermoderator Jörg Kachelmann im Streit um die Höhe seines Schmerzensgeldes, das ihm der Axel-Springer-Verlag für seine Berichterstattung über den damaligen vermeintlichen Vergewaltigungsskandal zahlen soll, erneut kämpfen muss. Zudem sollen die ursprünglich in Aussicht gestellten 635.000 Euro überhöht gewesen sein.

Dabei habe ich 2011 dessen Absturz aus dem Medienzenit unmittelbar miterlebt. Wenige Tage nach seiner Haftentlassung versuchte ich mehrfach, mit Kachelmann Kontakt aufzunehmen, um ihm einen Werbe-Deal mit einem meiner Kunden in der Photovoltaikbranche anzubieten. Später stellte sich heraus, dass ich auf der richtigen Spur war, er aber fürchtete, ich könne von BILD oder RTL sein und ihn hereinlegen wollen.

Schließlich gelang es, am Weinsberger Autobahn-Kreuz im Haus meiner Schwester ein konspiratives Treffen zu arrangieren, aus dem tatsächlich eine Kooperation mit meinem Kunden entstand. Der eloquente Kachelmann meinte damals: „Am Tag als mich der Medienberater anrief, spürte ich das erste Mal, dass es für mich ein Leben nach der U-Haft gibt.“

Tatsächlich hatten wir in der Folge viel Spaß miteinander und rund 250 Veröffentlichungen bundesweit binnen 24 Stunden, nachdem wir auf einer Pressekonferenz den Deal öffentlich machten. Bild, RTL, dpa und viele andere waren da und berichteten. Zwei Jahre später gewannen wir damit sogar einen Marketingpreis, der uns im Verlagshaus der Süddeutschen in München überreicht wurde.

Im Sommer 2015 kontaktierte ich Kachelmann auf Wunsch eines anderen Kunden erneut, um ihn für diesen Februar für eine Pressekonferenz auf einer Branchenmesse in Stuttgart zu buchen. Erneut war die Zusammenarbeit mit dem Medienprofi, den ich stark als gekränkte Diva mit höchst komplexer Persönlichkeitsstruktur erlebte, anstrengend und für mich zeitaufwändig, da er Absprachen nicht einhielt oder Mails ignorierte.

Da ich aber wußte, wie tief er (finanziell) gefallen war, „verkaufte“ ich ihn dem Auftraggeber für einen Tagessatz von 5000 Euro, obwohl er bereits „mit 2000 bis 3000 Euro zufrieden“ gewesen wäre. Immerhin hatte er auch die Anreise aus der Schweiz und ich wußte um die Effizienz meines Konzeptes, in dem die Zugkraft seiner Person dieses Honorar rechtfertigte. Außerdem wollte ich nicht seine Not ausnutzen.

Auch hierbei bediente ich seinen Drang in die Öffentlichkeit, sein Mitteilungsbedürfnis und letztlich verbesserte ich seinen Marktwert, zumal es um den einstigen Star der Öffentlich-Rechtlichen ging, um den es doch ziemlich ruhig geworden war. Tatsächlich beobachteten auch meine Kunden mit großem Interesse, was ich mit Kachemann wie mache und ein, zwei Firmen zeigten konkretes Interesse, seine Medienwirkung gleichfalls zu buchen. Auch sein Tagessatz von 5000 Euro, den ich kommunizierte, schreckte nicht.

Als ich mit Kachelmann seriös über eine solche Vereinbarung reden wollte, bei der ich je 20 Prozent (oder 1000 Euro) als Vermittlungsaufwand für mich reklamierte, hielt er mir sinngemäß wahlweise Geldgier vor und sprach von seinen materiellen Sorgen, weshalb er mir von einem etwaigen Honorar nichts abgeben könne. Die Tatsache, dass er durch meine Vermittlung je Auftritt immer noch mindestens 1000 Euro mehr hätte als Solist, ignorierte er total.

Als ich ihm dann noch empfahl, seine dümmlichen Auftritte wie auf ZDF neo bei Jan Böhmermann um Mitternacht vor 200.000 Zuschauern sein zu lassen, um nicht das seriöse Image zu beschädigen, das ich ihm vermitteln wollte, war für die Diva offenbar zu viel Kritik auf einmal und auf Augenhöhe. Mitte Februar hat dieser undankbare, anstrengende Mensch den Kontakt zu mir abgebrochen – und ich kann sehr gut damit leben.

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Panamapapers – ein Lichtblick für die freie Welt

Man mag mich für naiv halten. Aber als ich am Sonntag in der Tagesschau um 20 Uhr erstmals von den Panamapapers hörte, war dies für mich ein Lichtblick: Denn die Dekadenz unserer vermeintlich freien Welt scheint so weit fortgeschritten zu sein, dass immer mehr Menschen moralisch zu den Missständen und dem schreienden Unrecht nicht mehr schweigen können.

Ein Anonymus hatte der Süddeutschen vor rund einem Jahr 11,5 Millionen Dokumente zugespielt, die die Besitzverhältnisse von 214.000 Briefkastenfirmen und Stiftungen in Panama offenlegen, die die Vermögensverhältnisse Superreicher in aller Welt verschleiern und Steuervermeidung in großem Stil ermöglichen (sollen).

Überraschend kommt diese Nachricht für mich nicht, wenngleich mich Umfang und Systematik irritieren. Umso mehr freut mich als Journalist, dass meine Kollegen ihr Handwerk doch noch immer zu verstehen scheinen. Denn die Redakteure der Süddeutschen machten die Daten auch dem 1997 in Washington gegründeten Recherchenetzwerk ICIJ zugänglich statt im Wettbewerb um Auflage und Relevanz den Exklusivitätsvorteil zu nutzen.

Das Netzwerk, das seither grenzübergreifend und investigativ weltweit recherchiert, involvierte 400 Journalisten in 70 Ländern der Erde, die sich ein Jahr lang strikt an die gemeinsam vereinbarte Geheimhaltung bis zu diesem Sonntag um 20 Uhr hielten. Wer die Geschwätzigkeit, Eitelkeiten und den Konkurrenzdruck unserer Branche kennt, kann ermessen, welch ethische Leistung hinter diesem Kollektiv stand.

Hoffentlich „rollen“ in den kommenden Tagen, Wochen und Monaten „die Köpfe“ hunderter Vermögender, die ihr charakterliches Recht auf Besitz m.E. durch ihre Gier verwirkt haben. Denn was sie besitzen – das Wort „privat“ stammt aus dem Lateinischen und kann mit „rauben“ im Sinne von Vorenthalten übersetzt werden – fehlt der Allgemeinheit, die diese Ressourcen für Bildung, Gesundheit, Ernährung oder Behausung dringend braucht.

Vielleicht rückt auch die Weltgemeinschaft enger zusammen, in dem sie sich auf (steuer- und finanz-)politische Standards verständigt, die den Wettbewerb um Steueroasen und Verschleierungsoptionen möglichst massiv behindert. Der nächste Schritt ist, dass die Söldner dieser Welt ihre Waffen niederlegen, weil sie persönlich nie die Kriege gewinnen können, die vermutlich etliche Briefkastenkonten-Inhaber angezettelt haben.

Oder der Waffennachschub bleibt aus, weil Demokraten weltweit konsequent gehandelt haben.  Persönlich gewinne ich den Eindruck, dass sich bei immer mehr Egoisten die logische Erkenntnis durchsetzt, dass sie auf derselben Welt leben, die sie scheibchenweise mit zerstören, um ihres lächerlich kleinen Vorteils willen. Denn das faire an dem Thema: Auch Milliardäre können nur die Luft atmen, die auf dieser Welt vorhanden ist. Und wenn der Terror global ist, trifft er demokratisch statistisch jeden.

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AfD muss jetzt zeigen, was sie kann

006 Wahlforum SN 24.02.2016
Die AfD darf nun nicht mehr nur mitdiskutieren, sondern muss u.a. im Landtag von Baden-Württemberg die Steuergelder rechtfertigen, die der Aufwand für ihre Parlamentarierer verursacht. FOTO: FROMM

Nach dem ersten Schock über den Wahlerfolg der AfD, der ohnehin zu erwarten war, kehrt die Republik allmählich zur Sacharbeit zurück. Als junger Redakteur habe ich erlebt, welch erbämliche Figur die Republikaner abgaben, wenn es um Sachthemen ging. Jetzt ist die AfD dran, die laut ihrem Parteiprogramm zurück zu Atom- und Kohlekraft will, den Mindestlohn abschaffen, bei Scheidungen zum Schuldprinzip zurückkehren und vieles mehr.

Das wird ein grausames Erwachen für viele gefühlte Verlierer und Verbitterte in unserer Gesellschaft, die in ihrem diffusen Frust die „Aufräumer“ gewählt haben, die nun womöglich bei ihnen selbst damit anfangen. Nicht nur das PV-Magazine hat mit der Berichterstattung schon mal angefangen.

Selbst dem AfD-Spitzenkandidaten Prof. Jörg Meuthen – stets bemüht, im Ton verbindlich und in der Aussage diffus zu bleiben – war bei der Diskussion der Stuttgarter Nachrichten in der Liederhalle vor der Landtagswahl mit den Spitzenkandidaten der Satz herausgerutsch, man wolle zur Atomkraft zurück, „weil das mit dem Wind und der Sonne ja nicht funktioniert.“

Herrn Meuthen und seinen Wählern sei gesagt, es funktioniert (wenn nicht die Kohle- und Atom-Lobby das Rad der EEG-Umlage für regenerativ erzeugten Strom weiter überdreht): Denn Speichersysteme werden immer billiger (teils um 50% pro Jahr), Geräte immer effizienter (teils um 30 % mit jeder neuen Produktgeneration), softwarebasierte Energiemanagementsysteme vermeiden Verschwendung (teils um 40 %) und senken Lastkurven (teils um 20 %).

Mehr noch: PV-Anlagen werden nur noch auf 90 % und mehr Eigenverbrauch ausgelegt, der umso häufiger erreicht wird, wenn Firmen zunehmend auch auf e-Mobilität umsteigen. Deren Autarkiegrad wächst dank Eisspeicher, Wärmerückgewinnung, biogas-betriebenem Blockheizkraftwerk, Solarthermie und Windkraft auf bis zu 100 Prozent, wobei das letzte Drittel aktuell noch nicht „betriebswirtschaftlich“ ist. All das schafft und erhält bundesweit hunderttausende Arbeitsplätze im Handwerk, also bei Nicht-Studierten. Das ist sozial und volkswirtschaftlich klug.

Wenn die Partei nun genügend Abgeordnete in immer mehr Landtagen (und 2017 auch im Bundestag) hat, hat sie genügend Geld und Personal, sich in Energiepolitik, aber auch Bildung, Innere Sicherheit, Gesundheitswesen, Verkehrswesen, Finanzen  etc. kundig zu machen. Das ist sicher ähnlich anstrengend, wie wenn ein NPD-Sympathisant den Hauptschulabschluss nachholt, aber es ist der einzige Weg, dem deutschen Volk, also auch mir, Nutzen zu stiften.

Die (Pegida-)Party ist zu Ende. Es mag ja entlastend gewesen sein, wenn man selbst ein Looser ist, gegen noch Schwächere zu polemisieren. Wenn die Partei aber jetzt ihre Hausaufgaben macht, wird sie künftig änliche Wahlprogramme und Positionen haben wie Linke, SPD, Grüne, FDP oder CDU/CSU. Wenn die Mitglieder allerdings den deutschen Staat verhöhnen und abschaffen wollen, sollen sie das bitte sagen. Danke.

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Kretschmann setzt auf Konsens statt Krawall

006 Wahlforum SN 24.02.2016
Lehrstunde der Demokratie: Die Elefanten-Runde der sechs Spitzenkandidaten zur Landtagswahl in Baden-Württemberg, die am Mittwoch in der Stuttgarter Liederhalle erstmals aufeinandertrafen. FOTO: FROMM

Um es gleich zu sagen: In der knapp zweistündigen Podiumsdiskussion der „Stuttgarter Nachrichten“ am Mittwoch (24.02.) in der Stuttgarter Liederhalle hat der Spitzenkandidat der Grünen, Winfried Kretschmann, als Ministerpräsident überzeugt. Breiten Raum nahm zu Beginn leider die unappetitliche Debatte um die rechtsradikale AfD ein, deren Claquere offenbar zu Dutzenden im Auditorium saßen.

Mit zynischen Zwischenrufen und Hohngelächter gaben sie einen traurigen Vorgeschmack darauf, was unsere Demokratie nach der Landtagswahl in Baden-Württemberg am 13. März zugemutet wird. Umso bedauerlicher, dass der eloquente AfD-Spitzenkandidat und Verwaltungsprofessor Jörg Meuthen in der Lage ist, die Rassistenfratze seiner Partei immer wieder kreideweiß zuzutünchen mit Distanzierungen und Differenzierungen, die den Anschein von Wahrhaftigkeit vermitteln.

Wirklich lehrreich wurde es erst im zweiten Drittel der von Chefredakteur Christoph Reisinger und Landespolitikredakteur Frank Krause moderierten Runde vor 780 Lesern und Journalisten aus dem Südwesten. Dabei irritierten aber durchweg Reisingers mangelnde Prägnanz Fragen zu stellen, das Gespräch zu führen oder beim Publikum auf Zurückhaltung zu drängen.

Dass die Pflege nur punktuell thematisiert wurde, war dem Umstand geschuldet, dass sie kein landespolitisches Thema ist. Immerhin reklamierte Bernd Riexinger (Linke), dass im Land 16.000 Pflegekräfte fehlten, und Wirtschafts- und Finanzminister Nils Schmid (SPD) betonte, dass auch für „Pflegekräfte, Verkäuferinnen und Polizisten“ die Mieten finanzierbar bleiben müssten.

Hans-Ulrich Rülke (FDP) und Schmid hatten beim Thema Staatsverschuldung sogar Konsens, in dem beide eine Milliarde Euro aus der Landesstiftung nehmen wollen, die unter Schwarz-Gelb aus den 2,4 Mrd. Euro Erlös der EnBW-Aktien gebildet wurde, um damit die Breitbandverkabelung in den Industriegebieten des Landes zu finanzieren.

Mehrfach liefen die Attacken von CDU-Herausforderer Guido Wolf ins Leere, der den Ministerpräsidenten als „Kanzlerinnen-Versteher“ lächerlich machen wollte oder seine Verhandlungsergebnisse beim Länderfinanzausgleich als Mißerfolg kritisierte. Kretschmann zu Letzterem: „Wenn 16 Ministerpräsidenten quer durch alle Parteien von der CSU bis zur Linken zufrieden sind, nur nicht der CDU-Oppositionsführer in Baden-Württemberg und der Bundesfinanzminister, dann frage ich mich schon, ob Sie, Herr Wolf, für den Bundestag kandidieren oder hier Ministerpräsident werden wollen.“

Dass Kretschmann auf Konsens statt Krawall setzt, „wenn die Demokratie im Kern gefährdet ist“, belegte nicht nur sein Beispiel des Länderfinanzausgleichs, sondern auch sein Interesse am Wohlergehen der Kanzlerin: „Wer soll denn Europa zusammenhalten, wenn unsere Kanzlerin an der Flüchtlingsfrage scheitert“, fragte er erneut Wolf, der in seinem Wahlkampf um AfD-Stimmen mehr und mehr auf Distanz zu seiner Parteifreundin geht.

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Dekadente Marktwirtschaft: Zum Beispiel Daimler

Aus dem Thema lässt sich locker eine Serie machen. Hier noch ein Beispiel, dass meine Leser gerne kontrovers diskutieren können. Dieter Zetsche, mit dessen Tochter mein Patenkind einst auf dem Frauenkopf in Stuttgart in Kindergarten und Grundschule ging, „verdiente“ 2015 insgesamt 9,7 Millionen Euro, womit sein Gehalt gegenüber 2014 um 21,6 Prozent stieg. So weit so gut, schließlich verdient mancher Fußballprofi soviel wie der Vorstandsvorsitzender der Daimler AG.

Schön für die 284.000 Daimler-Mitarbeiter: Auch sie bekommen für das Erfolgsjahr 2015 eine Einmalprämie von 5650 Euro und damit 1300 Euro mehr als im Vorjahr. Auch das gilt soweit als erfreulich. Wenn man aber weiß, wie Daimler und andere Autobauer ihre Zulieferer knechten, um ihre Kapitalrendite, Erträge und wie all diese BWL-Terminologien heißen, zu steigern, bekomme ich die kalte Wut.

Die Dividende von 2,45 Euro je Daimler-Aktie, die Vorstandsgehälter von insgesamt 38,8 Mio. Euro (+29,8%) und die Ergebnisbeteiligung der Mitarbeiter sind, so sehe ich das jedenfalls, den Zulieferen und Dienstleistern abgepresst, die vermutlich 60 Prozent der Wertschöpfung an jedem Auto erbringen. Da müssen Zulieferer Knebelverträge unterschreiben, wonach sie z.B. jährlich den Preis um drei Prozent nachlassen (!!!) müssen, schon bei geringsten Fehlervermutungen Zahlungsziele verlängert und Beträge gekürzt werden und mieseste Arbeitsbedingungen abverlangt werden, z.B. beim Rampenmanagement.

Über all diese Praktiken redet öffentlich niemand aus Angst vor den Folgen. Aber nicht nur ich kenne Zulieferer, die in die Insolvenz getrieben wurden, weil sie sich aus solchen Abhängigkeiten nicht lösen konnten. Gesunde Mittelständler pflegen oft die Floskel: „Wir können es uns leisten, nicht für Daimler oder Audi arbeiten zu müssen.“

Und was machen meine Kollegen in den Wirtschaftsredaktionen, die dasselbe Wissen haben sollten wie ich? Die schreiben Jubel-Kommentare, dass die Mitarbeiter am guten Ergebnis beteiligt wurden. Super. Sie sollten besser aufzeigen und ausrecherchieren, was ich hier in diesem Blog behaupte. Denn wenn 60 Prozent (eher mehr) des Erfolgs bei den Zulieferern liegt, sollten diese belohnt statt weiter ausgebeutet werden.

Das wäre soziale Marktwirtschaft. Was hier läuft, ist innovationszerstörender Kapitalismus, weil den Zulieferern die Marge fehlt, Forschung zu betreiben. Die wird dann wiederum mit Steuergeldern finanziert, also mit Geld, das die wirtschaftlich Schwachen bräuchten, um es in Erziehung und Bildung zu investieren, damit Daimler & Co. auch morgen noch die Intelligenz haben, die das System braucht.

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