Enthüllungsjournalismus

Enthüllungsjournalisten erpressen König

Jeden Tag einen Tick schneller überdreht die Realität die schrägsten Phantasien: Nun haben französische Enthüllungsjournalisten den König von Marokko zu erpressen versucht, für drei Millionen Euro ein Buch über seine dunklen Machenschaften nicht zu schreiben. Immerhin, der König, der aktuell in seinem Land offenbar die Presserechte massiv einschränkt, hat die Erpresser angezeigt. Sie wurden verhaftet.

Mein erster Impuls auf die Nachricht war, diese Kollegen müssen ziemlich frustriert sein von ihrer aufopferungsvollen, arbeitsintensiven und stresserhöhten Arbeit, mit der sie in der Vergangenheit vermutlich vergebens versucht haben, Misstände dauerhaft zu beseitigen. Mir ist das in meiner Arbeit nie gelungen, weil die Öffentlichkeit binnen kürzester Zeit das Skandalthema nicht mehr interessierte (es gab ein anderes) und Gerichte den Fall ohnehin komplett anders bewerteten.

Da haben sich die französischen Kollegen vielleicht gedacht: Wenn aller Welt ohnehin alles scheißegal ist, dann nehmen wir wenigstens die drei Millionen Euro. Ob sie diese für sich verprasst oder damit eine Stiftung eingerichtet hätten, gibt die Nachrichtenlage leider nicht her. Diese Haltung aber kann ich nachvollziehen, wie ich einige Journalisten kennengelernt habe, die als Zyniker in den Ruhestand gegangen sind.

Auch die aktuelle Flüchtlingswelle hatten Redakteure teils seit Jahren prophezeit. Passiert ist daraufhin nichts. Ich habe mich in 25 Berufsjahren immer wieder mit Politikern und Unternehmern angelegt, ihnen akribisch ihr Fehlverhalten nachgewiesen und teils Prozesse geführt. Von der Öffentlichkeit bin ich dafür bejubelt worden und kurz darauf ist das Gesamtsystem wieder in die alte Lethargie gefallen. Das macht einsam.

Ich habe daraus 2001 die Konsequenz gezogen, mich selbstständig zu machen und habe selbst dann gelegentlich weitergemacht, wie im Fall Gansloser, der seit seiner Insolvenz als angestellter Brenner (und unbescholtener Bürger) in Bad Ditzenbach arbeitet. Denn manche Dreistigkeit hat weder mein Gerechtigkeitsempfinden noch meine Intelligenz ertragen. Dass ich nicht den Weg der französischen Kollegen gegangen bin, verdanke ich vermutlich meinem Glauben an Gott: Er sieht alles.

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