Gestalt-Coaching

Krippen-Buch aus der Nachbarschaft

060 Thomas Joussen, Peter Karliczek PhotobyRafaelKroetz
Vermitteln die Weihnachtsbotschaft in zeitgemäßen Formaten: Thomas Joussen (l.) und Peter Karliczek. Foto: Krötz

Zu unseren neuen Nachbarn im Schorndorfer Röhm-Gelände gehört auch eine 20-köpfige Werbeagentur, deren Inhaber Thomas Joussen und Peter Karliczek rechtzeitig zum Advent ein Weihnachtsbuch herausgebracht haben. Unter dem Titel „In der Krippe kein Lametta“ nähern sich die christlichen Werber von vielen Seiten dem vielschichtigen Weihnachtsthema, das oberflächlich meist nur noch mit gutem Essen, lästigen Verwandtenbesuchen, Tannenbaum und Winter verbunden wird.

Die Autoren wollen aber das Spektrum weiten, was auch der Untertitel des im Gerth-Verlag erschienen Büchleins mit „Was es an Wehnachten wirklich zu feiern gibt“ beschreibt. So gibt es neben einer relativ klassischen Weihnachtsgeschichte zum Vorlesen etwa eine Satellitenkarte, die die Etappe von Maria und Josef nach Bethlehem zeigt, die das Paar vermutlich genommen hat. Pfiffig auch die Idee, die zehn beliebtestes TV-Weihnachtsfilme der Deutschen aufzulisten oder sich für die Drei Könige neue Geschenktipps für das Jesus-Kind auszudenken.

Die beiden, die sich Inhalt und Gestaltung teilen, bleiben bei dem Buch Werber, denen aber das eigentliche Thema von der Geburt Christi und der Erlösung der Welt heilig bleibt. Diesen Ernst spürt man dem 9,99 Euro teuren Werk an. Dass es im Layout etwas aufgeregt daher kommt, ist der Tatsache geschuldet, dass nahezu alle Mitarbeiter eine Doppeleite gestaltet und sich somit eingebracht und identifiziert haben. Auch dies ein schöner Gedanke. Wir freuen uns, Nachbarn solcher Unternehmer zu sein.

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Treff nach 30 Jahren: Nachdenkliche Abiturienten

059 Abi-Treffen 09.11.2013
Kennen uns teils seit der Kindheit und haben 1983 gemeinsam Abitur gemacht: Mit meinen Klassenkameraden kürzlich bei einem Ehemaligentreffen auf der Treppe unserer damaligen Penne.

Rund ein Drittel meiner 120 Klassenkameraden, die 1983 mit mir am Peutinger-Gymnasium in Ellwangen Abitur gemacht haben, kamen kürzlich zu einem Wiedersehen in die Stadt an der Jagst. Was mir besonders auffiel: Ging es vor fünf oder zehn Jahren noch mehr um Erfolge und Karrieren, also Themen im Außen, standen dieses Mal nachdenkliche Gespräche im Mittelpunkt über verpasste Chancen, soziale Herausforderungen oder emotionale Entwicklung.

Teils hatte ich intensive Begegnungen mit Jahrgangskollegen, mit denen ich früher eher wenig Verbindung hatte. In vielen Gesprächen ging es um die Prägung in der Kindheit, fixierte Rollen während der Schulzeit, den persönlichen Glauben oder die Auseinandersetzung mit den eigenen Eltern. Denn deren Werte haben uns alle sehr geprägt. Umso schöner war, wie viele von uns in neue Persönlichkeitstypen hineingewachsen sind. Einst Laute wurden nachdenklicher und einst Schüchterne zeigen sich heute mehr.

Wir haben uns verändert, wie sich die Stadt mit ihren rund 23.000 Enwohnern verändert hat, in der wir uns ausprobierten, neugierig auf das Leben waren und uns teils für unbesiegbar hielten. Danken möchte ich den Klassenkameraden, die das Treffen vorbereitet, uns durch die Stadt geführt hatten und vieles mehr. Sie haben uns damit eine interessante Reflexion ermöglicht.

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Künstler trampt mit Wohnwagen nach Istanbul

Mehr Abhängigkeit geht fast nicht: Der niederländische Theaterkünstler Tjerk Ridder ist im Januar 2010 mit einem kleinen Wohnwagen von Utrecht nach Istanbul getrampt. Damit war er komplett abhängig von der Hilfe anderer, vornehmlich von Autofahrern. Denn selbst weitergehen, bspw. zu einer günstigeren Stelle oder weil man den Stillstand nicht aushält, geht mit Hänger nicht mehr. Über seine Erfahrungen hat der Liedermacher ein Bühnenprogramm und ein Buch geschrieben.

Die 3700 Kilometer hat er mit 53 Autos zurückgelegt, wobei er allein bei Würzburg einmal dreieinhalb Tage stand und in der Kälte fast verzweifelte. Ursprünglich hätte die Reise zur Expo nach Shanghai führen sollen, scheiterte aber an der Information, dass Autos in China keine Anhängerkupplungen haben. Ridder sagt, die Frage nach der Anhängerkupplung stehe letztlich dafür, ob Menschen in ihrem Leben Raum machen für andere.

Tatsächlich halfen dem 40-Jährigen auch Menschen ohne eine solche Kupplung, weil sie ihm Informationen gaben oder Kontakte herstellten. So intensive Erfahrungen konnte der Niederländer aus zwei Gründen machen: Er ar außerhalb der Strukturen seines (Berufs-)Alltags, die uns oft fokusieren, und er war in seiner Abhängigkeit ständig darauf angewiesen, offen auf andere zuzugehen. Beides erst ermöglichte, Menschen anders zu begegnen und sie anders zu erleben.

Vor allem vor Bulgarien sei er gewarnt worden, wie gefährlich das Land und mißtrauisch die Menschen seien. Doch auch hier hat Ridder hilfsbereite, freundliche Menschen getroffen. Sein Fazit: Die realen Gefahren sind viel kleiner als die Medien sie darstellen. Und er habe heute viel mehr Optimismus und Vertrauen als vor dem Tipp. Immer wieder frage er sich, ob er bestimmte Dinge heute nicht auch mal ganz anders machen wolle. Das mache sein Leben bunter.

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Verwaiste Väter leiden oft an Verbitterungssyndrom

Susanne Wächter hat vorigen Sonntag in „Sonntag aktuell“ über verwaiste Väter, deren Schmerz und Trauer um nicht gelebte Zeit mit ihren Kindern, ihre Hilflosigkeit gegenüber den Müttern, ihr Ausgeliefertsein gegenüber Jugendämtern und häufig daraus resultierende Krankheitssymptome wie Herzinfarkt, Schlaganfall oder Magengeschwüre geschrieben. Selbst ein Vater von zwei Scheidungskindern, habe ich den Bericht „Papa allein zu Haus“ mit großer Empathie gelesen.

Die Autorin schreibt, dass häufig Kinder und Väter gleichermaßen darunter leiden, sich nicht zu sehen. Kommt es bei Kindern zu Verhaltensauffälligkeiten, sind es bei Vätern häufig Schlafstörungen, Schuldgefühle oder verdeckte Aggressionen. Der Düsseldorfer Soziologe und Psychologe Walter Andritzky, der viele Trennungsväter psychotherapeutisch behandelt, diagnostiziert in dem Bericht vielen Betroffenen ein Verbitterungssyndrom, das bis zum Suizid führen kann.

Selbst habe ich im Rahmen meiner gestalttherapeutischen Aus- und Weiterbildung Männer erlebt, die teils seit ihrer Scheidung vor zehn und mehr Jahren ihre Kinder nicht mehr gesehen haben. Ich habe den Schmerz und die Trauer dieser Männer gesehen und kenne meine eigenen Gefühle zum Thema. Und bei meinem 30-jährigen Abiturstreffen am Samstag in Ellwangen erzählte mir ein ehemaliger Mitschüler, dass seine Ex-Frau schon seit 1994 alles tue, dass auch der mittlerweile 23-jährige Sohn den Vater nicht sehen will. Er könne mir den Ordner all seiner unbeantworteten Briefe zeigen, so der 50-Jährige, und wieder war dieser typische Vaterschmerz zum Greifen.

Meine persönliche These zum Kindeswohl: Jugendämter und Scheidungsmütter selbst sollten häufiger prüfen, ob den beteiligten Frauen eine Therapie hilft, ihren gefühlten Schmerz zu heilen statt über Doppelbotschaften ihren Kindern Hypotheken auf die Seele zu legen, die nicht nur die Beziehung von Vater und Kind behindern, sondern letztlich auch das Kind selbst. Ihre finanziellen Racheakte empfinden solche Frauen als eine Art Schmerzensgeld, weil sie eben auch nicht realisieren, welche Qualen sie den Männern zugefügt haben, die sie ja ursprünglich unbedingt mal haben wollten.

Mir persönlich sind auf den Jugendämtern immer Frauen begegnet, die mir selbst völlig frustriert und demotiviert erschienen. Ob wegen des Berufs oder der eigenen Biographie, hat sich mir nie erschlossen. Aber auch hier waren die Vorbehalte gegen Männer und die Solidarität unter Frauen für mich spürbar. Mit dem Votum für die Mutter geht auch niemand ein Risiko ein, egal wie das Ergebnis aussieht. Scheitert aber ein Vater, heißt es, hätte man mal die Mutter machen lassen. Hier noch ein Link zu einer Selbsthilfegruppe, der ich mich persönlich aber nicht anschließen würde, um em Thema nicht noch mehr (Streit-)Raum zu geben.

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Umzug vollzogen: Willkommen im Röhm

049 mein neues Büro
Mein neuer Arbeitsplatz im Röhm: Pin-Wand und Bilder hängen noch nicht. Ansonsten bin ich schon wieder eingerchtet und zum Glück arbeitsfähig.

Es ist vollbracht: Nachdem wir am Montag mit Möbelpackern und Lkw aus unserer Göppinger Büro-Adresse nach Schorndorf ins Röhm umgezogen sind, eine ehemalige Lederfabrik mit bereits rund 30 gewerblichen Mietern, hatten wir ab Mittwoch Spätnachmittag endlich Internetanschluß und 24 Stunden später auch Festnetzanschluß. Heißt ganz praktisch: Wir waren nahezu vier Tage kaum arbeitsfähig, weil wir von Telekom und Vodafone und deren Subunternehmern abhängig waren. Besser: Diesen ausgeliefert.

Die „Funkstille“ aber konnten wir nutzen, die Räume weitgehend einzurichten, uns um Büro- und Briefkastenschlüssel zu kümmern, mit Energieversorgern abzurechnen, Parkplatzregeln und Schließdienste abzusprechen oder einfach Mitmieter kennenzulernen. Es sind Tage, die wünscht man seinem größten Feind nicht. In meinem Fall liegt dahinter auch Trauer, weil ich die Stadt Göppingen verlasse, in der ich mich 2002 sebstständig gemacht habe.

Und weil ich das Drei-Familien-Haus verlassen habe, das ich mit meinem Fleiß und meinem unternehmerischen Biss finanziert habe, und in dem ich immerhin mit meiner Tochter noch unter einem Dach verbunden war. Geschäftsleben ist viel mehr als Fleiß und Ratio. Es ist vor allem Emotion und Leidenschaft. Denn Arbeit ist kein Selbstzweck. Es geht um die Energie, immer wieder neu zu beginnen, die eigenen Potentiale zu entfalten, sich zu spüren, sich selbst zu motivieren – und zu disziplinieren.

Mit dem neuen Büro in 73614 Schorndorf, Stuttgarter Str. 11, auf 180 Quadratmetern Fläche betreten wir Neuland: Denn erstmals sitzt der-Medienberater.de nicht mehr in einer Wohnung in der Schützenstr. 1, Marstallstr. 34 oder Lutherstr. 12, sondern in einem Gewerbekomplex, in dem rund 100 Menschen ihr berufliches Zentrum haben. Das hat eine andere Energie, setzt andere Zeichen und ermöglicht neue Synergien.

Ich bin sehr gespannt, was die kommenden Wochen, Monate und Jahre bringen. Schon kann ich sagen, dass ich mich in meinem Büro wohlfühle, die Weite der Räume meinem Horizont guttun und ich mich freue, nach drei Jahren nun auch in der Stadt das Büro zu haben, in der ich mit meiner Frau auch lebe. Die Reise geht weiter. Und wer loslässt, kann Neues anpacken. Legen wir also los.

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Behindert: Aber unser Umzug wird konkret

Heitere Gelassenheit: Mitten im Umzug der eingegipste Arm. Es hätte schlimmer kommen können. FOTO: privat
Heitere Gelassenheit: Mitten im Umzug der eingegipste Arm. Es hätte schlimmer kommen können. FOTO: privat

Während wir aktuell unseren Umzug nach Schorndorf in Das Röhm (Stuttgarter Str. 11, 73614 Schorndorf, Tel. 07181/4769906) vorbereiten, der kommenden Montag erfolgt, habe ich seit Samstagabend den linken Arm eingegipst. Der Grund: Nachdem ich vor zwei Wochen den linken Ellenbogen an einem Türrahmen angeschlagen hatte, entwickelte sich daraus eine Schleimbeutelentzündung, die ich zunächst nicht wahrgenommen hatte. Noch am Freitag und Samstag packte ich Kisten und trug diese ins Auto.

Samstagabend ging ich dann in Schorndorf in die Notambulanz der Klinik, um nach dem schmerzenden Arm schauen zu lassen. Nach vier Stunden Wartezeit, ich wußte gar nicht, dass es soviele Verletzte gibt, war ich an der Reihe und die Diagnose rasch gestellt. Minuten später war ich eingegipst, sollte sonntags wieder kommen und hatte sogar die Perspektive einer OP. Heute beim Orthopäden jedoch Zuversicht, mit starken Antibiotika und völliger Ruhigstellung die Entzündung zu besiegen.

Ich füge mich in mein Schicksal, entschleunige und nehme die Situation an, die mich Demut lehrt und Dankbarkeit. Dankbarkeit, dass ich doch sonst immer gesund bin; in einem Wohlfahrtsstaat mit Versicherungskarte lebe, der mich versorgt; Freunde habe, die mir ihre Hilfe anbieten und mich ermuntern, erst mal die Entzündung auszuheilen. Und Dankbarkeit, dass ich die Situation erstaunlich gut annehmen kann statt zu hadern. Daran merke ich, dass mich die geastalttherapeutische Ausbildung, die ich seit gut drei Jahren mache, immer mehr durchdringt – und ich auch an der Seele heile.

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Was wir von Firat Arslan lernen können

Das Team ist bereit: Firat Arslan (4. v.l.) ist ein Vorbild für mich. Vielen Menschen macht er Mut.
Das Team ist bereit: Firat Arslan (4. v.l.) ist ein Vorbild für mich. Vielen Menschen macht er Mut.

Im Geiste setze ich mich mit auf die Teambank von Firat Arslan (33-6-2, 21 K.o.´s), auf der bereits sein Krafttrainer Ted Lackner (von links), Betreuer Duran Hayvali, Coach Dieter Wittmann, er selbst, Organisator Thomas Künzel und Betreuer Bernd Scheufele sitzen. Der Grund: Den 42-jährigen Cruiser-Weltmeister von 2007 kenne ich seit 2005 und bewundere ihn für sein Durchhaltevermögen, seine Selbstdisziplin und seine Weltsicht.

Am Samstag, 14. September, steht der Deutsch-Türke, der zwei Wochen nach dem Kampf 43 wird, gegen WBO-Weltmeister Marco Huck (36-2-1, 25 K.o.´s) im Ring. Es ist sein zweiter Anlauf, nochmals Weltmeister zu werden, nachdem er am 3. November 2012 in Hucks westfälischer Wahlheimat Halle unter skandalösen Bedingungen nach Punkten verloren hatte. Dass Firat der eigentliche Sieger war, räumte der 27-Jährige indirekt ein. Dieses Mal komme er nicht „direkt aus der Kneipe“ zum Kampf, höhnte Huck und zeigte damit seine Respektlosigkeit.

Firat, der in Süßen mit zwei Brüdern und einer alleinerziehenden Mutter groß wurde und heute in seinem  Gym in Donzdorf auch lebt, lässt sich davon aber nicht zu unflätigen Äußerungen hinreißen. Wer ihn kennt, weiß, dass er vor jedem Kampf Gott bittet, dass sein Gegner im Ring keine bleibenden Schäden davontrage. Auch ist ihm als limitiertem Boxer, der erst mit 20 Jahren bei Olympia Göppingen zum Faustsport kam, in seiner Karriere sehr viel Unrecht widerfahren.

Als wir um 2007 noch enger befreundet waren, sagte er immer in gelassenem Ton: „Weißt Du, Leo, Gott allein weiß, wofür was gut ist.“ Aus diesem Vertrauen erwächst letztlich seine Kraft. Er weiß, dass er das Seine beitragen muss – der Rest ist Gnade. Gerade in diesem Sport, wo es nie darum geht, den Besten zu ermitteln, sondern möglichst viel Geld zu verdienen – als Promoter, TV-Sender, Punktrichter (wer gefällig punktet, wird aus Südamerika eher wieder eingeflogen samt Spesen) etc. Mit dieser Gelassenheit war mir Firat nicht nur ein Vertrauter, sondern immer wieder auch ein Vorbild.

„Alle haben ihren Anteil an meiner Leistung und tragen zur guten Stimmung während der Vorbereitung bei. Alle wollen, dass ich am 14. September Weltmeister werde“, hat Firat über sein Team in diesen Tagen bescheiden gesagt, in denen mit dem Sparring die härteste Endphase der Vorbereitung begonnen hat. Ich wünsche auch sehr, dass er Huck besiegt. Es wäre ein Symbol für uns alle, die wir immer wieder fallen, obwohl wir meinen, zuvor hart gearbeitet zu haben. Und die wir zweifeln, ob das Aufstehen auch beim x-ten mal noch lohnt. Firat es lohnt. Zeig es uns. Ich bin in der Halle mit sieben Gästen dabei.

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Buchtipp: Die vergessene Generation

Lesenswertes Buch über die Generation der 1930 bis 45 Geborenen: Erlebtes Leid muss geheilt werden.Mit großem Gewinn habe ich „Die vergessene Generation“ von Sabine Bode gelesen. Das Buch befasst sich mit der Generation der 1930 bis 1945 Geborenen, die das Dritte Reich und insbesondere den Zweiten Weltkrieg ungefiltert durch die Ratio Erwachsener miterleben mussten. Auf das Buch hat mich eine Freundin aus meinem gestaltpädagischen Grundkurs aufmerksam gemacht, nachdem ich in meinem Blog über die dreiteilige TV-Serie über die Kriegsgeneration geschrieben hatte.

Eindrücklich schildert das Buch, wie diese Generation mit Imperativen wie „Schau da nicht hin!“, „Guck weg!“ oder „Das geht uns nichts an!“ groß wurde, wenn zerfetzte Leichen umherlagen, Zwangsarbeiter erschlagen oder Juden deportiert wurden. Im Gegensatz zu Erwachsenen hatten diese Kinder noch kein Koordinatensystem, um in Freund und Feind oder arisch und jüdisch zu denken, womit sich viele Erwachsene behalfen. Die psychischen Schäden traten erst später zu Tage und der Zusammenhang mit dem im Krieg Erlebten wurde kollektiv verdrängt und verneint.

Meine Eltern sind Jahrgang 1919 und 1921, meine ältesten Geschwister 1948 und 1950. Entsprechend interessiert mich, was meine Eltern erlebt, was sie geprägt hat und warum sie uns welche Werte vermittelt haben. Mehr noch ist mir in der Gestaltpädagogik aufgefallen, dass unsere ganze Generation oder Gesellschaft durch die Auswirkungen dieses wahnsinnigen Flächenkrieges traumatisiert und geprägt ist, weil unsere Eltern teils „weiße Flecken“ oder „schwarze Löcher“ hatten, wo Erziehung hätte standfinden sollen.

Ohne diese Gestaltausbildung hätte ich nie hinter die Fassade deutscher, bürgerlicher Biographien geblickt, die Kollegen, Vorgesetzte, Kunden und Freunde oft und vielfach geprägt haben: Heroismus, der den Zugang zu eigenen Gefühlen behindert oder gar ausschließt; Emotionslosigkeit, weil bei vielen Eltern letztlich nur der Körper, nicht aber die Seele den Krieg überlebt hat; Scham, weil Angehörige charakterlich versagt haben, sei es als Nazis, sei es als Dulder, die wegsahen als befreundete Juden oder benachbarte Kommunisten deportiert wurden.

Selbst Sadismus, Gewalt, Frigidität oder Sucht (vor allem Alkoholismus) tauchen in den Biographien mancher Kursteilnehmer immer wieder auf, weil Väter, Mütter oder Verwandte diese lebten. Auch Bodes Buch schildert zahlreiche Beispiele, die sie gegen viele Tabus recherchiert hat: Erwachsene, die als Kinder teils tagelang mit Leichen verschüttet auf Rettung warten mussten; die als Kleinkinder den psychischen Zusammenbruch der Mutter erleben mussten, die im Krieg nach und nach alle männlichen Verwandten „im Feld“ verloren hat oder die miterlebten, wie Heimatvertriebene in ihrem Haus sich und ihre Kinder, mit denen die Betroffenen zuvor noch gespielt hatten, aus Verzweiflung erschossen.

All dieses unendliche Leid muss angesehen und betrauert werden dürfen, sonst kann Heilung nicht stattfinden. Das hat nichts mit Schwäche, aber sehr viel mit Stärke zu tun. Und wo diese Heilung aus Angst, Unvermögen oder anderen Gründen nicht geschieht, wird das Leid wie ein eitriges Geschwür weitergegeben. In der Geschäftswelt, in der ich mich fast ausschließlich bewege und solche Themen allzuleicht unter „Sozialkram“ fallen, kann ich das mit der Buchhaltung vergleichen: Die Rechnung geht dort auch solange nicht auf, wie der Fehler nicht gefunden ist.

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Viel Wertschätzung zu meinem 50.

Viele Symbole der Wertschätzung für mich: St. Martin und der Bettler sowie viele, viele von Kindern gestaltete Herzen.
Viele Symbole der Wertschätzung für mich: St. Martin und der Bettler sowie viele, viele von Kindern gestaltete Herzen.

Anfang Juli war ich 50 geworden und bin gleichermaßen beeindruckt wie dankbar für die Vielzahl an Briefen, Karten, e-Mails, Telefonaten, Facebook-Grüßen und persönlichen Glückwünschen, die ich erhalten habe. Stellvertretend möchte ich zwei hervorheben, die mich besonders berührt haben: Wolfgang Schühle, Geschäftsführer von Ostheimer, brachte mir einen XXL-St.-Martin samt Pferd, Bettler und teilbarem Mantel mit.

Besonders durch seine begleitenden Worte fühlte ich mich sehr geehrt: Er meinte, ich sei so sozial und engagiert (kämpferisch) wie der heilige Martin. Der Legende nach ein römischer Offizier, der spontan seinen Mantel mit einem Bettler teilte, der am Straßenrand saß und fror. In vielen Kirchengemeinden wird an seinem Namenstag (Patrozinium) am 11. November deshalb noch immer im Schein von Fackeln und Laternen die Szene aufgeführt.

Eine Lehrerin, die mit mir von 2010 bis 2012 eine gestaltpädagogische Ausbildung gemacht hatte, schickte mir ein DinA4-Kuvert. Darin waren mehr als 20 individuell gestaltete Herzen und ein Begleitschreiben. Darin heißt es sinngemäß, ich hätte mal gesagt, dass mir materiell nichts fehlt, meine Seele aber stets genährt werden könne. So habe sie ihre Viertklässler eingeladen, je ein Herz für mich zu gestalten. Auf vielen dieser Herzen sind Symbole zu sehen und Wünsche für mich zu lesen. Vielen Dank.

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Fairness: Was uns der Sport lehrt

Als leidenschaftlicher Rennradfahrer und Boxfan stören mich natürlich die Manipulationen und das all gegenwärtige Doping. Umso mehr freue ich mich immer wieder, wenn uns der Sport, die schönste Nebensache der Welt, positiv beeinflusst, weil Menschen aus aller Welt friedlich zusammen kommen; schon Kinder hier lernen, was ein Team auszeichnet und wozu (Selbst-)Disziplin nützlich ist oder wir uns einfach mit anderen über deren Erfolg freuen können.

Um schöne Facetten hat nun der Weltverband der Sportjournalisten das Thema erweitert. In Lausanne kürten sie drei Sportler als Vorbilder für Fair-Play: Davide Ballardini, der als Trainer des FC Genua am 3. März gegen den AS Rom gegen den Abstieg spielte, rannte trotz Rückstands seiner Mannschaft bei einem verheißungsvollen Angriff auf das Feld. Der Grund: Nur dadurch weckte er die Aufmerksamkeit des Schiedsrichters, das Spiel zu unterbrechen, damit ein gegnerischer Spieler behandelt werden konnte, der schmerzverkrümmt in Genuas Strafraum am Boden lag.

Am Ende verlor Genua zwar das Spiel 1:3 und Ballardini wurde für ein Spiel gesperrt, doch seine Mannschaft schaffte auch so den Klassenerhalt. Und auch die Römer bejubelten diese Geste, in deren Mittelpunkt nicht millionenschwere Erfolge standen, sondern das Leid eines Spielers und das beherzte Handeln eines Trainers.

Bei einem Crosslauf in Spanien am 2. Dezember berührte der Charakter Ivan Anayas die Sportwelt. Der 24-Jährige war hinter Abel Mutai kurz vor dem Ziel Zweiter. Der Kenianer und Olympiadritte verlangsamte plötzlich sein Tempo, weil er die Ziellinie zehn Meter weiter vorne wähnte. Als Anaya dessen Irrtum erkennt und die Chance hat zu überholen, macht er statt dessen Mutai auf dessen Irrtum aufmerksam und weist ihm den Weg zum Ziel, wobei er weiter hinter ihm bleibt.

Schließlich ist da noch Meghan Vogel, die von den Sportjournalisten gekürt wird. In Ohio startet die 17-Jährige am 5. Juni über 3200 Meter, nachdem sie bereits tags zuvor über 1600 Meter gewonnen hatte. Entsprechend liegt sie auf der Zielgeraden auf dem letzten Platz. Vor ihr läuft Arden McMath, die plötzlich entkräftet stürzt. Vogel stoppt, zieht die Läuferin hoch, stützt sie und schleppt sich gemeinsam mit ihr als Letzte und Vorletzte über die Ziellinie. Die Zuschauer erheben sich gerührt von ihren Plätzen und bejubeln die faire Geste.

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