Interessante Köpfe

Muver: Veränderung beginnt im Kopf

Mit „Aufschlagen und Einschlagen – Der Tatgeber für den Muve nach oben“ hat Manuel Marburger im Mai 2017 im Klecks Verlag einen Leitfaden für Erfolg herausgebracht. Auf 198 Seiten legt der 43-Jährige, für den wir seit März die Kommunikation machen, in 45 Kapitelchen unterhaltsam dar, was einen Existenzgründer oder Unternehmer erfolgreich macht. Die Fibel dient im Kern der Selbstmotivation und transportiert die Botschaften: Glaube an Dich und fokussiere Dich auf ein Ziel.

Das Neue und Sympathische an dem Büchlein: Hier schreibt kein Besserwisser, sondern ein Pragmatiker, der jede Hirnwindung seiner Leser zu kennen scheint. Einfühlsam und liebevoll geht der Unternehmensberater und Speaker (siehe Video), der mit 25 Jahren seine erste Firma gegründet hat, auf die Selbstzweifel und die Ängste vor dem Scheitern ein, die oft schon die halbe Energie rauben. Die fehlt dann dem Handelnden, eben dem Muver, beim Erreichen seiner Ziele.

Konsequent duzt der Autor seine Leser, was Distanz abbaut, Vertrauen stiftet und die Glaubwürdigkeit der flott geschriebenen Zeilen erhöht. Fast hat der Leser den Eindruck, mit einem „kleinen Mann im Ohr“ Zwiesprache zu halten, der ihn mal anspornt, mal warnt. Dieser ganz besondere Duktus, die Schlichtheit der Sprache und die transportierten Lebensweisheiten machen die Lektüre so lesenswert.

An vielen Stellen fühlt man sich ertappt oder zum Ausprobieren eingeladen. „Wir blicken Dir ins Hirn, nicht bloß auf die Stirn. Verlass Dich drauf,“ ist so ein appellativer Satz. Oder „Bleib dran! Bleib echt! Bleib ehrlich! Bleib Du!“, so eine Formel für den Erfolg, die der Leser regelrecht meditieren kann. Man spürt dem Autor, der selbst drei Berufe erlernt und 2013 seine größte Firma mit einem Millionengewinn verkauft hat, an, dass er sich viel mit Psychologie und Glaubenssätzen befasst hat, die jeden von uns prägen – aber auch behindern.

„Aufschlagen und Einschlagen“ mit einem Vorwort von Commedian Bernhard Hoecker lädt niederschwellig dazu ein, sich diese Muster für sich selbst mal näher anzuschauen und Freude am Experiment zu entwickeln. Um damit eben ein Muver zu werden, wie Marburger diesen Menschentypus nennt, der alte Zöpfe abschneidet und sich neue Freiräume durch Handeln erschließt.

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Autorenlesung: Zwei Männer leben ihre Träume

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Büchertausch im Gosbacher Dojo: Gastgeber Fiore Tartaglia (l.) und Heiko Schwarzburger, beide überzeugte Karateka, überreichen sich gegenseitig eines ihrer Bücher. FOTO: FROMM

Champions League, Pfingstferien und subtropische Temperaturen haben am Samstag das Zuhörer-Potential für die Autorenlesung mit H.S.Eglund in der Gosbacher Kampfsportschule Taikikan drastisch reduziert.  Umso intimer waren der Kreis; das, was gesprochen wurde und was aus dem Liebes-Roman „Zen Solar“ gelesen wurde. Und immerhin: Die Presse war auch da.

So erfuhren die Zuhörer von Photovoltaik-Chefredakteur Heiko Schwarzburger, dass er sich das Psyeudonym zugelegt hat, um bei Internetrecherchen als Romanautor immer an erster Stelle zu stehen. Denn als Fachautor bringt er es unter seinem Namen auf gut 11.000 Treffer. „Eglund“ dagegen sei die sächsische Aussprache eines schwedischen Eishockey-Nationalspielers, der in den 1980er Jahren populär war und dem der stattlich gebaute Schwarzburger offenbar glich.

Der Autor ist in Leipzig geboren, hatte ursprünglich Dreher gelernt und in der NVA seinen dreijährigen Wehrdienst absolviert. 1989 war der Regime-kritische Ingenieur in Dresden dabei als die Stasi-Behörde gestürmt wurde. Nach der Wende schrieb er in Berliner Tageszeitungen über Umweltsünden der DDR bspw. im Braunkohle-Tagebau und gründete später die „Photovoltaik“, um seinen Beitrag zur Energiewende und zur Bewahrung der Schöpfung zu leisten.

In einem ersten Roman „Die Glöckner von Utopia“ hatte der aktive Karateka über die politische Wende in Ostdeutschland geschrieben. „Zen Solar“, Ende 2016 erschienen, befasst sich nun mit der Energiewende, bei der es im Kern, so Eglund, um die Autonomie des Menschen gehe. Damit schlägt er die Brücke zum Zen und der fernöstlichen Philosophie der Bedürfnislosigkeit.

Entsprechend ist „Zen Solar“ in die fünf Teile Erde, Wasser, Feuer, Wind und Leere unterteilt, die den Elementen im Zen entsprechen. Der Roman ist autobiographisch angelegt und hinter dem freien Journalisten Fred Winter, der sich in die alleinerziehende Mutter Judith verliebt, verbirgt sich der Autor.

An der bayerisch-tschechischen Grenze lernt Fred Ingenieure kennen, die Windräder (Zen-Element Wind, „windger Typ“ etc.) installieren. Dabei thematisiert er die Ost-West-Problematik mit einstigem Feind- und Grenzland, wo nun beidseitig Windräder statt Raketen stehen und es um Energiewende statt Atomkrieg geht und um solare Wärme statt Kaltem Krieg. Eglunds Botschaft: Die Zeiten werden besser.

Schwarzburger, der jährlich bundesweit rund 60 Lesungen hält, fühlte sich geehrt, erstmals in einem Dojo lesen zu dürfen. Mehr noch: Mit Gastgeber Fiore Tartaglia, einem gebürtigen Neapolitaner, traf er auf einen weiteren Grenzgänger, der sich neben seinem Beruf als Graphiker schon vor 20 Jahren den Traum von der eigenen Kampfsportschule erfüllt hat.

Und als Europas meistgelesener Karatebuchautor mit einer aktuellen Gesamtauflage von 47.000 Büchern in vier Sprachen, der diese im Eigenverlag publiziert, hatten die beiden sehr viele Gemeinsamkeiten. Diese spürte man in der Wertschätzung, die die beiden einander entgegenbrachten und wie sie miteinander kommunizierten.

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Führen nach der Regel des Hl. Benedikt

016 Erbe und AuftragGute Bekannte wissen, dass ich ein großer Freund der Benediktiner und Verehrer von deren Ordensgründer bin, ob dessen Klugheit. So verwundert es nicht, dass ich deren Ordenszeitschrift Erbe und Auftrag abonniert habe, mit deren Herausgeber Pater Abtpräses Dr. Albert Schmidt OSB ich seit Jahrzehnten befreundet bin.

In seinem aktuellen Heft, das dem Thema „Heute Abt sein“ gewidmet ist, schreibt der argentinische Benediktiner Bernardo Olivera, der von 1990 bis 2008 erster nichteuropäischer Generalabt der Trappisten war, über seine Führungserfahrung. Eindringlich beschreibt der 74-Jährige das komplexe Wechselspiel von Gehorsam und Weisheit im Kontext von Führen und Dienen.

In seinem lesenswerten Aufsatz, den er ursprünglich als Vortrag vor Ordensoberen verfasst hatte, skizziert er fünf Felder des Führens, auf denen sich eine christliche Führungskraft bewähren muss: In der Fürsorge (als Vater), in der Formung (als Lehrer), in der Pastoral (als Hirte), in der Besserung (als Arzt) und in der Verwaltung (als Manager).

Weil kein Abt all diese Qualitäten in seiner Person vollkommen vereine, brauche er die Achtsamkeit, seine eigenen Grenzen zu erkennen; die Klugheit, von den richtigen sich Unterstützung zu holen und die Bereitschaft, sich permanent zu hinterfragen und zu entwickeln. Wo diese fünf Säulen, die der Ordensgründer in seiner Regel definiert hatte, aus der Balance kommen, drohe der Niedergang.

Eine häufige Fehlentwicklung, so der Autor, liege darin „das Administrative an die Stelle der Vaterschaft“ zu setzen. Eine solche „Verschiebung wird zur Ursache für den Niedergang“. Ich könnte noch weiter zitieren oder mit dem Text exzellent in den Trainings und Coachings arbeiten, die ich seit 2015 vermehrt in Firmen gebe. Ich arbeite dort gerne mit Klärungen, die sich aus den drei Schritten Fakten (Administration), Gefühle (Vater) und Urteile (Lehrer) zusammensetzen, zu denen mir diese Verknüpfung mit den benediktinischen Begriffen kommt.

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Lebensqualität: Eine Frage der Wertschätzung

Will ist die Hauptattraktion einer Freakshow. Er lebt ohne Arme und Beine. Eines Tages wird Zirkusdirektor Mendez auf den jungen Mann aufmerksam. Zum ersten Mal erlebt Will, gespielt von dem Autor und Prediger Nick Vujicic, so etwas wie Wertschätzung. Er schließt sich dem „Butterfly Circus“ an und lernt, dass auch er nicht wertlos ist.

Der inspirierende und ermutigende Kurzfilm zeigt, wie wichtig gegenseitige Wertschätzung und Respekt füreinander sind. Zugleich ist Vujicic, der selbst ohne Gliedmaßen geboren wurde, auch im realen Leben ein Mutmacher: Denn wenn wir ständig auf unsere Defizite schauen, wachsen unsere Defizite. Wenn wir dagegen auf unsere Ressourcen und Potentiale blicken, nähren wir diese.

In diesem Sinn: Gute Unterhaltung und viel Vergnügen beim selbst ausprobieren.

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Bestseller: Mutige Abrechnung mit Mohamed

015 Mohamed-Buch
Schnell und verständlich zu lesen: Die kritische Auseinandersetzung mit Mohamed. FOTO: FROMM

Was das Christentum spätestens seit Karl-Heinz Deschners „Konzil der Buchhalter“ und Forschungsliteratur rund um den historischen Jesus bereits hinter sich hat, hat der Deutsch-Ägypter Hamed Abdel-Samad den Muslimen mit seinem Buch „Mohamed – Eine Abrechnung“ mit seinem gut 200 Seiten dünnen Taschenbuch serviert: Einen Beitrag zur Reflexion und Aufklärung.

Der Sohn eines muslimischen Gelehrten entfaltet in dem Spiegel-Bestseller die Biographie des 570 in Mekka als unehelichem Kind geborenen Propheten. Bereits als Sechsjähriger stirbt seine Mutter, womit er Vollwaise wird und fortan beim geliebten Großvater lebt, der wiederum zwei Jahre später stirbt. Abdel-Samad wählt neben der Quellenauswertung einen psychotherapeutischen Ansatz, um sich dem historischen Mohamed zu nähern.

So heiratet er 595 eine Unternehmerin, in deren Firma er zunächst Karawanenführer wird. In Summe hat der Prophet mehr als zehn  Frauen und während er in Mekka friedlich predigte und verlacht wurde, werden seine Positionen nach der Übersiedlung nach Medina und dem Aufstieg zur Macht unerbittlich und teils grausam. Immer wieder verweist der Autor auf den historischen Kontext, um Mohamed zu beleuchten, was ja auch bei der Analyse von Altem und Neuem Testament sinnvoll ist.

So postuliert Abdel-Samad, das fünfmalige Gebet pro Tag habe in Mohameds Wunsch nach Kontrolle seinen Ursprung. Auf diese Weise habe er seine Getreuen in kurzen Abständen um sich scharen und sich ihrer Loyalität versichern können. Bei den vielen rituellen Waschungen, die angesichts des Wassermangels in der Wüste die Nachfolge erschweren, vermutet der Autor einen Waschzwang Mohameds, für den er auch glaubt, Belege zu haben.

Desselben legt er nahe, Mohamed habe eine Art Epilepsie gehabt und in Verbindung mit den körperlichen Reaktionen habe er seine Eingebungen gehabt. Ohnehin habe der Religionsgründer vermutlich nicht schreiben können, so dass schon hier Diktier- und Übertragungsfehler naheliegen, für die das Buch einige Belege bietet. Vermutlich sei er auch Narzisst gewesen, was seine fehlende Empathie plausibel mache.

Schließlich gibt der Autor, der sich vom „strengen“ zum „liberalen“  Moslem gewandelt hat, eine Idee, worin die Abgrenzungstendenz der Muslime in den offenen Gesellschaften ihre Ursache haben könne: Der Spott abendländischer Kritiker über Gott und das Christentum empöre Muslime insofern, dass sie fürchten als nächstes werde auch ihre Religion beschmutzt. Die „Satanischen Verse“ von Salman Rushdie oder die Karikaturisten von Charlie Hebdos scheinen dies zu bestätigen.

Die Intention dahinter: die eigene Religion schützen vor Verunglimpfung. Tatsächlich aber gehe es um eine kritische, reformatorische und exegetische Auseinandersetzung auch mit dem Islam, um letztlich in eine tiefere, spirituelle und damit friedlichere und erlöstere Ebene vordringen zu können. Ein gleichermaßen lesens- wie liebenswertes Buch, das in der aktuellen Lage doch auch einigen Mut erfordert, geschrieben, verlegt und empfohlen zu werden.

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Performer stiehlt den Kollegen die Schau

008 Künstler-Talk 05.05.2017
Interessanter Talk (v.l.): Thomas Putze, Angela M. Flaig (verdeckt), Moderatorin Ariane Braun (Stuttgarter Zeitung), Andreas Schmidt, Hardy Langer und Ursula Quast. FOTO: FROMM

Im Mittelalter war Kunst exklusive Auftragsarbeit der Kirche zur Glaubensvermittlung. Die Künstler waren interessensgetrieben und die Skulpturen, Bilder und Fresken damit letztlich manipulativ. Deshalb stürmten die „Protestanten“ auch die Kirchen und zerstörten die vorhandene Kunst weitgehend als Akt der Emanzipation.

17 Skulpturen zieren im Rahmen des Luther-Jahres seit 1. April in zehn Metern Höhe nun wieder die seit der Reformation verwaisten Sockel der Schorndorfer Stadtkirche. Bis zur Finissage am 10. November finden sieben Begleitveranstaltungen statt, von denen ein Gespräch mit vier der 17 ausstellenden Künstler kürzlich im Altarraum der Kirche stattgefunden hat.

Im Beisein von 80 Besuchern wurde deutlich: Heutige Künstler mögen religiös sein, ihre Kunst ist aber meist ideologiefrei. Für Angela M. Flaig, in Kirchenkreisen etablierte Künstlerin aus Rottweil, gilt dies nicht. Für sie stehen die pflanzlichen Flugsamen, mit denen sie arbeitet, für Fortpflanzung und die Schöpfung per se. Sie ist in Schorndorf mit einer großen Röhre vertreten, die sie mit fixierten und verblühten Löwenzahn-Blüten befüllt hat.

In krassem Gegensatz zu ihr steht der Berliner Künstler Andreas Schmidt, der schon – an einen Bürostuhl gefesselt – durch Stuttgart gerollt ist oder in 30 Metern Höhe auf dem Ausleger eines Krans genächtigt hat. In Schorndorf ist er mit einer roten Fahne vertreten, auf der in schwarzer Schrift Mittwoch steht.

Seine Intention: Er will experimentieren und Selbsterfahrungen machen. Mit der Idee der Fahne hatte er zunächst Hemmungen, sich im Rahmen eines kirchlichen Projekts, auf das sich 100 Künstler bewarben, mitzumachen. Doch dann fand er den theologischen Unterbau: Mittwoch stehe für den Griechen-Gott Merkur und im englischen Wednesday sei noch der Wortstamm Wotan zu erkennen.

Seine These: Mit der Banalisierung der Wochentagsbezeichnung auf ihre Funktion, die Mitte der Woche, habe die Kirche das Heidnische verdrängt und die Kultur christianisiert. Die Flagge selbst steht für ein Bekenntnis. Hardy Langers Männchen, das ich hier im Foto schon gezeigt habe, sei kein Flüchtender, sondern ein Hörender, so der Schorndorfer Künstler.

Seine pinkfarbene Skulptur, die wie auf einem Sprungbrett steht, visualisiere seine Bereitschaft zum Risiko und spiegele letztlich seine biographischen Suchbewegungen wieder. Denn Langer ist getauft und konfirmiert, sei aber heute „eher auf Distanz zur Kirche“. Umso mehr freut ihn, wie nun Kunst und Kirche in diesem Projekt den Dialog suchen.

Mit Thomas Putze saß auch ein gelernter Landschaftsgärtner und studierter Theologe in der Runde, der bundesweit mit seiner Performance-Kunst sehr gut im Geschäft ist. In Schorndorf gehörte ihm bei der Vernissage die ganze Aufmerksamkeit, weil er sich nackt, nur eingerieben mit Sandstein-farbenem Lehm, für zehn Minuten in bitterer Kälte auf seinen Sockel stellte.

„Weil jede Skulptur ein Abbild ist und jede Art der Bekleidung eine Codierung, habe ich mich für die Nacktheit entschieden, obwohl das meinen pubertierenden Kindern furchtbar peinlich war“, sagt der per Bahn angereiste Stuttgarter. Die Aufregung um seine Performance erklärt er sich so, dass sich eben mancher wünsche, dass wenigstens die Kirche ein nicht-sexualisierter Ort bleibe.

Ursula Quast, die das Kunstprojekt initiiert hatte, betont, dass die Performance nicht in der Kirche, sondern an deren Außenfassade stattgefunden hat und Putze nichts Pornografisches gemacht habe, sondern lediglich unbegleitet war, wie Gott ihn schuf. Interessant sei gewesen, dass die Jury, die sich über drei Generationen und über mehrere Professionen erstreckte, einmütig war in ihrem Votum für diese 17 Künstler.

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„Gebrauchsanweisung für die Zukunft“

014 HirschmannMit großer Lust lese ich aktuell „Gebrauchsanweisung für die Zukunft – 5 Schritte, wie Sie Ihre Firma voran bringen“ von Vertriebs-Profi Wolf Hirschmann. Zwar habe ich das Meiste alles irgendwo schon gehört oder gelesen, doch der Inhaber der Marketing-Agentur slogan fügt es hier auf 300 Seiten so zusammen, dass ich auch nach einem konzentrierten Arbeitstag gut noch zehn, 15 Seiten verschlingen kann.

Mehr empfiehlt sich ohnehin nicht, weil sich das Gelesene auch setzen muss. Hilfreich sind die vielen Checklisten, die mit Fragen in die Reflexion der eigenen Unternehmung zwingen, oder die grau hinterlegten Textboxen, in denen quasi das Exstrakt für Schnellleser und „Überflieger“ steht. Letztere verpassen bei ihrer Hast aber manches Lesenswerte.

So hat mich das Scheitern von Charles Goodyear sehr angerührt, der bettelarm starb und doch den Grundstein für ein Imperium mit seiner Beharrlichkeit legte. Einfühlsam trotz aller Fakten hat der 58-Jährige, der beim renommuierten Haufe-Verlag  publiziert, viele Unternehmerviten skizziert und ausgewertet, um das Mysterium und Faszinosum des Unternehmertums zu extrahieren.

An vielen Stellen erkenne ich mich selbst wieder in meinen Selbstzweifeln, meiner Einsamkeit mit schwierigen Entscheidungen (die sich später meist zum Glück als richtig erweisen) oder meiner gelegentlichen Vermutung, nur von Ignorantenund Dilettanten umgeben zu sein. In diesem Sinn ist das Buch auch ein Therapeutikum.

Und da der FDP-Parteivorsitzende Christian Lindner ob der WAhlen in NRW jetzt und im September im Bund in aller Munde ist, ist auch ein Passus über das Scheitern in Hirschmanns Buch brandaktuell. So setzte der brilliante Kopf in der Phase der „new economy“ selbst ein Start-up, das sich mit Avataren in der virtuellen Welt befasste, binnn 18 Monaten grandios in den Sand, die KfW-finanzierte Moomax.

Ehrlich: Ich wusste das gar nicht. Was mir aber an Hirschmanns Buch gefällt, ist das Pladoyer für das Scheitern. Denn tatsächlich gelten Pleitiers in unserer Gesellchaft als Loser, denen wir in der Regel nicht über den Weg trauen und ihnen deshalb uch als Angestellte nur zögerlich eine Chance geben. In den USA dagegen, so Hirschmann, sind das – auf Grund ihrer Zusatzkompetenz – gefragte Kräfte.

Tatsächlich hatte ich 2001 bei meiner Gründung auch am meisten Angst vor dem Scheitern – und der Häme. Glückwunsch, Wolf, ein leseswertes Buch. Und Respekt für die Disziplin, mit der Du es geschrieben hast. Die hätte ich nicht, obwohl mir Schreiben wirklich leicht fällt.

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Oikocredit: Strategie für mehr Gerechtigkeit

013 Oikokredit mit GF
Die Mitglieder diskutieren kontrovers die Erwartung künftiger Dividenden: Am Pult der Vorsitzende Dr. Dieter Heidtmann und in der Mitte Schatzmeister Helmut Götz. FOTO: FROMM

Mit 125 weiteren Stimmberechtigten habe ich am Samstag an der Mitgliederversammlung des Fördervereins von Oikocredit Baden-Württemberg teilgenommen, der im Mai 2018 sein 40-jähriges Bestehen feiert . Der Verein umfasst aktuell 7323 Mitglieder (+ 470 binnen eines Jahres), die zusammen Genossenschaftsanteile im Wert von 132,6 Mio. Euro (+14,3 %) bei der internationalen Kreditgenossenschaft halten.

Insgesamt gibt es bundesweit acht solcher Fördervereine, die zusammen 24.752 Mitglieder (+5,2%) und 439 Mio. Euro (+12,8%) Einlagen haben. Damit sind die Baden-Württemberger mit im Schnitt 18.000 Euro Einlage je Person der stärkste Förderkreis bundesweit und die Deutschen innerhalb von Oikocredit die wichtigste Nation. Denn in Summe ist Oikocredit mit 1,2 Mrd. Euro (+17,8%) die weltweit größte Nicht-Regierungsorganisation in diesem Segment.

Oikocredit finanziert weltweit Mikrokredite für Frauen, die anders nicht an Kapital kämen. Gegründet wurde das Institut seinerzeit im Kontext des Weltkirchenrats. Die Hälfte der Kredite werden noch immer nach Südamerika vergeben. Mit 22 Prozent folgen Asien und mit 18 Prozent Afrika, wo sich das Engagement binnen dreier Jahre verdoppelt hat.

Aktuell liegt der Schwerpunkt territiorial auf Afrika und inhaltlich traditionell auf Existenzgründungen (78%). Immer sichtbarer aber werden strategische Investitionen in Landwirtschaft (15%) und erneuerbare Energien (4%), um strukturelle Veränderungen zu organisieren. Das Ziel für 2017, so der neue Vorstandsvorsitzende von Oikocredit International, der Niederländer Thos Gieskes, ist ein Wachstum von zehn Prozent. Noch wichtiger aber sei, die Bank zukunftsfähig zu gestalten.

Denn schon heute drücken niedrige Zinsen und Digitalisierung der Bankenbranche auf den Ertrag, der nur durch den Sondereffekt des Verkaufs einer Beteiligung in Kambodscha, was 22 Mio. Euro erbrachte, auf 27 Mio. Euro kam. Ohne diesen Effekt hätte sich der Überschuss gegenüber 2015 halbiert. Solche Sondereffekte durch Verkäufe werden immer wieder anstehen, da Beteiligungen strategisch ausgebaut werden.

Vor diesem Hintergrund diskutierten die Mitglieder kontrovers, ob sie weiterhin eine stabile Dividende von zwei Prozent wünschen, sofern der Jahresüberschuss das hergibt, oder diese senken und stattdessen lieber die Rücklagen stärken. Allerdings wehrten sich dagegen strategische Investoren, die bspw. die Rücklagen von Solarparks und anderen Genossenschaften hier parken und mit einer Dividende von zwei Prozent rechnen.

 

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Skulpturen: Kirche fragt Kunst

007 Kunst an der Stadtkirche2
Zwei von 14 Nischen an der Schorndorfer Stadtkirche: Künstler aus der gesamten Republik zeigen bis 10. November Werke, mit denen sie den christlich-gesellschaftlichen Dialog fördern wollen. FOTO: FROMM

500 Jahre nach der Reformation leistet auch die Evangelische Stadtkirche Schorndorf ihren Beitrag: Am 1. April wurden 14 Skulpturen an der Außenfassade des Gotteshauses enthüllt, dessen Nischen in zehn Metern Höhe seit dem nachreformatorischen Bildersturm leer geblieben waren. Nur fünf der einst mehr als 20 gotischen Heiligenstatuen haben den religiösen Übereifer überlebt.

Unsere Pfarrerin Dorothee Eisrich, die immer wieder pfiffige Ideen kreiert und diese beharrlich umsetzt, hatte im Frühjahr 2016 den Impuls, einen Wettbewerb bundesweit auszuschreiben und Künstler aufzufordern und einzuladen, diese Nischen zeitlich befristet im Jubiläumsjahr wieder mit Skulpturen zu besetzen. So sollte ein Dialog zwischen Kirche und Gesellschaft entstehen, die Kirche in ihr Umfeld strahlen und Martin Luther gewürdigt werden.

„Welche Thesen würde Luther heute an die Kirchentür schlagen?“ fragte die Theologin angesichts des Flüchtlingsstroms gen Europa, des Klimawandels, des wachsenden Nationalismus, des weltweiten IS-Terrors und vieler anderer kriegerischer Konflikte. Sie sammelte 50.000 Euro für den Wettbewerb, installierte eine Jury namhafter Kunstexperten und aktivierte 14 Künstler zur Teilnahme.

Seither inspiriert die Ausstellung, die bis Herbst dauert, zum Rundgang um die Kirche. Info-Tafeln sowie ein Katalog geben Erläuterungen zu jedem Werk und jedem Künstler. Der Stuttgarter Aktionskünstler Thomas Putze stieg zur Vernissage nackt per Hubsteiger, eingerieben mit Sandsteinfarbe, in seine Nische, um bei Temerapturen um die sieben Grad zehn Minuten als lebender Säulenheiliger zu verharren.

Lokalmatador Hardy Langer hat ein pinkfarbenes Männlein geschaffen, das wie auf einem Sprungbrett von seinem Sockel weg in die Welt laufen will, die Nische hinterlegt mit einem Spiegel. Die Botschaft: „Wer ankommen will, muss weggehen.“ Gleich daneben eine Leuchtreklame, die (mich) an ein Bordell erinnert. Deren fortlaufender Text: „Wir wollen Wunder.“ Und daneben, eine rote Fahne, die an 1. Mai-Kundgebungen erinnert, mit der Aufschrift: „Mittwoch.“

Begleitet wird die Ausstellung bis zur Finissage am 10. November von sieben Vorträgen. Allein schon die bisherige Medien- und Besucherresonanz bis hin zu einem TV-Beitrag im SWR zeigt, dass die Kampagne den richtigen Ton trifft. So macht Kirche Spaß, sie hat Relevanz und regt zum Nach-Denken an.

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„Neugierde als Startrampe zum Mitgefühl“

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Hat im Herbst 2015 eine Woche mit Flüchtlingen in einer Waiblinger Turnhalle gelebt: Lokalredakteur Peter Schwarz (r.) im Gespräch mit einem Gottesdienstbesucher. FOTO: FROMM

Eine Woche hat im Herbst 2015 Lokalredakteur Peter Schwarz mit Flüchtlingen in Waiblingen in einer Turnhalle gelebt und täglich ganzseitig in der Presse darüber berichtet. Für die Pfarrerin der Schorndorfer Stadtkirche, Dorothee Eisrich, war dies Anlass, ihn nun zur „Stadtkirche am Abend“ einzuladen, damit er über „Mitgefühl verändert“ spricht.

In seiner launigen Rede sprach Schwarz lieber von Neugierde als journalistischer Grundhaltung, die dem Mitgefühl vorausgehe und handwerklichen Grundprinzipien. Denn wer vor Ort recherchiert statt vom Büro aus, erhalte mehr Informationen und Eindrücke. Zudem freuten sich Menschen grundsätzlich, wenn man sich für sie interessiere. Und: Gute Reporter-Geschichten lebten davon, dass es Helden und Schurken gibt, weshalb man nie zu genau hinschauen dürfe, weil sich Klischees dann differenzierten.

„Alles ändert sich, wenn sich ein Aktenzeichen in einen Menschen verwandelt“, so Schwarz, der eine prägende Erfahrung aus seinem Elternhaus preisgab. Demnach war die Tochter einer befreundeten Familie gestorben und der kleine Peter erlebte die Diskussion seiner Eltern, in der die empathische Mutter dafür plädierte, die Freunde zu besuchen, während der intelligente Vater davor warnte, dies könne aufdringlich, peinlich und gar voyeristisch sein.

Die pragmatische Mutter setzte sich mit der Bemerkung durch „einfach mal hingehen und dann schauen.“ Und offenbar war dies die richtige Entscheidung. Auch über Redakteure sagt Schwarz, „es genügt nicht die Vogelperspektive.“ Ein Journalist müsse hinsehen und hingehen und sich berühren lassen. So kam es zu seinem Besuch in der Turnhalle und der später preisgekrönten Berichterstattung, die auch ich von Anfang an für die einzig richtige Vorgehensweise hielt.

So erlebte Schwarz Männer, die in Turnhallen – durch Bauzäune abgetrennt – zu acht auf Gevierten von 32 Quadratmetern lebten.  Sobald er ein solches Quartier betrat, waren die Rollen vertauscht – und er der Gast, der alle Gefühle mit den Männern teilte, tiefe Einblicke in ihre Traumata bekam und deren Gastfreundschaft trotz des Mangels erlebte. Bis zu dreimal habe er an manchen Tagen zu Mittag gegessen, so der Referent, der vom Ambo aus sprach.

Und da Schwarz auch schon nach dem Amoklauf von Winnenden im März 2009 vor Ort mit Opfern und Angehörigen sprach, ist er in sensiblen Situationen erprobt. Sein Credo: „Wenn man sich echt statt taktisch verhält, macht man nichts falsch.“ Intuitiv habe er stets angemessen reagiert, wenn der andere etwa geweint hat. Interesse am anderen sei wichtiger als ein „perfekter Gesprächsverlauf“. Die vielen Begegnungen inseinem beruflichen Alltag hätten ihn verändert, weil Nähe Mitgefühl stiftet.

„Neugierde hilft gegen Angst vor dem Fremden“, empfahl er seinen gut 100 Zuhörern, die ihm gebannt lauschten. Es sei sein berufliches Privileg, bis zur Schamlosigkeit neugierig sein zu dürfen. Neugierde, so der gebürtige Ellwanger, sei die „Startrampe zum Mitgefühl.“

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