Migranten

Firmung: Tolle junge Menschen kennengelernt

018 Firmgruppe mit Bischof
Wunderbare junge Menschen: Ein Teil meiner Firmlinge am Samstag nach dem Gottesdienst mit Bischof Gebhart Fürst. FOTO: FROMM

Seit November hatte ich zehn junge Leute, drei Mädchen und sieben Jungs, auf ihre Firmung vorbereitet, die ihnen am Samstag Bischof Dr. Gebhart Fürst in der Schorndorfer Heilig-Geist-Kirche gespendet hat. Zehn Abenden und zwei Samstagvormittage hatte ich mit den 15-Jährigen zu gestalten. Meine Motivation dabei: Mit Jugendlichen in Kontakt kommen, wahrnehmen wie diese drauf sind und idealerweise meinen Glauben an Gott weitergeben, damit auch bei meinem Begräbnis genügend Menschen noch in der Lage sind „Großer Gott wir loben Dich“ zu schmettern.

In der Vorbereitung der Abende erhielten wir jede Menge Papier und Kopien, mit denen wir hätten arbeiten können/sollen. Doch weil mich das sehr an Religionsunterricht erinnerte und ich selbst Ideen hatte, die ich ausprobieren wollte, machte ich komplett mein eigenes Ding. Und Treffpunkt war jeweils der Besprechungsraum in meinem Büro, damit ich keine Zeit verliere oder Absprachen treffen muss.

Beeindruckt haben mich von Anfang an Pünktlichkeit und Vollständigkeit der Gruppe, in der vor allem Jugendliche aus italienischem oder polnischem Elternhaus noch Grundzüge einer christlichen bzw. katholischen Sozialisation wie etwa gemeinsames Tischgebet oder Gottesdienstbesuch am Sonntag hatten. Daran messe ich zwar nicht Frömmigkeit, aber es geht viel (Glaubens-)Substanz verloren, wenn schon Grundgebete wie das Glaubensbekentnis oder Basiswissen über die Sakramente nicht mehr vorhanden sind.

In meinen zehn Stunden setzte ich vor allem auf Selbsterfahrung und erzählte viel aus meinem Leben, welche Erlebnisse und Erfahrungen ich mit Kirche verbinde, wann mir mein Glaube half oder wie ich mit Zweifeln und Dogmen umgehe. Mehrmals lud ich die Jugendlichen ein, reihum laut auszusprechen, was sie an sich selbst gut finden. Und als sie anfangs nur Schulerfolge und andere „externe Leistungen“ aufzählten, spiegelte ich ihnen das.

An weiteren Abenden konnten sie sich dann selbst loben, dass sie etwa gut zuhören können, toll aussehen oder schön singen. Dabei beeindruckte mich, mit welcher Ernsthaftigkeit diese jungen Menschen dabei waren. So erhöhten wir bald den „Schwierigkeitsgrad“ und sie sollten sich gegenseitig Dinge sagen, die sie aneinander schätzen. Auch hier wurde es sehr intim, ohne dass gelacht wurde.

Mein Transfer dabei bestand einzig darin, dass ich ihnen sagte, dass jeder ein Ebenbild Gottes ist und deshalb diese Göttlichkeit in jedem von ihnen sichtbar ist – spätestens wenn man genau hinschaut. Deshalb ging es mir an den Abenden, an denen ich etwa von den Kriegserlebnissen meines Vaters erzählte, vor allem um Achtsamkeit.

Einmal setzten wir das Gleichnis, in dem der Weinbergbesitzer jedem am Abend denselben Lohn zahlt, als Streitgespräch um, in dem der Arbeitgeber, ein Gewerkschafter und ein Arbeiter miteinander diskutieren, was gerecht ist. Schnell merkten meine Firmlinge, wie politisch die Bibel ist. Manchmal bat ich sie auch von ihren Niederlagen zu erzählen und wie sie damit umgehen. Und einmal war mein Bruder zu Gast, der vom Sterben seiner Tochter erzählte. Auch hier war ich tief berührt, wie achtsam „meine“ Jugendlichen nachfragten.

Nun bin ich gespannt, wie es in deren (religiösem) Leben weitergeht und was „hängen bleibt“ von dem, was ich ihnen vermitteln wollte. Ich werde für diese jungen Menschen beten und bin dankbar, dass ich sie kennenlernen durfte. Denn diese jungen Leute sind großartig und es nervt mich, wenn meine Generation über sie (oder Flüchtlinge) herzieht, obwohl sie kaum welche persönlich kennt.

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Führen nach der Regel des Hl. Benedikt

016 Erbe und AuftragGute Bekannte wissen, dass ich ein großer Freund der Benediktiner und Verehrer von deren Ordensgründer bin, ob dessen Klugheit. So verwundert es nicht, dass ich deren Ordenszeitschrift Erbe und Auftrag abonniert habe, mit deren Herausgeber Pater Abtpräses Dr. Albert Schmidt OSB ich seit Jahrzehnten befreundet bin.

In seinem aktuellen Heft, das dem Thema „Heute Abt sein“ gewidmet ist, schreibt der argentinische Benediktiner Bernardo Olivera, der von 1990 bis 2008 erster nichteuropäischer Generalabt der Trappisten war, über seine Führungserfahrung. Eindringlich beschreibt der 74-Jährige das komplexe Wechselspiel von Gehorsam und Weisheit im Kontext von Führen und Dienen.

In seinem lesenswerten Aufsatz, den er ursprünglich als Vortrag vor Ordensoberen verfasst hatte, skizziert er fünf Felder des Führens, auf denen sich eine christliche Führungskraft bewähren muss: In der Fürsorge (als Vater), in der Formung (als Lehrer), in der Pastoral (als Hirte), in der Besserung (als Arzt) und in der Verwaltung (als Manager).

Weil kein Abt all diese Qualitäten in seiner Person vollkommen vereine, brauche er die Achtsamkeit, seine eigenen Grenzen zu erkennen; die Klugheit, von den richtigen sich Unterstützung zu holen und die Bereitschaft, sich permanent zu hinterfragen und zu entwickeln. Wo diese fünf Säulen, die der Ordensgründer in seiner Regel definiert hatte, aus der Balance kommen, drohe der Niedergang.

Eine häufige Fehlentwicklung, so der Autor, liege darin „das Administrative an die Stelle der Vaterschaft“ zu setzen. Eine solche „Verschiebung wird zur Ursache für den Niedergang“. Ich könnte noch weiter zitieren oder mit dem Text exzellent in den Trainings und Coachings arbeiten, die ich seit 2015 vermehrt in Firmen gebe. Ich arbeite dort gerne mit Klärungen, die sich aus den drei Schritten Fakten (Administration), Gefühle (Vater) und Urteile (Lehrer) zusammensetzen, zu denen mir diese Verknüpfung mit den benediktinischen Begriffen kommt.

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Bestseller: Mutige Abrechnung mit Mohamed

015 Mohamed-Buch
Schnell und verständlich zu lesen: Die kritische Auseinandersetzung mit Mohamed. FOTO: FROMM

Was das Christentum spätestens seit Karl-Heinz Deschners „Konzil der Buchhalter“ und Forschungsliteratur rund um den historischen Jesus bereits hinter sich hat, hat der Deutsch-Ägypter Hamed Abdel-Samad den Muslimen mit seinem Buch „Mohamed – Eine Abrechnung“ mit seinem gut 200 Seiten dünnen Taschenbuch serviert: Einen Beitrag zur Reflexion und Aufklärung.

Der Sohn eines muslimischen Gelehrten entfaltet in dem Spiegel-Bestseller die Biographie des 570 in Mekka als unehelichem Kind geborenen Propheten. Bereits als Sechsjähriger stirbt seine Mutter, womit er Vollwaise wird und fortan beim geliebten Großvater lebt, der wiederum zwei Jahre später stirbt. Abdel-Samad wählt neben der Quellenauswertung einen psychotherapeutischen Ansatz, um sich dem historischen Mohamed zu nähern.

So heiratet er 595 eine Unternehmerin, in deren Firma er zunächst Karawanenführer wird. In Summe hat der Prophet mehr als zehn  Frauen und während er in Mekka friedlich predigte und verlacht wurde, werden seine Positionen nach der Übersiedlung nach Medina und dem Aufstieg zur Macht unerbittlich und teils grausam. Immer wieder verweist der Autor auf den historischen Kontext, um Mohamed zu beleuchten, was ja auch bei der Analyse von Altem und Neuem Testament sinnvoll ist.

So postuliert Abdel-Samad, das fünfmalige Gebet pro Tag habe in Mohameds Wunsch nach Kontrolle seinen Ursprung. Auf diese Weise habe er seine Getreuen in kurzen Abständen um sich scharen und sich ihrer Loyalität versichern können. Bei den vielen rituellen Waschungen, die angesichts des Wassermangels in der Wüste die Nachfolge erschweren, vermutet der Autor einen Waschzwang Mohameds, für den er auch glaubt, Belege zu haben.

Desselben legt er nahe, Mohamed habe eine Art Epilepsie gehabt und in Verbindung mit den körperlichen Reaktionen habe er seine Eingebungen gehabt. Ohnehin habe der Religionsgründer vermutlich nicht schreiben können, so dass schon hier Diktier- und Übertragungsfehler naheliegen, für die das Buch einige Belege bietet. Vermutlich sei er auch Narzisst gewesen, was seine fehlende Empathie plausibel mache.

Schließlich gibt der Autor, der sich vom „strengen“ zum „liberalen“  Moslem gewandelt hat, eine Idee, worin die Abgrenzungstendenz der Muslime in den offenen Gesellschaften ihre Ursache haben könne: Der Spott abendländischer Kritiker über Gott und das Christentum empöre Muslime insofern, dass sie fürchten als nächstes werde auch ihre Religion beschmutzt. Die „Satanischen Verse“ von Salman Rushdie oder die Karikaturisten von Charlie Hebdos scheinen dies zu bestätigen.

Die Intention dahinter: die eigene Religion schützen vor Verunglimpfung. Tatsächlich aber gehe es um eine kritische, reformatorische und exegetische Auseinandersetzung auch mit dem Islam, um letztlich in eine tiefere, spirituelle und damit friedlichere und erlöstere Ebene vordringen zu können. Ein gleichermaßen lesens- wie liebenswertes Buch, das in der aktuellen Lage doch auch einigen Mut erfordert, geschrieben, verlegt und empfohlen zu werden.

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Oikocredit: Strategie für mehr Gerechtigkeit

013 Oikokredit mit GF
Die Mitglieder diskutieren kontrovers die Erwartung künftiger Dividenden: Am Pult der Vorsitzende Dr. Dieter Heidtmann und in der Mitte Schatzmeister Helmut Götz. FOTO: FROMM

Mit 125 weiteren Stimmberechtigten habe ich am Samstag an der Mitgliederversammlung des Fördervereins von Oikocredit Baden-Württemberg teilgenommen, der im Mai 2018 sein 40-jähriges Bestehen feiert . Der Verein umfasst aktuell 7323 Mitglieder (+ 470 binnen eines Jahres), die zusammen Genossenschaftsanteile im Wert von 132,6 Mio. Euro (+14,3 %) bei der internationalen Kreditgenossenschaft halten.

Insgesamt gibt es bundesweit acht solcher Fördervereine, die zusammen 24.752 Mitglieder (+5,2%) und 439 Mio. Euro (+12,8%) Einlagen haben. Damit sind die Baden-Württemberger mit im Schnitt 18.000 Euro Einlage je Person der stärkste Förderkreis bundesweit und die Deutschen innerhalb von Oikocredit die wichtigste Nation. Denn in Summe ist Oikocredit mit 1,2 Mrd. Euro (+17,8%) die weltweit größte Nicht-Regierungsorganisation in diesem Segment.

Oikocredit finanziert weltweit Mikrokredite für Frauen, die anders nicht an Kapital kämen. Gegründet wurde das Institut seinerzeit im Kontext des Weltkirchenrats. Die Hälfte der Kredite werden noch immer nach Südamerika vergeben. Mit 22 Prozent folgen Asien und mit 18 Prozent Afrika, wo sich das Engagement binnen dreier Jahre verdoppelt hat.

Aktuell liegt der Schwerpunkt territiorial auf Afrika und inhaltlich traditionell auf Existenzgründungen (78%). Immer sichtbarer aber werden strategische Investitionen in Landwirtschaft (15%) und erneuerbare Energien (4%), um strukturelle Veränderungen zu organisieren. Das Ziel für 2017, so der neue Vorstandsvorsitzende von Oikocredit International, der Niederländer Thos Gieskes, ist ein Wachstum von zehn Prozent. Noch wichtiger aber sei, die Bank zukunftsfähig zu gestalten.

Denn schon heute drücken niedrige Zinsen und Digitalisierung der Bankenbranche auf den Ertrag, der nur durch den Sondereffekt des Verkaufs einer Beteiligung in Kambodscha, was 22 Mio. Euro erbrachte, auf 27 Mio. Euro kam. Ohne diesen Effekt hätte sich der Überschuss gegenüber 2015 halbiert. Solche Sondereffekte durch Verkäufe werden immer wieder anstehen, da Beteiligungen strategisch ausgebaut werden.

Vor diesem Hintergrund diskutierten die Mitglieder kontrovers, ob sie weiterhin eine stabile Dividende von zwei Prozent wünschen, sofern der Jahresüberschuss das hergibt, oder diese senken und stattdessen lieber die Rücklagen stärken. Allerdings wehrten sich dagegen strategische Investoren, die bspw. die Rücklagen von Solarparks und anderen Genossenschaften hier parken und mit einer Dividende von zwei Prozent rechnen.

 

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Pulse of Europe: 100 Schorndorfer erstmals dabei

012 Demo für Europa
Premiere in Schorndorf: Gestern haben sich erstmals 100 Bürger auf dem Marktplatz versammelt, um für ein vereintes Europa die Stimmen zu erheben. Bis September soll das Treffen wöchentlich stattfinden. FOTO: FROMM

Mehr als 100 Schorndorfer sind gestern spontan zur ersten Pro-Europa-Kundgebung „Pulse of Europa“ gekommen, die europaweit zeitgleich immer sonntags um 14 Uhr stattfindet. In der Daimler-Stadt hatten Alt-Stadtrat Karl-Otto Völker (SPD) und die Künstlerin Dorothea Schütz die Initiative ergriffen, mit der bundesweit in bereits 70 Städten Bürger sich zu Europa bekennen.

Die gut halbstündige Veranstaltung auf dem Marktplatz, zu der etliche Teilnehmer mit Europa- und EU-Flaggen kamen, war so gestaltet, dass Völker kurz begrüßte, ehe der Vorsitzende der Partnerschaftsvereine, Thomas Röder, über seine Beweggründe sprach. So sei er 1972 das erste Mal in der französischen Partnerstadt Thulle gewesen, wo es damals auf Grund deutscher Kriegsverbrechen im Zweiten Weltkrieg noch viele Vorbehalte gab.

Rund zehn weitere Redner, darunter Oberbürgermeister Matthias Klopfer und der Vorsitzende der Naturfreunde, Klaus Reuster, ergriffen das Mikrophon und sprachen spontan über ihre Motive. Dabei ging es viel um Frieden in Europa seit 1945, Reisefreiheit und Wohlstand dank offener Grenzen, Völkerverständigung, Demokratie und Solidarität.

Bis zur Bundestagswahl soll das Treffen nun wöchentlich wiederholt werden, teils bei der Stadtkirche sofern der Marktplatz durch andere Veranstaltungen belegt ist. Auch sollten mehr Teilnehmer anderer Nationalität für die Kundgebung gewonnen werden, leben doch Menschen aus 100 Nationen in der Stadt mit ihren 40.000 Einwohnern. Auffallend war, daß das Gros der Teilnehmer 55 Jahre und älter war. So sollen auch mehr junge Leute für den Pulse of Europe geworben werden.

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Tiefe Einblicke in digitale Zusammenhänge

20170324 Dr. Günter Renz und Schanbacher (l.)
Günter Renz (r.) referiert in Adelberg auf Einladung von Klaus Schanbacher (l.): Ungerechtigkeit destabilisiert die Systeme. FOTO: FROMM

Dass ein digitales 9/11 kommt, scheint unter Hackern ausgemacht. Spannende Einblicke in die Internetwelt von Big Data hat Günter Renz am Freitag beim Adelberger Männervesper vermittelt. Die lebhafte Diskussion zeigte,  dass der Vize-Direktor der Bad Boller Akademie den Nerv der 20 Zuhörer traf.

„Wir wissen immer mehr und verstehen immer weniger“, führte der promovierte Theologe seine Zuhörer in einen faktengespickten Vortrag ein, in dem er zunächst die Verschwendungssucht der Menschheit seit 1950 aufzeigte, die seither exorbitant ansteigt. Demnach verbauen wir heute 20 Milliarden Tonnen Beton pro Jahr, verbrauchen 300 Millionen Tonnen Plastik, der CO2-Gehalt ist auf 400 Teile je Million Partikel gestiegen, die Erde hat sich bereits um ein Grad erwärmt und der Meeresspiegel ist seit 1916 um 20 Zentimeter gestiegen.

Parallel sind Kindersterblichkeit oder Analphabetentum weltweit auf unter zehn Prozent gesunken, das Wachstum der Weltbevölkerung hat sich deutlich verlangsamt und trotz mehr Menschen weltweit sank der Anteil der Hungernden von einer auf 0,7 Milliarden. Nach Erfindung der Dampfmaschine, der Elektrifizierung und der Automobilisierung leben wir nun, so Renz, im Zeitalter der Digitalisierung.

Hatte es noch 75 Jahre gedauert, bis die ersten 100 Millionen Menschen ein Telefon nutzten, dauerte diese Durchdringung beim PC nur noch 16 Jahre, beim Internet zwölf Jahre, beim Handy acht Jahre und beim Smartphone knapp fünf.

Dank milliardenfach preisgünstig verfügbarer Rechner- und Speicherkapazität sind künstliche Intelligenz, Blockchaine und Bitcoins bereits Realität. „Transaktionen von Geld oder Immobilien sind so tausendfach dokumentiert, dass es keine Banken, Notare und Kataster mehr braucht. Und Autos fahren bald autonom“, verdeutlicht Renz die Folgen. Per Virtual Reality könne man dank Big Data technisch bereits einen Urlaub im Wunschland simulieren, was ein hohes Suchtpotential in sich berge, sich der realen Welt zu entziehen. Ohnehin werde es immer schwerer zu unterscheiden, was real und was simuliert ist.

Andererseits könnten sich Arbeitgeber in den USA bereits die DNA potentieller Mitarbeiter geben lassen, um diese auf etwaige Dispositionen oder Eignungen hin prüfen zu lassen. Schon gebe es einen illegalen Handel mit gestohlenen Gesundheitsdaten, die je Person zwei Cent bis 2,40 Dollar kosteten. Damit war Renz auch beim jüngsten US-Wahlkampf, den der Republikaner Donald Trump wohl auch deshalb gewann, weil er mittels Datenauswertung gezielt Wähler identifizieren lassen konnte, die noch unentschlossen oder leicht beeinflussbar waren.

Schließlich warf Renz in einem geradezu dramatischen, einstündigen Vortrag auch Charts an die Wand, die etwa visualisierten, welche arabischen Ölstaaten Agrarflächen in Afrika für sich nutzen oder wie umfangreich in Laos und auf den Philippinen für China produziert wird. Oder dass der Pro-Kopf-Fleischverbrauch je US-Bürger bei 100 Kilo und Jahr liegt, in der EU bei 64 Kilo und in Indien bei drei. Dabei trage der Weltfleischkonsum ähnlich dramatisch zum Klimawandel bei, wie die CO2-Emissionen.

„Je größer soziale Ungerechtigkeiten in einem System sind, desto instabiler werden diese“, leitete der Referent in eine engagierte Diskussion über, die Klaus Schanbacher moderierte und in der es viel um ethisches Handeln generell und um persönliche Statements ging.

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„Neugierde als Startrampe zum Mitgefühl“

010 Peter Schwarz
Hat im Herbst 2015 eine Woche mit Flüchtlingen in einer Waiblinger Turnhalle gelebt: Lokalredakteur Peter Schwarz (r.) im Gespräch mit einem Gottesdienstbesucher. FOTO: FROMM

Eine Woche hat im Herbst 2015 Lokalredakteur Peter Schwarz mit Flüchtlingen in Waiblingen in einer Turnhalle gelebt und täglich ganzseitig in der Presse darüber berichtet. Für die Pfarrerin der Schorndorfer Stadtkirche, Dorothee Eisrich, war dies Anlass, ihn nun zur „Stadtkirche am Abend“ einzuladen, damit er über „Mitgefühl verändert“ spricht.

In seiner launigen Rede sprach Schwarz lieber von Neugierde als journalistischer Grundhaltung, die dem Mitgefühl vorausgehe und handwerklichen Grundprinzipien. Denn wer vor Ort recherchiert statt vom Büro aus, erhalte mehr Informationen und Eindrücke. Zudem freuten sich Menschen grundsätzlich, wenn man sich für sie interessiere. Und: Gute Reporter-Geschichten lebten davon, dass es Helden und Schurken gibt, weshalb man nie zu genau hinschauen dürfe, weil sich Klischees dann differenzierten.

„Alles ändert sich, wenn sich ein Aktenzeichen in einen Menschen verwandelt“, so Schwarz, der eine prägende Erfahrung aus seinem Elternhaus preisgab. Demnach war die Tochter einer befreundeten Familie gestorben und der kleine Peter erlebte die Diskussion seiner Eltern, in der die empathische Mutter dafür plädierte, die Freunde zu besuchen, während der intelligente Vater davor warnte, dies könne aufdringlich, peinlich und gar voyeristisch sein.

Die pragmatische Mutter setzte sich mit der Bemerkung durch „einfach mal hingehen und dann schauen.“ Und offenbar war dies die richtige Entscheidung. Auch über Redakteure sagt Schwarz, „es genügt nicht die Vogelperspektive.“ Ein Journalist müsse hinsehen und hingehen und sich berühren lassen. So kam es zu seinem Besuch in der Turnhalle und der später preisgekrönten Berichterstattung, die auch ich von Anfang an für die einzig richtige Vorgehensweise hielt.

So erlebte Schwarz Männer, die in Turnhallen – durch Bauzäune abgetrennt – zu acht auf Gevierten von 32 Quadratmetern lebten.  Sobald er ein solches Quartier betrat, waren die Rollen vertauscht – und er der Gast, der alle Gefühle mit den Männern teilte, tiefe Einblicke in ihre Traumata bekam und deren Gastfreundschaft trotz des Mangels erlebte. Bis zu dreimal habe er an manchen Tagen zu Mittag gegessen, so der Referent, der vom Ambo aus sprach.

Und da Schwarz auch schon nach dem Amoklauf von Winnenden im März 2009 vor Ort mit Opfern und Angehörigen sprach, ist er in sensiblen Situationen erprobt. Sein Credo: „Wenn man sich echt statt taktisch verhält, macht man nichts falsch.“ Intuitiv habe er stets angemessen reagiert, wenn der andere etwa geweint hat. Interesse am anderen sei wichtiger als ein „perfekter Gesprächsverlauf“. Die vielen Begegnungen inseinem beruflichen Alltag hätten ihn verändert, weil Nähe Mitgefühl stiftet.

„Neugierde hilft gegen Angst vor dem Fremden“, empfahl er seinen gut 100 Zuhörern, die ihm gebannt lauschten. Es sei sein berufliches Privileg, bis zur Schamlosigkeit neugierig sein zu dürfen. Neugierde, so der gebürtige Ellwanger, sei die „Startrampe zum Mitgefühl.“

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Vorbild an Wahrhaftigkeit: Wolf Biermann

007 Biermann-Biographie
Ein absolut lesenswertes Buch: Die Biographie des aufrechten Demokraten Wolf Biermann. FOTO: FROMM

Aktuell lese, um nicht zu sagen verschlinge, ich die gut 500 Seiten dicke Autobiographie von Wolf Biermann, die kurz vor Weihnachten erschienen war. Die Lebensgeschichte des Liedermachers, der in seiner Begeisterung für den Kommunismus 1953 freiwillig von Hamburg in die DDR zog, ist ein grandioses Zeugnis für seine Zivilcourage einerseits und die Korrumpierbarkeit der allermeisten Bürger andererseits.

Die Biographie ist ein wichtiges zeitgeschichtliches Dokument, das das Ende der Weimarer Republik, den Nationalsozialismus von 1933 bis 1945 und das geteilte Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg beleuchtet. Viele Politiker der (Welt-)Geschichte und der Kultur bis hin zu Harry Belafonte oder Joan Baez, die Biermann in der DDR besuchte und in der Friedensbewegung der 1980er-Jahre wieder traf, stehen im Kontext zu dem berühmten Deutschen.

Viele Namen wie der Dissident Robert Havemann, der als kommunistischer Wissenschaftler das KZ überlebte und gleichfalls als Querkopf schon bald den Stalinisten in der DDR lästig wurde, kommen bei der Lektüre in Erinnerung und zeichnen ein Gesamtbild. Dieses bestand in der Sehnsucht, den Nationalismus und den Kapitalismus zu überwinden, die aktuell fast in der ganzen Welt wieder Hochkonjunktur haben.

Biermanns Biographie ist mir eine Bestätigung, dass die Ablehnungen, Verdrehungen und Missachtungen, die auch mir immer noch widerfahren, in Ordnung sind und Teil des frei gewählten Weges, die eigenen Werte zu leben. Denn sittlich reif für den Kommunismus, also das Gemeinwohl als oberstenPrimat, waren und sind nur wenige, etwa Biermann oder Havemann.

Statt aber dafür geehrt und in führende Positionen gebracht zu werden, weil man von ihnen Werte wie Charakter, Mut, Selbstdisziplin oder Großmut lernen kann, wurden sie diskreditiert, ausspioniert, verleumdet, hintergangen, behindet und als Verräter gebrandmarkt. Womit sie in guter Gesellschaft sind – mit Mahatma Ghandi, Martin Luther King, Nelson Mandela oder Jesus.

Mit Empörung las ich, dass Biermanns Vater als überzeugter Kommunist 1943 im KZ umkam, und die Witwe als Genossin bis zu ihrem Tod als Arbeiterin in Hamburg dem Kommunismus treu blieb, obwohl ihr Sohn in dessen Namen drangsaliert wurde. Erst im Westen schwor er schweren Herzens diesem Ideal ob, woraufhin ihn westdeutsche Idealisten für einen Verräter hielten. Ja, soviel Dummheit und Schubladen-denken muss man aushalten. Danke, Wolf Biermann, für Dein Vorbild.

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Männerarbeit: Mehr Kooperation und Austausch

Worldcafe in Zierenberg 02-2017
Befindlichkeiten erfragen und Ideen kreieren: Beim Weltcafé im Rahmen der MKP-Mitgliederversammlung haben sich bundesweit 18 Männer eingebracht. FOTO: LANGE

Mit dem stellvertretenden Bundesvorsitzenden von MKP Deutschland, Terje Lange aus Stuttgart, habe ich jüngst bei der Mitgliederversammlung und dem „Welt-Café“ in Kassel den Süden Deutschlands vertreten. Nach meiner Initiation 2013 war dies mein erster MKP-Termin auf Bundesebene und es war ein wunderbares Gefühl, die Männer aus Kiel, Hamburg, Münster oder Braunschweig kennenzulernen, die ich teils aus dem Chat und aus Erzählungen kannte.

Als am Nachmittag der Bundesvorsitzende Kai Tesmer und Terje den Stab niederlegten, um zu visualisieren, dass ihn jeder Mann persönlich und individuell aufnehmen kann und soll, erzeugte dies tiefe Kraft in unserer 19-köpfigen Runde. Anschließend erarbeiteten wir an vier Tischen in wechselnden Konstellationen, was wir tun können, um die aktuell bundesweit 28 Regionalgruppen (I-Groups) stärker, deren Leitung vielfältiger und MKP als Anlaufstelle für Männer bekannter zu machen.

So werden wir das Mentoring, also die Verbindung zwischen Trainings auf Bundesebene und den 300 Männern in den Gruppen, systematisieren und regionalisieren, damit mehr New Warrior in die Gruppen münden. Generell ist uns der Austausch der Gruppen untereinander wichtig. Idealerweise besuchen sie sich gegenseitig und Männer nehmen sich vor, etwa jeden vierten Gruppenabend in einer auswärtigen Gruppe zu verbringen.

Angeregt wurde auch, dass sich die 28 Leiter der Gruppen bundesweit austauschen. So hat etwa Kiel sehr gute Erfahrungen damit gemacht, Männer schon früh in die Leitung von Abenden und Prozessen einzubinden, um sie damit zu fördern und innerhalb der Gruppe keine Hierarchien entstehen zu lassen.

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Karneval: Ventil für geschundene Seelen

In Teilen habe ich am Freitag, Samstag und gestern die Prunksitzungen im Fernsehen gesehen, die aus Mainz, Düsseldorf und Köln übertragen wurden. Dabei fiel mir durchgängig die politische Schärfe auf gegen US-Präsident Donald Trump, seine Kollegen Wladimir Putin aus Rußland und Recep Tayyip Erdogan aus der Türkei sowie die Präsidentschaftskandidaten Marie Le Pen in Frankreich und Geert Wilders in den Niederlanden.

Hinzu kamen klare Worte gegen den Brexit-Betreiber Boris Johnson oder das AfD-Spitzenpersonal wie Frauke Petry, Jörg Meuthen oder Björn Höcke, die in Büttenreden und bitterbösen Analysen teils mit Nationalsozialisten verglichen wurden. Besonders beeindruckt hat mich, mit welcher Klarheit das Publikum in all diesen Karnevalshochburgen reagierte, die den mutigen Rednern regelrecht huldigten.

Diesen Zuspruch werte ich als klares Signal, wie sehr das absolute Gros unseres fleißigen Volkes nun die Schnauze gestrichen voll hat von all den Hetzern und Blendern, die das Klima in unseren Ländern und Städten vergiften und mit ihren einfachsten Antworten auf hoch komplexe Sachverhalte auf Stimmenfang gehen.

So gesehen, hatte diese Saison auch auf mich eine reinigende Wirkung: Ich gehe in der Zuversicht in die Fastenzeit, dass die europäischen Demokraten nun eng zusammenstehen und in Frankreich wie in den Niederlanden bei den anstehenden Wahlen den Rassisten die Rote Karte zeigen werden.

Männer wie Lars Reichow machen mich stolz auf unsere Nation, die uns gerade in der „fünften Jahreszeit“ zur Besinnung rufen. Dass der einfache Aufruf, von seinem Wahlrecht Gebrauch zu machen, in der Fasnet mal zu einer Pointe taugen würde, hätte ich mir vor zwei, drei Jahren auch nicht träumen lassen.

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