Migranten

4000 Mitfeiernde auf Schorndorfer Marktplatz

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Fürchtet euch nicht: 4000 Schorndorfer bekennen sich an Heiligabend auf ihrem Marktplatz zur Weihnachtsbotschaft, machen sich gegenseitig Mut und intonieren am Ende „Oh, Du fröhliche.“ Welch‘ ein Geschenk. FOTO: FROMM

Mehr als 100 Mitwirkende vom Posaunenchor über einen vom Kirchenchor unterstützten Projektchor bis hin zum Kinderchor und der Jugendkantorei haben an Heiligabend auf dem Schorndorfer Marktplatz nach der Premiere 2012 öffentlich Weihnachten gefeiert. Rund 4000 Gläubige, Zweifler und vielleicht Ungläubige nahmen an dem 50-minütigen Gottesdienst teil.

In dessen Mittelpunkt stand das Lukas-Evangelium von der Geburt Jesu; den als erste die Hirten besuchten, die zu den Ärmsten der Gesellschaft gehörten; und schließlich die neugierigen Könige, die ihre Komfortzone verlassen hatten, um sich auf eine neue (Welt-)Ordnung einzulassen. Zentral war der Satz an die Hirten „Fürchtet euch nicht!“, der auch heute gilt.

„Weil die Angst der schlechteste aller Ratgeber ist,“ so Pfarrer Steffen Kläger-Lißmann in seiner Predigt, „weil wir sonst alles zu verlieren drohen, was uns wichtig ist: Unseren Zusammenhalt und vielleicht sogar unsere Liebe.“ Dass neben einem Kind und anderen auch Oberbürgermeister Matthias Klopfer eine Fürbitte vortrug, stimmt mich für die Werteorientierung in unserer Stadt mit ihren 40.000 Einwohnern zuversichtlich.

Schade fand ich, dass die Initiative von Stadtpfarrerin Dorothee Eisrich im Vorfeld unter den Gläubigen offenbar umstritten war: Da sind Befürworter wie ich, die sagen, wir müssen mit der Botschaft zu den Menschen gehen und uns mit unserem Glauben in der Stadt zeigen; und da sind die Konservativen, die das Geheimnis ihres Glaubens in sakraler Umgebung feiern wollen, zumal die für viel Geld 2013 renovierte Kirche 1000 Gläubige fasst, die aber seltenst da sind.

Fakt ist aber, dass auf den Marktplatz viermal soviele Menschen kamen, von denen die meisten in eine Kirche nicht gekommen wären. Und: Bereits am Sonntag, 8. Januar, dürfte die Stadtkirche um 18 Uhr mit mehr als 1000 Besuchern aus allen Nähten platzen, wenn ein Stuttgarter Gospelchor nach dem Erfolg von diesem Jahr erneut ein Benefizkonzert gibt.

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Wundervolles Adventskonzert beschwingt

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Verzaubern mit ihren Melodien (v.l.): Margot Kroner (Leitung), Gerda Engelfried, Elke Lang und Dagmar Delingat am Sonntagabend in Rommelshausen. FOTO: FROMM

Die „Groovin‘ Voices“ aus Donzdorf haben mir und rund 100 weiteren Besuchern am Sonntagabend ein wundervolles Geschenk gemacht: Das Frauen-Quartett gab in Rommelshausen in der glanzvoll erstrahlten Mauritiuskirche ein Adventskonzert. Unter dem Motto „Joy to the world“ intonierten sie weltweit bekannte Melodien aus Pop, Klassik, Jazz und Swing.

Begleitet am e-Piano von Michael Hauser zeigten Margot Kroner (Leitung), Gerda Engelfried, Elke Lang und Dagmar Delingat eindrucksvoll auf, welche spirituelle Kraft die Musik hat, uns Menschen im wahrsten Wortsinn in Schwingung zu versetzen. Enorm war aber auch die gesangliche Leistung, vierstimmig virtuos und akurat die Melodien zu entfalten.

Das Quartett samt Pianist ist für mich ein Symbol dafür, wie Menschen mit Achtsamkeit und gegenseitiger Wahrnehmung erst Spitzenleistung erbringen können. Denn der Erfolg liegt oft in den unmerklichen Details. Dazu gaben die Sängerinnen vor der Kulisse der Apsis unter dem Kreuz ein ästhetisches Bild ab, das den Lebensbogen visualisiert: Während sie vom Baby in der Krippe singen, hängt darüber der zu Tode Gefolterte. Aleppo & Co. lassen grüßen, auch unter dem Frank Sinatra-Swing.

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Von Benediktinern lernen

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Immer wieder inspirierend zu lesen: Die Benediktiner-Zeitschrift „Erbe und Auftrag“. FOTO: FROMM

Über die im Geburtsjahr meines Vaters 1919 gegründete benediktinische Quartals-Zeitschrift Erbe und Auftrag bin ich mit meinem Freund Pater Albert Schmidt verbunden, der seit 2006 Schriftleiter dieser theologisch-monastischen Lektüre ist. Diese ist üblicherweise einem Schwerpunkt gewidmet, wie etwa die Bedeutung der Klostergärten für das Leben in Gemeinschaft; der Ökumene oder dieses Mal eben dem „Mönchtum in Lateinamerika.“

Vor allem beeindruckt hat mich die Biographie des Benediktiners Richard Weberbergers, der in Brasilien Bischof war. Als 2009 das Doppeljubiläum seines 70. Geburtstags anstand und das 30-jährige Bestehen seiner Diözese, wurde ein großes Fest vorbereitet und viele Speisen zubereitet. Und als das Essen gekocht war, ließ Dom Ricardo es in Autos verladen, die quer durch die Stadt zu den Favelas fuhren, statt es mit seinen Gästen zu verzehren.

Dort schlug der Jubilar eigenhändig mit der Schöpfkelle auf einen Topfrand, so dass rasch die Kinder zusammenliefen. Und Dom Ricardo belehrte seine staunenden Gäste, die Eltern schämten sich ob ihrer Armut,weshalb sie die Kinder schickten. In einem anderen Beitrag regt der Autor, der selbst einen Konvent leitet, an, Ordensleute mögen sich weltweit mehr durchmischen in ihren Gemeinschaften, um multikultureller zu leben und damit Vorurteile abzubauen und vorbildlich zu leben.

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Mein Buchtipp: Untenrum frei

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Lesenswertes Buch über Frauen-Emanzipation, die zugleich auch Männer-Emanzipation ist: Nicht nur der anstößige Titel gibt Anstöße zum Weiterdenken. FOTO: FROMM

Auf das Buch von Margarete Stokowksi „Untenrum frei“ bin ich durch Zufall gestoßen. Und während mich der Titel als reißerisch eher abstieß, las ich bereits einen Halbsatz weiter, dass die 30-jährige Autorin Kolumnistin bei taz und spiegel-online sei, was mich wiederum neugierig machte. Denn erfolgreiche junge Kolleginnen finde ich interessant.

Die Rezension in der Stuttgarter Zeitung animierte mich, das Buch zu kaufen, um es meiner knapp 18-jährigen Tochter zu schenken, geht es doch um Emanzipation und die Entlarvung männlicher Dominanz, die noch immer – allerdings subtil- massiv in unserer Gesellschaft präsent ist. Neugierig las ich die 230 Seiten binnen Tagen selbst mit großem Gewinn.

Denn die 30-jährige gebürtige Polin analysiert messerscharf, wie (wir) Männer durch Konventionen (Erziehung, Katholizismus etc.) Frauen klein halten. So beschreibt sie, wie sie als Vierjährige vom Fahrrad fiel. Den aufgeschürften Arm ließ sie sich aufwändig verarzten, die Schmerzen zwischen den Beinen aber verschwieg sie, weil sie den Ort nicht beschreiben konnte. Die Scham ließ erstmals grüßen.

Süffisant sezessiert sie, wie Mädchen- und Frauenzeitschriften die Unterwerfung der Frau zum Ziel haben. Denn die Heftchen konditionieren Frauen darauf, sich auf ihr Äußeres zu reduzieren („Hilfe, ich bin zu dick!“) und ihrer „Problemzonen bewusst“ zu werden. Oder sie bekommen ständig vermittelt, wie sie den Mann befriedigen. Aber nahezu kein Heft ermutigt junge Frauen, den Blick auf die eigene Befriedigung zu lenken oder darauf, mit Männern auf Augenhöhe zu verhandeln.

An einigen Stellen entlarvt das Buch auch meine Haltungen, wenn es etwa um sexuelle Orientierung geht oder Gender-spezifische Erziehung: Mädchen bremse ich eher (Schutz) und Jungs ermutige ich eher (Risiko). Die Lektüre macht mir deutlich, dass ich noch immer mit zweierlei Maß messe. Und dass es in meinen Beziehungen auch so war, dass mit der Geburt eines Kindes die Rollenfixierung nahezu klassisch wurde.

Meiner Tochter schenke ich das (gelesene) Buch zum morgigen Nikolaustag. In der Hoffnung, dass auch sie es liest und einiges besser macht als ich. Vor allem achtsamer und ideologiefreier. Denn eines weiß ich auch: Mit einer emanzipierten Frau auf Augenhöhe haben erwachsene Männer viel mehr Spaß als mit einem konditionierten Mäuschen oder einer weltfremden Prinzessin. Danke, liebe Margarete, für Ihr lesenswertes Buch.

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Konsum: Quadratur der Schizophrenie

Bereits zum wiederholten Mal gefällt mir ein Werbevideo von Edeka, das emotionalisiert und eine ethische Botschaft wie das aktuell hier gezeigte auf den Punkt bringt. Als Medienprofi kann ich nur bestätigen, dass dieser Weg der sympathischen Präsenz klug und richtig ist. Denn dass der Lebensmittler für gute Produkte und kompetenten Service steht, braucht man nicht mehr thematisieren.

Demnach ist das Video eine sympathische Erinnerung daran, dass es Edeka gibt – in Abgrenzung zu Rewe, Aldi & Co., die alle auch Umsätze machen wollen. Und da beginnt für mich die Schizophrenie: Edeka thematisiert im Video, Eltern sollen sich Zeit für ihre Kinder nehmen. Selbst aber weiten sie die Öffnungszeiten – im Wettbewerb mit Rewe, Aldi & Co. – bis 21 Uhr und später aus, einschließlich samstags. So bleibt Familien (noch) weniger gemeinsame Zeit.

Mehr noch: Die meisten von uns sind übergewichtig, die Kühlschränke immer voll und viele Lebensmittel werden weggeschmissen. Da wäre eher die B0tschaft angesagt, mal drei Tage gar nicht einkaufen zu gehen oder ein Jahr lang (!!!) keine Textilien zu kaufen, um Ressourcen (und Geld, das zuvor durch Nebenjobs dazuverdient werden muss) zu sparen und sich bewusst zu machen, wie viel (zuviel) man hat. Das wäre Pädagogik.

Aber der Widersinn hat noch viel mehr Methode: Vor zwei Wochen war ich beim Energiekongress des Einzelhandels in Köln.  Dort referierten Energiemanager von Aldi, C&A oder Shoppingcenter-Betreibern wie ECE wie sie Energie sparen oder regenerativ erzeugen, um das klimaschädliche CO2 einzusparen. Letztlich geht es hierbei nämlich um das Überleben der Menschheit auf diesem Planeten. Das wäre wahrlich ein wichtiges Weinachtsgeschenk, wenn uns das gelingt.

Und tatsächlich leisten die Verantwortlichen teils Erstaunliches. Doch andererseits werden viele CO2-Einsparungen durch wachsende Konsumansprüche (noch mehr Kühltheken, Backshops, Videowände etc.) nahezu neutralisiert. Und wenn man dann hört, wie etwa Beleuchtung von „Lightning-Managern“ eingesetzt wird, um satte Verbraucher, die nichts brauchen, zum Stoppen und Zugreifen zu bringen, frage ich mich schon, wie pervers und dekadent unsere Spezies ist.

Da referiert die Sustanability-Verantwortliche der marktführenden Shoppingcenter-Kette, wie die Hamburger nachhaltig bauen und über Steuerungstechnik etc. CO2 einsparen. Und niemand im Saal – oder die Referentin selbst – kommt auf die Idee, mal zu hinterfragen, welchen Geschäftszweck diese Konsumtempel verfolgen: Nämlich Menschen permanent zu verführen und zu manipulieren statt zu informieren oder gar zu bilden.

Zum Beispiel darüber wie Ausbeutungsstrukturen von Filialisten entlang der gesamten Wertschöpfungskette funktionieren, um T-Shirts und Hosen, die keiner braucht, für fünf Euro in ihren Stores zu verkaufen. Oder darüber, dass nicht Erwerb und Besitz glücklich machen, sondern Beziehungen und Gemeinschaft. Wir sollten uns gegenseitig bei Letzterem unterstützen statt beim Ausbeuten. Frohe Weihnachten. Hoho-hohoooo.

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Nina Scheer: Keine Alternative zur Energiewende

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Die Energiewende ist auch eine Frage sozialer Gerechtigkeit: Nina Scheer (2.v.r.) war Zugpferd der Podiumsdiskussion des Solarvereins Rems-Murr. FOTO: PRIVAT

Die Energiewende muss über die Einkommenssteuer finanziert werden und nicht wie bisher über eine Vielzahl an Umlagen, so der Tenor einer Diskussion. Das sei sozial gerechter und marktkonformer, um keine Anreize zu setzen, Abgaben zu vermeiden. Organisiert hatte die zwei Stunden mit 150 Zuhörern aus sieben Energiegenossenschaften im Landkreis der Solarverein Rems-Murr e.V. im Waiblinger Bürgerzentrum.

„50 Prozent der Bevölkerung wären von den Kosten für die Energiewende befreit“, rechnet taz-Redakteur Malte Kreuzfeld vor. Er möchte EEG- und Netzgelt-Umlage, die den Preis je Kilowattstunde (kWh) Strom binnen 15 Jahren auf fast 30 Cent verdoppelt haben, abschaffen und diese Kosten über die Einkommenssteuer finanzieren. „Die Lasten für das politische Ziel der Energiewende müssen gerecht verteilt werden“, so seine Argumentation.

Dazu gibt ihm ausgerechnet Esther Chrischilles Recht. Denn auch die Lobbyistin vom Institut der deutschen Wirtschaft sieht über den Stromverbrauch die Unternehmen im globalen Wettbewerb der Standorte belastet. Nur vier Prozent der Betriebe seien von der EEG-Umlage, die 24 Milliarden Euro pro Jahr einbringt, entlastet.

Dem widerspricht Nina Scheer, SPD-Bundestagsabgeordnete in Schleswig-Holstein. Die Tochter des früheren Rems-Murr-Politikers Hermann Scheer, der das Erneuerbare Energien Gesetz (EEG) Ende der 1990er-Jahre erfunden hatte, um das Stromsparen und die Energiewende zu fördern, hält an dessen verbrauchsorientierter Intention fest. „Die Frage ist doch nicht, was uns die Energiewende kostet, sondern was es uns kostet, wenn wir sie nicht machen.“

Sie hält eine CO2-Steuer dagegen, die fossile Verbrennung bepreisen würde: „Das wären zehn Cent je kWh, dann können wir die EEG-Umlage gerne abschaffen.“ Laut Scheer bezahlen wir diese schon heute in Form schwindender Lebensqualität und Gesundheit. Jörg Jasper, Energieexperte der EnBW, räumt ein, dass die Umlage-Thematik mittlerweile so komplex sei, dass auch „die Experten sie in Gänze nicht mehr verstehen.“ Für Investitionsentscheidungen fehle die Planungssicherheit.

In der lebhaften Diskussion merkte ein Redner an, dass auch auf die Umlagen Mehrwertsteuer erhoben wird. Andere wollten wissen, auf welche Technologien die Experten bei der Energiewende setzen; ob bei den Ausbauszenarien die e-Mobilität berücksichtigt ist oder ob Bürgerenergiegenossenschaften von dem Ausschreibungsprozedere ausgenommen sind, mit dem die Bundesnetzagentur den Zubau reglementiert.

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Oikocredit: Mikrokredite verändern die Welt

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Kurzweilige, Mut machende zwei Stunden beim Adelberger Männervesper: Helmut Götz (l.) informiert, wie Mikrokredite die Welt verbessern. FOTO: FROMM

Oikocredit vergibt Kredite an Kooperativen in Entwicklungs- und Schwellenländern, so in Peru, Kenia oder Indien. Beim Adelberger Männervesper erklärte Schatzmeister Helmut Götz, wie diese Darlehen lokale Wirtschaftsstrukturen in Gang bringen und Gerechtigkeit stiften.

„Die Betroffenen wollen kein Mitleid, sondern eine faire Chance“, sagt Helmut Götz. Der 73-Jährige war Vorstand der Heidenheimer Volksbank und ist seit knapp zehn Jahren Schatzmeister von Oikocredit. Die internationale Kreditgenossenschaft hat  der Ökumenische Weltrat der Kirchen 1975 gegründet, um die Armut in der Welt zu bekämpfen. Heute gehören dem Institut mit Sitz in Holland 589 Direktmitglieder an, darunter Kirchen, kirchliche Organisationen wie die Diakonie, Caritas oder Brot für die Welt sowie 30 Förderkreise mit weltweit mehr als 51000 Einzelmitgliedern.

Einer  dieser Förderkreise ist der 1978 gegründete Förderkreis Baden-Württemberg e.V., dessen Vorstand Götz angehört. Aktuell unterstützen in Baden-Württemberg 7000 Mitglieder die Arbeit von Oikocredit International. Binnen 40 Jahren hat Oikocredit 2,5 Milliarden Euro an Krediten vergeben, deren Laufzeit bis zu 15 Jahren geht. Aktuell sind 940 Millionen Euro an knapp 800 Partnerorganisationen in 71 Ländern vergeben. Die Mikrofinanzdienstleistung erreicht 46 Millionen Kreditnehmer. Diese sind oft in Gruppen gebündelt, um das Ausfallrisiko zu minimieren.

So bekommen etwa im Senegal sechs Frauen zusammen 200 Euro, um je eine eigene Geflügelzucht aufzubauen. Jede muss innerhalb von einem Jahr ihr Sechstel zurückzahlen. Fällt eine Kreditnehmerin aus, übernehmen die anderen fünf die Rückzahlung ihres Anteils. Deshalb liegt die Rückzahlungsquote bei nahezu 100 Prozent.

Auch bei Oikocredit sind die Ausfälle gering. Seit 2012 lagen diese zwischen 0,8 und  2,5 Prozent, was im Kontext der Risiken von Währungsschwankungen, Diktaturen oder Klimakatastrophen zu vernachlässigen sei, so Götz. Dass 86 Prozent der Mikrokreditnehmer Frauen sind, ist ihrer Verlässlichkeit geschuldet. „Die Frauen haben eine hohe Motivation, ihre Kinder durchzubringen und ihnen den Schulbesuch zu ermöglichen“, begründet der Heidenheimer, der selbst viele Länder bereist und Projekte besichtigt hat.

Entsprechend fließen Kredite in Photovoltaik-Projekte, damit die Frauen abends Strom und Licht haben, um noch arbeiten zu können. Oder es werden dringend notwenige Modernisierungen bei einer lokalen Kakao-Kooperative finanziert, um deren Wettbewerbsfähigkeit und Einkünfte zu sichern.
Weltweit beschäftigt Oikocredit 300 Mitarbeiter, die in dezentralen Strukturen die lokale Situation der Menschen kennen und die Kreditanträge bearbeiten. Diese erfolgt über Partnerorganisationen nach strikten Vorgaben: So müssen Menschen- und Arbeitsrechte oder der Umweltschutz eingehalten werden.

„Ein Grundübel sind Wucherzinsen“, sagt Götz, die durch knappe Ressourcen und ausgeprägte Machtstrukturen in Südamerika, Afrika oder weiten Teilen Asiens teils bei 100 Prozent pro Jahr liegen. Diese trieben Menschen in die Illegalität oder die Resignation. Nicht umsonst hat Wirtschaftsprofessor Muhammad Junus, der 2006 den Friedensnobelpreis erhielt, 1976 Mikrokredite mit Zinsen von 20 bis 30 Prozent in Bangladesch eingeführt und damit nachweislich die Lebenssituationen der Menschen verbessert.

Götz machte seinen knapp 20 Zuhörern im Adelberger Pfarrsaal in zwei spannenden Stunden Mut. Denn weltweit hat sich die Armut von 2000 bis 2015 in etwa halbiert, allerdings auch, weil 600.000 Chinesen durch das dortige Wirtschaftswachstum über die Schwelle von 1,90 Dollar pro Tag an Einkünften kamen. Und: Die Weltlandwirtschaft könnte sogar zwölf Milliarden Menschen ernähren, wenn die Ressourcen anders und gerechter verteilt wären.

Götz‘ Vortrag fiel auf fruchtbaren Boden: So wollen etliche Zuhörer Genossenschaftsanteile an Oikocredit erwerben, auf die in den vergangenen 25 Jahren in der Regel jährlich zwei Prozent Dividende  ausgeschüttet wurden. Auch viele Kirchengemeinden parken hier Teile ihres Geldes, das jederzeit wieder abrufbar ist. Pfarrer Tilman Schühle und Organisator Klaus Müller dankten dem Gast.

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Eichenkreuzsport zeigt mehr Flagge

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Landesebene und Pfarreibasis verzahnen sich in Leonberg: Die Workshops des Eichenkreuzsports beim Jahresforum waren sehr praxisorientiert und boten den Teilnehmern konkrete Handlungsorientierung für ihre Vereinsarbeit. FOTO: FROMM

Integration von Migranten, Pressearbeit, Projektmanagement: Die Verantwortlichen in den 150 Ortsvereinen des Eichenkreuzsports in Württemberg wollen in der Gesellschaft mehr Flagge zeigen. In Leonberg haben sich nun 80 Delegierte beim diesjährigen Sport-Forum kundig gemacht und ausgetauscht. Einer der drei Referenten war ich.

„Wir haben eine Aufbruchstimmung erzielt und Strukturen geschaffen, die die Basis und die Führung besser miteinander verzahnen“, sagt Henrik Struve. Der 40-Jährige ist hauptamtlicher Geschäftsführer beim Eichenkreuz, dem evangelischen Sportverband. In Personalunion ist der Diakon auch Sportjugendreferent beim Evangelischen Jugendwerk Württemberg (EJW).

Der Kick kommt gerade recht. Seit Jahren leiden viele Ortsgruppen unter schwindenden Mitgliederzahlen, Überalterung und Bedeutungsverlust. „Wir machen einen super Job und keiner bekommt es mit“, sagt etwa ein Handball-Trainer im Workshop, in dem es um effiziente Strukturen geht. Auch wird es immer schwieriger, Ehrenamtliche für den Sportbetrieb zu interessieren.

Eine Schwierigkeit liegt darin, dass die Eichenkreuzsport-Strukturen komplexer sind als die eines klassischen Sportvereins und viele Mannschaften nicht am Liga-Betrieb des Württembergischen Landessportbundes (WLSB) teilnehmen. Letzteres aber ist oft Kriterium für die Berichterstattung der Lokalzeitungen, kläre ich die Teilnehmer auf.

„Bei uns steht nicht der Wettbewerb im Vordergrund, sondern die Gemeinschaft“, begründet Anastasios Leontopoulos diesen Unterschied. „Wir wollen Jugendlichen beibringen, dass man auch aus Niederlagen etwas lernen kann“, begründet der Leonberger EJW-Jugendreferent diese Haltung. Zudem sei Sport nur eine Möglichkeit, seine Persönlichkeit zu entwickeln.

Das wird im Workshop von David Scholz deutlich. Bei dem WLSB-Referenten für Flüchtlingsintegration holen sich rund 20 Teilnehmer Anregungen, wie sie in ihren lokalen Sportgruppen auf Migranten zugehen können und worauf dabei zu achten ist. „Als Christen gebietet uns die Nächstenliebe, diesen Schritt zu gehen, aber auch als Bürger dieses Landes ist es klug, dass aus Fremden bald Freunde werden“, sagt ein Übungsleiter. Und ein Schiedsrichter ergänzt: „Diese unverhofften Neuzugänge stärken unsere Vereinsstrukturen.“

Dass die Jugendarbeit im christlichen Sportverein viele Themen bietet, die auch für die Presse interessant sind, arbeite ich in meinem Workshop vor großer Kulisse heraus. So kann interessant sein, wie und warum ein Verein ein polizeiliches Führungszeugnis für seine Trainer eingeführt hat. „Damit kommen wir unserer Sorgfaltspflicht gegenüber den Eltern nach,“ sagt der Fellbacher Sportchef, dem die 15 Euro je Testat die Stadt bezahlt hat.

Ein anderer erzählt, was sie gegen Koma-Saufen unter jungen Leuten tun; wie sehr überfürsorgliche Mütter die Jugendarbeit behindern oder wie sie Ehrenamtliche für ihren Verein finden. Den Teilnehmern empfehle ich, in ihrer Lokalredaktion zu identifizieren, welcher Journalist für sie zuständig ist und ihm offen zu erzählen, welche Themen den Vereinsalltag begleiten.

Im Evangelischen Jugendwerk in Württemberg betreuen über 350 Haupt- und 53.400 Ehrenamtliche mehr als 300.000 Kinder und Jugendliche in 1400 Pfarreien. Hinzu kommen 100 FSJ-ler (Freiwilliges Soziales Jahr) in Pfarreien, die beim EJW angestellt sind. Unter dessen Dach sind 10.000 Sportler in 600 Gruppen in 150 Pfarreien im Eichenkreuz organisiert. Diese bilden in 48 Bezirken oft eigene Ligen und tragen Turniere aus.

Neben Wintersport sind vor allem Fußball, Handball, Volleyball und Indiaca populär. Vereinzelt auch Lauf- und Radsport. Neben dem Eichenkreuzsport gehören zum EJW vor allem der CVJM (Christlicher Verein junger Menschen) und Jugendgruppen in Pfarreien. Der Haushalt des EJW von zehn Millionen Euro finanziert sich zu je einem Drittel aus Mitteln der Evangelischen Landeskirche; öffentlichen Zuschüssen, Projektgeldern und Spenden; sowie Freizeit-/Bildungsarbeit und sonstigen Ersätzen.

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Kommunalpolitik ist die Schule der Demokratie

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Ein Großer der Kommunalpolitik tritt ab: Laudator Ivo Gönner (r.) herzt seinen Schorndorfer Parteifreund Karl-Otto Völker, der 38 Jahre im Gemeinderat seiner Heimatstadt diente. FOTO: STADT

38 Jahre saß mein Nachbar Karl-Otto Völker für die SPD im Gemeinderat der Stadt Schorndorf, davon 30 Jahre als deren Fraktionsvorsitzender. Vorige Woche ist der 70-Jährige in einem Festakt für geladene Gäste im (linken) Kulturzentrum Manufaktur verabschiedet worden. Festredner war der Grand Seigneur der Südwest-Sozialdemokratie, Ivo Gönner, selbst bis vor kurzem Oberbürgermeister von Ulm und Präsident des Städtetags.

„Kommunalpolitik ist die Schule der Demokratie“, meinte Gönner in einer launig gehaltenen Rede mit vielen Spitzen und Schmunzetten. Denn im Stadtparlament seien die Auswirkungen sämtlicher Beschlüsse von EU, Bund und Land zu spüren und zum Greifen, weshalb hier die Politik auf die Wirklichkeit der Bürger treffe.

Schorndorfs OB Matthias Klopfer, der als SPD-Mitglied seine Wahl 2006 vor allem der Unterstützung durch Völker verdankte, würdigte die Verdienste seines „persönlichen Freundes“ und zählte etliche Ehrenämter und Verdienste des früheren Pressesprechers der AOK Baden-Württemberg auf. So gehört der Mitbegründer der Manufaktur 1968 als unabhängigem Kulturzentrum noch immer dem Kreistag an, in dem er die SPD-Fraktion führt. In dieser Funktion gehört er auch dem Beirat der Kreissparkasse an.

Auch bei Volkshochschule, Bürgerstiftung oder christlichen Vereinen wie dem CVJM war und ist der Vater zweier erwachsener Söhne engagiert und treibende Kraft, wie aktuell bei der Integration von Migranten. Seit vielen Jahren ist Völker auch stellvertretender Vorsitzender des Landesseniorenrats, um nur einige Ämter hervorzuheben.

Treffend charakterisierte Klopfer den 70-Jährigen als eloquenten Generalisten, den eine rasche Auffassungsgabe und ein ausgeprägtes Gerechtigkeitsempfinden auszeichnen, gepaart mit Streitlust, Fairness, Menschenfreundlichkeit, Geselligkeit und Einfühlungsvermögen. Im Outfit des Gottlieb Daimler, der in Schorndorf geboren ist, ist der Sozialdemokrat auch für seine kurzweiligen und informativen Stadtführungen bekannt, die u.a. tiefe wirtschaftspolitische Einsichten in die damalige Zeit gewähren.

Eine Talkrunde mit seinen Fraktionskollegen von CDU, Grünen und Freien Wählern, moderiert vom Redaktionsleiter der Schorndorfer Nachrichten rundete den zweistündigen, offiziellen Teil ab, an dem u.a. der aktuelle Landrat und dessen Vorgänger sowie die gesamte Führung der Stadtverwaltung teilnahmen. Umso berührter war ich, als Völkers Nachbar dabei sein zu dürfen, der zudem erst vor vier Jahren in „seine“ Straße gezogen ist.

Aber vermutlich hat der alte Kämpe gerochen, dass ich wie er ein „zoon politicon“ im besten griechisch-philosophischen Sinne bin, der nicht nach dem Staat ruft, sondern weiß, dass er selbst der Staat ist und sich deshalb nach Kräften und Talenten einbringt. Da Diplomatie nicht meine Stärke ist, gehöre ich keinen politischen Gremien an. Als Ex-Lokalredakteur, der aber dauerhaft den Gemeinderatssitzungen in Ellwangen, Westhausen und Lauchheim (bis spät in die Nacht) fast zwei Jahre lang beigewohnt hat, kann ich bestätigen, dass man erst dort begreift, wie genial Demokratie tatsächlich funktioniert.

Lieber Karl-Otto, vielen, vielen Dank für all das, was Du für unser Gemeinwohl geleistet hast. Wer Dich erlebt, weiß, dass Du dadurch auch selbst viel bekommen hast: Zuwendung, Weisheit, breiteste Allgemeinbildung, spannende Kontakte bundesweit und ein fröhliches Wesen. Danke, lieber Nachbar, Du bist Vorbild, Ermutigung und vieles mehr. Danke auch Deiner Frau Renate und Deinen Söhnen, die von der Kehrseite eines solch öffentlichen Lebens wissen. Ich hatte eine solche Mutter – übrigens auch Bundesverdienstkreuzträgerin. Aber das wäre eine andere Geschichte.

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Janosch-Biographie: Vom Opfer zum Täter

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Meine Urlaubslektüre: Auch ich habe mit meiner Tochter nie „heile Welt“ gespielt. Barbie bekam Ken nicht, weil er schwul war, oder für ein neues Kleid fehlte das Geld. Fasziniert war sie von unseren Handlungen und Wendungen trotzdem immer.

Meine Urlaubslektüre war die Biographie des Deutsch-Polen Horst Eckert. Besser bekannt ist der mittlerweile 85-Jährige, der auf Teneriffa lebt, als Janosch, der mit dem Kinderbuch „Oh wie schön ist Panama“ 1978 seinen beruflichen Durchbruch hatte. Tatsächlich sind auch meine Kinder mit dem Vater von Bär und Tiger groß geworden und in Göppingen, wo ich bis 2012 lebte, wurde die TV-Sendung „Tigerenten-Club“ aufgezeichnet.

Die Biographie, verfasst von der Polin Angela Bajorek, hat mir mein 27-jähriger Sohn (oder traf die Auswahl seine Partnerin, die in der Pädagogik arbeitet?) zum Geburtstag geschenkt. Erwartet hatte ich leichte Kost und gelesen habe ich tiefe Verzweiflung. Denn Horst – der Vater war ein polnischer Nazi – ging in seiner Kindheit durch die Hölle. Als Kinderbuchautor hat er diese Kindheit therapeutisch Zeit seines Lebens aufgearbeitet.

Vater Wilhelm, erzählt er der Biographin, war täglich besoffen, schlug die Mutter und ihn und war ein linkischer Charakter. Die Mutter, zu schwach, den Vater zu verlassen, ließ ihren Stress in Form von Gewalt auch an dem Kleinen aus. Nicht besser ging es ihm beim katholischen Kaplan, der das Kind sadistisch quälte, oder der Hitlerjugend, in der ihn sein Vater sehen wollte.

Auch dort ertrug das Kind Gewalt, die ihm Führer und andere Kinder antaten, zumal ihn die katholische Kirche gelehrt hatte, dass er nicht zurückschlagen dürfe. Gejubelt habe er, als russische Soldaten die Kirche seiner Stadt 1945 anzündeten, weil sie die Nazis und die Kirche besiegt hätten. Bettelarm kommt Janosch als 14-jähriger Flüchtling mit seinen Eltern nach Krefeld und Osnabrück, wo er versucht, Fuß zu fassen.

Zweimal scheitert der sensible Künstler an selbstherrlichen Professoren an der Kunstakademie. Den Frauen und dem Alkohol zugetan, emanzipiert sich der junge Mann von den Werten seiner Kindheit, scheitert aber auch mit den eigenen Versuchen, seine Zeichnungen als Kinderbuch zu vermarkten. Nur 45 Exemplare von „Die Geschichte von Valek dem Pferd“ werden 1960 verkauft.

Immerhin: Ein Lektor erkennt die schmale Nische, in die der Deutsch-Pole auf dem Kinderbuch-Markt passt. Nicht heile Welt ist sein Thema, sondern Verarbeitung von Leid. Da verhandeln Gänse mit dem Fuchs, dass er sie nicht frisst; sympathische Protagonisten trinken zuviel oder haben nur ein Bein oder ein Auge, was auf Kriegsversehrte anspielt.

Nach einer durchzechten Nacht, in der Janosch im Suff seinem Lektor seine traumatische Kindheit erzählt, ermuntert dieser ihn, seine Erlebnisse in einem Buch zu verarbeiten. 41 Flaschen Gin, so die Biographin, trinkt Janosch, ehe 1970 „Cholonek oder der liebe Gott aus Lehm“ verfasst ist. Kein Wunder, sage ich als Gestalttherapeut: Zugang zum Verdrängten hatte der Autor vermutlich nur, wenn er die Kontrolle verliert und auch nur im Suff konnte er die Erinnerung ertragen.

Noch viel mehr gäbe es zu diesem lesenswerten Buch für mich zu sagen und daraus zu schöpfen. „Wer fast nichts braucht, hat alles“ ist für mich der Beleg dafür, dass wir jede Opfer- in eine Täterbiographie verwandeln können, wenn wir unsere Introjekte erkennen und töten und die gewonnenen Freiräume mit Liebe füllen. Der 85-jährige Schnauzbart legt dafür Zeugnis ab.

 

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