Migranten

Gute Zeichen: Die Energiewende kommt

Für die Lebensmittelzeitung habe ich heute einen Beitrag mit 5000 Zeichen zuzüglich mehrerer Textboxen zum Thema Energieeffizienz vereinbart. Und in die Fleischerei erscheint im April-Heft ein Interview mit BSW Solar-Präsident Joachim Goldbeck,  in dem der Inhaber von Goldbeck Solar erzählen wird, dass Investitionen in regenerative Technologien Renditen von zwölf Prozent erbringen.

In den Lebensmittel-Gazetten, deren Leser in energieintensiven Branchen zu Hause sind, schildere ich Beispiele, in denen etwa ein Energiemanagementsystem zusammen mit der Umrüstung auf LEDs in einem Autohaus 40 Prozent der früheren Energiekosten von 600.000 Euro pro Jahr einspart. Daraus ergeben sich Amortisationszeiten von 2,5 bis fünf Jahren.

Offenbar sind so viele Redakteure noch nicht in dem Thema firm, dass ich damit meist offene Türen einrenne und auf diese Weise das Wissen um die Möglichkeiten der Energiewende in die Breite trage. Denn meine Recherchen sind alle praxisbasiert und kaufmännisch geschrieben, so dass der Leser mehr den Nutzen (Kostenersparnis) statt technischer Details versteht.

Gerne stelle ich hier meinen Lesern auch die 90-minütige Dokumentation von Regisseur Carl-A. Fechner vor. Der 2015 gedrehte Film Power to change zeigt auf, wie die Energiewende gelingen kann. Persönlich bin ich sehr optimistisch, dass die Völkergemeinschaft allmählich die Dramatik versteht und die technischen Möglichkeiten nutzt, die längst vielfältig vorhanden sind.

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AfD muss jetzt zeigen, was sie kann

006 Wahlforum SN 24.02.2016
Die AfD darf nun nicht mehr nur mitdiskutieren, sondern muss u.a. im Landtag von Baden-Württemberg die Steuergelder rechtfertigen, die der Aufwand für ihre Parlamentarierer verursacht. FOTO: FROMM

Nach dem ersten Schock über den Wahlerfolg der AfD, der ohnehin zu erwarten war, kehrt die Republik allmählich zur Sacharbeit zurück. Als junger Redakteur habe ich erlebt, welch erbämliche Figur die Republikaner abgaben, wenn es um Sachthemen ging. Jetzt ist die AfD dran, die laut ihrem Parteiprogramm zurück zu Atom- und Kohlekraft will, den Mindestlohn abschaffen, bei Scheidungen zum Schuldprinzip zurückkehren und vieles mehr.

Das wird ein grausames Erwachen für viele gefühlte Verlierer und Verbitterte in unserer Gesellschaft, die in ihrem diffusen Frust die „Aufräumer“ gewählt haben, die nun womöglich bei ihnen selbst damit anfangen. Nicht nur das PV-Magazine hat mit der Berichterstattung schon mal angefangen.

Selbst dem AfD-Spitzenkandidaten Prof. Jörg Meuthen – stets bemüht, im Ton verbindlich und in der Aussage diffus zu bleiben – war bei der Diskussion der Stuttgarter Nachrichten in der Liederhalle vor der Landtagswahl mit den Spitzenkandidaten der Satz herausgerutsch, man wolle zur Atomkraft zurück, „weil das mit dem Wind und der Sonne ja nicht funktioniert.“

Herrn Meuthen und seinen Wählern sei gesagt, es funktioniert (wenn nicht die Kohle- und Atom-Lobby das Rad der EEG-Umlage für regenerativ erzeugten Strom weiter überdreht): Denn Speichersysteme werden immer billiger (teils um 50% pro Jahr), Geräte immer effizienter (teils um 30 % mit jeder neuen Produktgeneration), softwarebasierte Energiemanagementsysteme vermeiden Verschwendung (teils um 40 %) und senken Lastkurven (teils um 20 %).

Mehr noch: PV-Anlagen werden nur noch auf 90 % und mehr Eigenverbrauch ausgelegt, der umso häufiger erreicht wird, wenn Firmen zunehmend auch auf e-Mobilität umsteigen. Deren Autarkiegrad wächst dank Eisspeicher, Wärmerückgewinnung, biogas-betriebenem Blockheizkraftwerk, Solarthermie und Windkraft auf bis zu 100 Prozent, wobei das letzte Drittel aktuell noch nicht „betriebswirtschaftlich“ ist. All das schafft und erhält bundesweit hunderttausende Arbeitsplätze im Handwerk, also bei Nicht-Studierten. Das ist sozial und volkswirtschaftlich klug.

Wenn die Partei nun genügend Abgeordnete in immer mehr Landtagen (und 2017 auch im Bundestag) hat, hat sie genügend Geld und Personal, sich in Energiepolitik, aber auch Bildung, Innere Sicherheit, Gesundheitswesen, Verkehrswesen, Finanzen  etc. kundig zu machen. Das ist sicher ähnlich anstrengend, wie wenn ein NPD-Sympathisant den Hauptschulabschluss nachholt, aber es ist der einzige Weg, dem deutschen Volk, also auch mir, Nutzen zu stiften.

Die (Pegida-)Party ist zu Ende. Es mag ja entlastend gewesen sein, wenn man selbst ein Looser ist, gegen noch Schwächere zu polemisieren. Wenn die Partei aber jetzt ihre Hausaufgaben macht, wird sie künftig änliche Wahlprogramme und Positionen haben wie Linke, SPD, Grüne, FDP oder CDU/CSU. Wenn die Mitglieder allerdings den deutschen Staat verhöhnen und abschaffen wollen, sollen sie das bitte sagen. Danke.

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Fußballfans zeigen Haltung

Über den Tod eines 80-Jährigen während des Sonntagsspiels Dortmund-Mainz im BVB-Stadion hat die Stuttgarter Zeitung in ihrer heutigen Ausgabe berichtet.  Zu Beginn der zweiten Halbzeit machte unter den 81.000 Zuschauern die Nachricht vom Tod des Rentners in Windeseile die Runde, woraufhin  die Ultras ihre Fahnen einholten, die Südtribüne ihre Gesänge einstellte und beim 2:0-Siegtreffer der Jubel ausblieb.

Nach dem Abpfiff stimmte die Südtribüne offenbar in das Schweigen des Stadionsrunds hinein die Fußballhymne „You’ll never walk alone“ an und die Mainzer Fans reihten sich in die solidarische Trauer ein. Es muss eine ergreifende Stunde in dem imposanten Stadion gewesen sein, in der 81.000 Fußballfans Charakter und größtmögliche Sensibilität gezeigt haben. Gerne wäre ich dabei gewesen.

Nach all den Berichten über die Wahlerfolge der AfD, die ich eher als Spaltung unserer Gesellschaft und der Priorisierung von Menschen erster, zweiter und vermutlich dritter Klasse erlebe, war für mich dieser Bericht in meiner Lokalzeitung Balsam. Dieses Verhalten einer gigantischen, anonymen Menschenmasse, die für gewöhnlich als bedrohlich gilt, macht Mut.

Offenbar zeigt die Schwarmintelligenz, dass Barmherzigkeit, Takt und Respekt vor dem anderen noch immer zivilisatorische Errungenschaften sind, die in ausreichender Dosierung in unserer Gesellschaft vorhanden sind. Zugleich nehme ich als regelmäßiger Kirchgänger zur Kenntnis, dass die „Entkirchlichung“ nicht zwingend mit einem Werteverfall einhergeht. Formen, Kulturen und Riten wandeln sich, aber die humanistische Haltung bleibt erhalten. Danke, Dortmunder, für euer Vorbild und Beispiel.

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Mein Pladoyer für Winfried Kretschmann (Grüne)

Arbeiter an der Anlage
Monteur an einer Solaranlage: Auch in der Energiepolitik beweisen die Grünen Wirtschaftssachverstand statt sich in der CDU-verfilzten Atom- und Kohle-Lobby zu verheddern.

Nachdem ich mehr als 20 Jahre SPD-Mitglied war, habe ich vor fünf Jahren bei der Landtagswahl die CDU gewählt. Morgen wähle ich – wie Trigema-Chef Wolfgang Grupp – die Grünen. Denn mit der Politik von Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) und seinem Vize Nils Schmid (SPD) bin ich sehr zufrieden, sofern Landespolitik überhaupt eine Relevanz hat.

CDU-Herausforderer Guido Wolf scheint mir jedenfalls als Tuttlinger Landrat, dessen Job er mit Bravour erfüllt haben mag, seinen intellektuellen Zenit erreicht gehabt zu haben. Interessant finde ich, dass viele meiner Kunden das genauso sehen. In den vergangenen Monaten habe ich viele dieser Unternehmer, die teils 1000 und mehr Mitarbeiter führen, nach ihrem Wahlverhalten gefragt.

Tenor unisono: Der Ministerpräsident macht einen guten Job. Mehr noch: Angesichts von immer noch weiteren Liberalisierungen wie TTIP und Ceta sagt bspw. der Wirtschaftsprüfer einer großen Stuttgarter Sozietät, all diese Maßnahmen zerstörten den europäischen Mittelstand. Die Grünen mit ihrem Regionalitätsprinzip stünden ihm deshalb aktuell am Nächsten.

Andere – Unternehmer wohlgemerkt!!! – merken kritisch an, der „Primat der Wirtschaft“ kanibalisiere mittlerweile die Lebensgrundlagen. Sie sehen den internationalen Waffenhandel unter massiver deutscher Beteiligung ebenso kritisch wie den Klimawandel als Folge vermeintlicher Konsum- und Unternehmerfreiheit.

Hunderttausende (Kriegs-, Klima- und Armuts-)Flüchtlinge, die nun unsere Demokratie und die EU-Freihandelszone mit ihren offenen Grenzen zu ihrem unternehmerischen Nachteilen gefährden, sehen viele dieser Mittelständler deshalb kritisch. Kretschmann, als „Kanzlerinnen-Versteher“ von seinen CDU-Kritikern verhöhnt, der die „EU-Krise hinter der Flüchtlingskrise“ verhindern will, vertrauen sie da mehr als einem CDU-Kandidaten, aus dem sie nicht schlau werden.

Ich bin also gespannt, wie sich die vielen Handwerker, Einzelhändler, Unternehmer und Freiberufler morgen verhalten. Denn der eine sagt: „Als Jäger kann ich die Grünen eigentlich nicht wählen“ und ein anderer im fetten A8 mit Porsche als Zweitwagen meint: „Dann jubelt der Winfried Hermann (Anm.d.Red.: Verkehrsminister) und knüppelt mich mit Tempo 80 auf der Autobahn.“

Vermutlich ist auch hier Kretschmanns Pragmatismus gefragt (und die mentale Flexibilität einstiger FDP-Stammwähler). Denn die ideologischen Ränder der Grünen nerven noch immer manchen Wertkonservativen. Bedenklich finde ich persönlich, dass der Spitzenkandidat der AfD, Jörg Meuthen, als Professor einer baden-württembergischen Verwaltungshochschule offenbar tragbar bleibt: Seine Partei will morgen Wahlbeobachter in die Wahllokake entsenden. Abgründiger kann man eine bewährte Demokratie nicht verhöhnen.

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Schweiz hübscht sich für Investoren auf

002 Marc Rudolf (r.) und Manfred Rüdisühli 25.02.2016
Ziehen in Sachen Standortmarketing und Freihandelszone an einem Strang: Referent Marc Rudolf (r.) und Gastgeber Manfred Rüdisühli. FOTO: sdwbw

„Die Schweiz ist günstiger als die EU“, provoziert Marc Rudolf seine rund 50 Zuhörer im Le Méridien in Stuttgart. Der Schweizer macht Standortmarketing für die Region Zürich, in der 210.000 Firmen 1,8 Millionen Mitarbeiter beschäftigen. Zürich-West sei heute ein Technologiepark, so Rudolf, in dem sich neben deutschen und französischen Unternehmen auch Russen, Brasilianer oder Koreaner ansiedeln, um auf dem europäischen Markt Fuß zu fassen.

„Viele Kantone senken aktuell ihre Gewerbesteuer von 16 auf zwölf Prozent und Zürich bleibt bei 18 Prozent stabil“, unterfüttert der Standortmanager, der die Ausländerfeindlichkeit in seiner Heimat sehr kritisch sieht, seine Argumentation. Die Niederlande, Belgien oder Deutschland hätten dagegen Steuersätze von 25 bis 35 Prozent.

So richtig attraktiv werde die Schweiz aber im Gesamtmix: Hohe Pro-Kopf-Produktivität; hoch qualifizierte Fachkräfte in ausreichender Zahl; ein Kündigungsschutz von drei Monaten unabhängig von der Betriebszugehörigkeit; gute Infrastruktur und bezahlbare Immobilienpreise.  Rudolf, der im Auftrag von acht Kantonen mit 3,7 Millionen Einwohnern spricht, verschweigt aber nicht die ausländerfeindlichen Tendenzen in der Schweiz, die sich weniger gegen Nordafrikaner oder Syrer richten, sondern „gegen die zehntausenden deutschen Ärzte, Ingenieure und Manager, die den Schweizern zu günstigeren Gehältern die Jobs wegnehmen.“

Was viele im Auditorium nicht wissen: Die Schweiz hat rund 120 bilaterale Verträge mit der EU, mit denen sie faktisch zu deren Wirtschaftsraum gehört, in dem täglich Waren und Dienstleistungen im Wert von einer Milliarde Euro transferiert werden. Hätten die Schweizer mit dem Referendum vom Sonntag (28.02.) die Freizügigkeit der EU-Bürger beschränkt, wären auch die Freihandelsrechte entfallen.

Nach demselben Vorbild hat die Schweiz 2015 ein Abkommen mit China unterzeichnet, das etwa die Zollkosten um zehn Prozent mindert. Im Gegenzug wurde der Zuzug chinesischer Fachkräfte erleichtert, was vor allem der Schweizer Volkspartei (SVP) missfällt. Ähnliche Verträge, so Rudolf, seien mit Indien oder Brasilien geplant.

Es sind Hintergründe wie diese, für die sich der Schweizerisch-Deutsche Wirtschaftsclub unter seinem Präsidenten Manfred Rüdisühli im Südwesten stark macht. „Den Franken jetzt künstlich zu schwächen, ist riskant, weil das Kapital immer dorthin flieht, wo die Währung stabil ist“, warnt der Stuttgarter Insolvenzanwalt, mit dem unsere Kommunikationsagentur lose kooperiert und der Firmen saniert und verkauft. Und ohne Geld habe die Schweiz „bald nur noch Kühe und schöne Landschaft“, so Rüdisühli.

Die EU, so der Sohn einer schwäbischen Mutter und eines Schweizer Diplomaten, habe funktionierende Regierungsstrukturen, die nun greifen müssten, um die globalen Probleme zu Iösen. Die Schweiz, die 80 Prozent ihres Imports aus der EU beziehe und zu zwei Dritteln dorthin exportiere, sei unwiderruflich Teil des Kontinents.

Es ist Rüdisühli und seinem Vorstand zu verdanken, dass der Verein dank kurzweiliger und begegnungsintensiver Veranstaltungen in Stuttgart und Baden-Württemberg an Relevanz und vor allem an jungen Mitgliedern gewinnt. Bei der Mitgliederversammlung am Donnerstag erfolgten acht Beitritte, darunter zwei spontan.

Unter den aktuell 54 Mitgliedern sind sowohl Start-ups, die hier Know-how und neue Kunden suchen, wie auch Firmen, die eng verflochten sind mit der Schweiz. Das sind Eidgenossen, die im Euro-Raum einen Standort eröffnet haben wie auch Baden-Württemberger, die dort eine Dependance unterhalten oder vorbereiten.

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Kretschmann setzt auf Konsens statt Krawall

006 Wahlforum SN 24.02.2016
Lehrstunde der Demokratie: Die Elefanten-Runde der sechs Spitzenkandidaten zur Landtagswahl in Baden-Württemberg, die am Mittwoch in der Stuttgarter Liederhalle erstmals aufeinandertrafen. FOTO: FROMM

Um es gleich zu sagen: In der knapp zweistündigen Podiumsdiskussion der „Stuttgarter Nachrichten“ am Mittwoch (24.02.) in der Stuttgarter Liederhalle hat der Spitzenkandidat der Grünen, Winfried Kretschmann, als Ministerpräsident überzeugt. Breiten Raum nahm zu Beginn leider die unappetitliche Debatte um die rechtsradikale AfD ein, deren Claquere offenbar zu Dutzenden im Auditorium saßen.

Mit zynischen Zwischenrufen und Hohngelächter gaben sie einen traurigen Vorgeschmack darauf, was unsere Demokratie nach der Landtagswahl in Baden-Württemberg am 13. März zugemutet wird. Umso bedauerlicher, dass der eloquente AfD-Spitzenkandidat und Verwaltungsprofessor Jörg Meuthen in der Lage ist, die Rassistenfratze seiner Partei immer wieder kreideweiß zuzutünchen mit Distanzierungen und Differenzierungen, die den Anschein von Wahrhaftigkeit vermitteln.

Wirklich lehrreich wurde es erst im zweiten Drittel der von Chefredakteur Christoph Reisinger und Landespolitikredakteur Frank Krause moderierten Runde vor 780 Lesern und Journalisten aus dem Südwesten. Dabei irritierten aber durchweg Reisingers mangelnde Prägnanz Fragen zu stellen, das Gespräch zu führen oder beim Publikum auf Zurückhaltung zu drängen.

Dass die Pflege nur punktuell thematisiert wurde, war dem Umstand geschuldet, dass sie kein landespolitisches Thema ist. Immerhin reklamierte Bernd Riexinger (Linke), dass im Land 16.000 Pflegekräfte fehlten, und Wirtschafts- und Finanzminister Nils Schmid (SPD) betonte, dass auch für „Pflegekräfte, Verkäuferinnen und Polizisten“ die Mieten finanzierbar bleiben müssten.

Hans-Ulrich Rülke (FDP) und Schmid hatten beim Thema Staatsverschuldung sogar Konsens, in dem beide eine Milliarde Euro aus der Landesstiftung nehmen wollen, die unter Schwarz-Gelb aus den 2,4 Mrd. Euro Erlös der EnBW-Aktien gebildet wurde, um damit die Breitbandverkabelung in den Industriegebieten des Landes zu finanzieren.

Mehrfach liefen die Attacken von CDU-Herausforderer Guido Wolf ins Leere, der den Ministerpräsidenten als „Kanzlerinnen-Versteher“ lächerlich machen wollte oder seine Verhandlungsergebnisse beim Länderfinanzausgleich als Mißerfolg kritisierte. Kretschmann zu Letzterem: „Wenn 16 Ministerpräsidenten quer durch alle Parteien von der CSU bis zur Linken zufrieden sind, nur nicht der CDU-Oppositionsführer in Baden-Württemberg und der Bundesfinanzminister, dann frage ich mich schon, ob Sie, Herr Wolf, für den Bundestag kandidieren oder hier Ministerpräsident werden wollen.“

Dass Kretschmann auf Konsens statt Krawall setzt, „wenn die Demokratie im Kern gefährdet ist“, belegte nicht nur sein Beispiel des Länderfinanzausgleichs, sondern auch sein Interesse am Wohlergehen der Kanzlerin: „Wer soll denn Europa zusammenhalten, wenn unsere Kanzlerin an der Flüchtlingsfrage scheitert“, fragte er erneut Wolf, der in seinem Wahlkampf um AfD-Stimmen mehr und mehr auf Distanz zu seiner Parteifreundin geht.

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Rosen vor der Flüchtlingsunterkunft

Rosen für Flüchtlinge 21.01.2016
Rosen für Schorndorfer Füchtlinge als Zeichen unserer Wertschätzung: Zu sechst sind wir in die Nahe Unterkunft, um auf Tuchfühlung und in den Dialog zu gehen. FOTO: CRUYPERS

Als Ausdruck unserer Solidarität mit Flüchtlingen haben wir als Agentur-Kollegen am Donnerstag Rosen vor der Flüchtlingsunterkunft in der Schorndorfer Gutenberg-Turnhalle verteilt. Im Internet hatte ich von der sympathischen Aktion gelesen und spontan meine Kollegen eingeladen, mitzumachen.

Die waren trotz hohen Arbeitspensums zu Jahresbeginn sofort dabei. Denn als Reaktion auf die Kölner Angriffe in der Silvesternacht hatten spontan Flüchtlinge bundesweit Rosen an Frauen in mehreren deutschen Städten verteilt. Daraufhin revanchierten sich ihrerseits Frauen etwa in Berlin für diese nette Geste, überreichten Flüchtlingen Rosen als Zeichen gegenseitiger Wertschätzung und drehten dabei Videos, die sie ins Internet stellten.

Das weltweite Kampagnen-Netzwerk Avaaz, das die Bürgerbeteiligung in der Politik stärken möchte, griff die Initiative auf und fordert nun bundesweit Bürger auf, dem Beispiel zu folgen. Kurzfristig kaufte ich bei Blumen Mächtlen fair gehandelte Rosen und wir drehten bei der Übergabe ein kleines Video, das wir wie gewünscht an die Kampagnenadresse gemailt haben.

Die Aktion gegen 14 Uhr dauerte gerade Mal 20 Minuten, zumal die meisten der 90 Bewohner zu der Zeit in Deutschkursen saßen. Mit rund zehn Gambiern, Syrern und Pakistani kamen wir aber ins Gespräch auf Deutsch und Englisch, lachten dabei und schüttelten Hände. Den Bewohnern sagte ich aber bald, dass Deutschland leider nicht nur sehr reich, sondern auch „very busy“ ist, weshalb wir nun wieder in unsere Büros müssten.

Klar hätten wir das Geld auch spenden können, aber in diesen Zeiten kommt es uns auch auf Zeichen an. Immerhin konnten wir in den 20 Minuten den Migranten verklickern, dass wir im Bekanntenkreis für die Vermietung von Leerständen werben und dass etliche unserer Kunden planen, Flüchtlinge einzustellen und auszubilden.

Deutschland habe ähnliche Herausforderungen nach dem Zweiten Weltkrieg 1945 und der deutschen Wiedervereinigung 1989 schon einmal gemeistert. Uns alle hat der Blitzbesuch berührt, weshalb wir diese Woche uns nochmals besprechen wollen, was wir als Team leisten könnten. Denkbar wäre, dass einzelne Migranten das Foyer unseres Büros tags über nutzen dürfen, um mal aus der Enge der Turnhalle zu kommen und mit uns Begegnungen zu haben.

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Fake: „Bitte haben Sie keine Angst“

001 Presseartikel Köln-Fake
Stand so gestern, 19. Januar, in der Waiblinger Kreiszeitung: Dümmer kann man menschenfreundliche Redakteure nur noch schwer blamieren. FOTO: FROMM

Der Dilettantismus vieler Zeitgenossen in Sachen Pressearbeit geht mir an manchen Tagen schon mächtig auf den Senkel. Das reicht von den Pegida-Demonstranten, die „Lügenpresse“ rufen, bis zu den „Gutmenschen“, die dieser Tage Lobbyarbeit für die Flüchtlinge machen wollen, die sie in ihrem Idealismus fälschlicherweise „Gäste“ nennen: Gäste lädt man ein, wenn man gesellig ist. Flüchtlinge nimmt man auf, wenn man barmherzig ist.

Zur Sache: In Korb hat eine Ehrenamtliche, die sich für Flüchtlinge engagiert, „Waiblinger Kreiszeitung“ und „Stuttgarter Zeitung“ einen vermeintlichen Appell örtlicher Zuwanderer an die „lieben Frauen in Deutschland“ untergejubelt, in dem sich Autor Majed Mahouk – den syrischen Studenten gibt es tatsächlich – für die Übergriffe von Muslimen in Köln in der Silvesternacht entschuldigt.

Heimische Bürger und Zeitungsleser, die die vermeintlich Flüchtlings-freundliche Berichterstattung ihrer Lokalredakteure seit Monaten zunehmend stört, haben als Reflex den empathisch verfassten Text in exzellentem Deutsch gegoogelt und festgestellt, dass die Mahouk zugeschriebenen Zeilen fast identisch von Flüchtlingen aus dem anhaltinischen Köthen stammen.

Die Folge: Die naive Korberin hat die Redakteure und Redaktionen, die ohnehin schon in der Kritik stehen, bis auf de Knochen blamiert (verarscht) und damit Öl ins Feuer der „Lügenpressen“-Sympathisanten gegossen. Im Kern hätten natürlich die Redakteure die (Google-)Recherche machen müssen, die ihre erzürnten Leser nun gemacht hatten. Und die Korberin hätte besser geschwiegen, selbst einen eigenen Text verfasst oder einen PR-Profi konsultiert.

Das Beispiel aus dem privaten Umfeld zeigt aber schön, wie auch im gewerblichen Umfeld oft noch gedacht wird: Da meint der Mittelständler, weil er vor 30 Jahren in Deutsch die Note drei hatte, er könne einen Pressetext auch selbst verfassen. Liebe Mitbürger, egal ob rechts oder links, ehrenamtlich oder professionell: Was wir Journalisten machen, sofern wir Profis sind, ist so komplexe Arbeit (Handwerk!!!), dass ich mir einfach etwas mehr Respekt und Wertschätzung von euch erwarte – für mich und viele meiner Kollegen bei (Lokal-)Zeitungen, TV-Anstalten und Magazinen.

Hier noch ein Link, den ich gleichermaßen nett wie als öffentlichkeitswirksamen Zeichen professionell finde. Unser Büro macht bei der Aktion vermutlich morgen nach dem Wochenmeeting mit.

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Leserbrief an meine Lokalzeitung

Unter der Überschrift „Dank an die Redaktion“ habe ich den Schorndorfer Nachrichten am Sonntag nach dem Gottesdienst und vor dem Mittagessen einen Leserbrief geschrieben, den ich meinen Lesern nicht vorenthalten möchte. Der Bezug sollte selbsterklärend sein. Und los geht’s:

„Schon seit Wochen möchte ich Ihrer Redaktion für ihre differenzierte und engagierte Berichterstattung über die aktuelle Flüchtlingsthematik in unserem Landkreis danken. Die Meldung vom Samstag, dass der „Rundschlag“ wegen „massiver Beschwerden der Leser“ eingestellt werde und die Leserbriefe der Autoren Haus Mauler (Schorndorf), Herbert Haffner (Welzheim) und Dieter Rauleder (Waiblingen) in derselben Ausgabe dulden nun keinen Aufschub mehr.

Trotz meiner 60-Stunden-Woche, um in Schorndorf Arbeitsplätze zu schaffen, Wohnraum (für Flüchtlinge) zu rekrutieren, viele Steuern zu bezahlen und mich nebenbei noch mehrfach ehrenamtlich zu engagieren. Ich möchte festhalten, dass Sie mit der Einstellung der Kolumne einigen Ihrer Leser nachgeben, die offenbar die Meinungsfreiheit Ihres „Rundschlags“ nicht aushalten. Dieses Signal halte ich für falsch.

Und ich möchte festhalten, dass die genannten Autoren und viele weitere Kritiker, die ich persönlich z.B. bei der Bürgerversammlung im Herbst in der Stadthalle eher als frustrierte und verbittere Scharfmacher und Demokratie-Gefährder erlebe, ihre Informationen genau von der Presse bekommen, der sie vorwerfen, sie manipuliere. Das ist unlogisch und tendenziös wie deren gesamte Argumentation.

Gerade weil auch ich für einen wehrfähigen Staat bin, schreibe ich diese Zeilen. Demokratie braucht Gesichter, Mit-Anpacker, Zivilcourage sowie eine starke Polizei und funktionierenden Grenzschutz. Die genannten Zuschauer aber schwächen unser Land.

Mein Freund, dessen Tochter 2013 in London (!) vergewaltigt wurde, empfand nicht das Gefühl des Hasses auf den Täter, sondern der Trauer für seine Tochter. Und: Ich akzeptiere, dass in unserer Demokratie die genannten Autoren dasselbe Stimmrecht haben wie ich. Obwohl Demokratie den Willen erfordert, möglichst viele Fakten zu kennen und sie sorgsam abzuwägen.“

So weit mein Leserbrief, wenngleich ich zu diesem Mittel nur alle paar Jahre greife. In der aktuellen Situation scheint es mir aber geboten, „Gesicht zu zeigen“ und den Boulevard nicht den Stimmungsmachern zu überlassen. Wie eine wehrfähige Demokratie eine freie Presse braucht, braucht sie auch die Partizipation ihrer Bürger bzw. Leser. In diesem Sinn freue ich mich auf eure Kommentare.

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Flüchtlinge bringen uns zur Besinnung

Nach der Digitalisierungs- und Wohlstandswelle der vergangenen Jahre, in denen unsere „Probleme“ immer dekadenter wurden (Was füttere ich meinem Hund? Wie finde ich den günstigsten Handy-Tarifvertrag? Oder warum verlangt mein Flugreiseanbieter noch einen Gepäckaufschlag?), helfen uns die Flüchtlinge nun, wieder Bezug zur Realität zu bekommen.

Der Philosoph Richard David Pracht formulierte es kürzlich so: „Die Menschen, die zu uns kommen, haben echte Nöte und echte Sorgen. Sie fühlen sich nicht von Giftstoffen in Lebensmitteln bedroht, sondern leiden Hunger. Sie klagen nicht über mangelnde Fitness, sondern werden von Verfolgung, Terror, Krieg gepeinigt – und das nicht in einem Computerspiel, sondern in echt.“

Tatsächlich reden wir wieder mehr darüber, dass sich nach dem Krieg auch hierzulande oft zwei Familien eine kleine Wohnung teilen mussten, hungerten und trotzdem Lebensqualität empfanden. Heute wohnen viele auf 180 Quadratmetern alleine – und sind einsam. Vermutlich mussten tatsächlich 1,1 Millionen Flüchtlinge kommen, um uns wachzurütteln. 300.000 hätten dafür nicht gereicht.

Erst die Omnipräsenz der Flüchtlinge in den Medien und fast in jedem Dorf bringt uns zum Nachdenken. Und immer mehr von den helleren Köpfen unter uns merken, dass es ohne das Engagement jedes Einzelnen von uns nicht gelingt, diese Unterbringungs- und Integrationsleistung zu meistern. Das hat damit angefangen, überflüssige Pullover und Handtücher zu spenden, und wird sich bei der Wohnraumbewirtschaftung fortsetzen.

Die abscheulichen Übergriffe hunderter muslimischer Männer in der Silvesternacht in Köln machen zweierlei deutlich: Dass die kulturelle Herausforderung gigantisch ist und dass wir mit Quatschen keine Zeit verlieren dürfen. Da sind nämlich nicht nur „Gäste“ gekommen, sondern auch Machos, die meinen, Frauen seien Freiwild. Es wird ein harter und kompromissloser Lernprozess, diesen Männern klar zu machen, dass die westliche Kultur, die sie wegen ihres Wohlstands und Friedens aufgesucht haben, auf den Menschenrechten basiert, die für alle gelten; dass Religion Privatsache ist; dass dies eine Leistungsgesellschaft ist und Vieles mehr.

Das erfordert das Engagement aller demokratischer Kräfte. So gesehen, kann unsere dekadente Wohlstands- wieder zur humanen Zivilgesellschaft werden, in der nicht der Bodymassindex Maß aller Dinge ist, sondern die Frage: Wo hilfst Du als Deutsch-Nachhilfelehrer, Vermieter oder Arbeitgeber, dass diese Gesellschaft nicht zerbricht. Steuern und Abganen zahlen ist nur die Hälfte des Deals. Zuwendung die andere. Willkommen in der globalen Welt. Nun haben wir sie auf unseren Plätzen und in unseren Dörfern. Ich finde das gerecht und halte es für eine große Chance, empathisch zu werden statt buchhalterisch zu bleiben.

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