Positionierung

Führen nach der Regel des Hl. Benedikt

016 Erbe und AuftragGute Bekannte wissen, dass ich ein großer Freund der Benediktiner und Verehrer von deren Ordensgründer bin, ob dessen Klugheit. So verwundert es nicht, dass ich deren Ordenszeitschrift Erbe und Auftrag abonniert habe, mit deren Herausgeber Pater Abtpräses Dr. Albert Schmidt OSB ich seit Jahrzehnten befreundet bin.

In seinem aktuellen Heft, das dem Thema „Heute Abt sein“ gewidmet ist, schreibt der argentinische Benediktiner Bernardo Olivera, der von 1990 bis 2008 erster nichteuropäischer Generalabt der Trappisten war, über seine Führungserfahrung. Eindringlich beschreibt der 74-Jährige das komplexe Wechselspiel von Gehorsam und Weisheit im Kontext von Führen und Dienen.

In seinem lesenswerten Aufsatz, den er ursprünglich als Vortrag vor Ordensoberen verfasst hatte, skizziert er fünf Felder des Führens, auf denen sich eine christliche Führungskraft bewähren muss: In der Fürsorge (als Vater), in der Formung (als Lehrer), in der Pastoral (als Hirte), in der Besserung (als Arzt) und in der Verwaltung (als Manager).

Weil kein Abt all diese Qualitäten in seiner Person vollkommen vereine, brauche er die Achtsamkeit, seine eigenen Grenzen zu erkennen; die Klugheit, von den richtigen sich Unterstützung zu holen und die Bereitschaft, sich permanent zu hinterfragen und zu entwickeln. Wo diese fünf Säulen, die der Ordensgründer in seiner Regel definiert hatte, aus der Balance kommen, drohe der Niedergang.

Eine häufige Fehlentwicklung, so der Autor, liege darin „das Administrative an die Stelle der Vaterschaft“ zu setzen. Eine solche „Verschiebung wird zur Ursache für den Niedergang“. Ich könnte noch weiter zitieren oder mit dem Text exzellent in den Trainings und Coachings arbeiten, die ich seit 2015 vermehrt in Firmen gebe. Ich arbeite dort gerne mit Klärungen, die sich aus den drei Schritten Fakten (Administration), Gefühle (Vater) und Urteile (Lehrer) zusammensetzen, zu denen mir diese Verknüpfung mit den benediktinischen Begriffen kommt.

Beitrag teilen Kommentieren
Tags: , , , ,

Bestseller: Mutige Abrechnung mit Mohamed

015 Mohamed-Buch
Schnell und verständlich zu lesen: Die kritische Auseinandersetzung mit Mohamed. FOTO: FROMM

Was das Christentum spätestens seit Karl-Heinz Deschners „Konzil der Buchhalter“ und Forschungsliteratur rund um den historischen Jesus bereits hinter sich hat, hat der Deutsch-Ägypter Hamed Abdel-Samad den Muslimen mit seinem Buch „Mohamed – Eine Abrechnung“ mit seinem gut 200 Seiten dünnen Taschenbuch serviert: Einen Beitrag zur Reflexion und Aufklärung.

Der Sohn eines muslimischen Gelehrten entfaltet in dem Spiegel-Bestseller die Biographie des 570 in Mekka als unehelichem Kind geborenen Propheten. Bereits als Sechsjähriger stirbt seine Mutter, womit er Vollwaise wird und fortan beim geliebten Großvater lebt, der wiederum zwei Jahre später stirbt. Abdel-Samad wählt neben der Quellenauswertung einen psychotherapeutischen Ansatz, um sich dem historischen Mohamed zu nähern.

So heiratet er 595 eine Unternehmerin, in deren Firma er zunächst Karawanenführer wird. In Summe hat der Prophet mehr als zehn  Frauen und während er in Mekka friedlich predigte und verlacht wurde, werden seine Positionen nach der Übersiedlung nach Medina und dem Aufstieg zur Macht unerbittlich und teils grausam. Immer wieder verweist der Autor auf den historischen Kontext, um Mohamed zu beleuchten, was ja auch bei der Analyse von Altem und Neuem Testament sinnvoll ist.

So postuliert Abdel-Samad, das fünfmalige Gebet pro Tag habe in Mohameds Wunsch nach Kontrolle seinen Ursprung. Auf diese Weise habe er seine Getreuen in kurzen Abständen um sich scharen und sich ihrer Loyalität versichern können. Bei den vielen rituellen Waschungen, die angesichts des Wassermangels in der Wüste die Nachfolge erschweren, vermutet der Autor einen Waschzwang Mohameds, für den er auch glaubt, Belege zu haben.

Desselben legt er nahe, Mohamed habe eine Art Epilepsie gehabt und in Verbindung mit den körperlichen Reaktionen habe er seine Eingebungen gehabt. Ohnehin habe der Religionsgründer vermutlich nicht schreiben können, so dass schon hier Diktier- und Übertragungsfehler naheliegen, für die das Buch einige Belege bietet. Vermutlich sei er auch Narzisst gewesen, was seine fehlende Empathie plausibel mache.

Schließlich gibt der Autor, der sich vom „strengen“ zum „liberalen“  Moslem gewandelt hat, eine Idee, worin die Abgrenzungstendenz der Muslime in den offenen Gesellschaften ihre Ursache haben könne: Der Spott abendländischer Kritiker über Gott und das Christentum empöre Muslime insofern, dass sie fürchten als nächstes werde auch ihre Religion beschmutzt. Die „Satanischen Verse“ von Salman Rushdie oder die Karikaturisten von Charlie Hebdos scheinen dies zu bestätigen.

Die Intention dahinter: die eigene Religion schützen vor Verunglimpfung. Tatsächlich aber gehe es um eine kritische, reformatorische und exegetische Auseinandersetzung auch mit dem Islam, um letztlich in eine tiefere, spirituelle und damit friedlichere und erlöstere Ebene vordringen zu können. Ein gleichermaßen lesens- wie liebenswertes Buch, das in der aktuellen Lage doch auch einigen Mut erfordert, geschrieben, verlegt und empfohlen zu werden.

Beitrag teilen Kommentieren
Tags: , , , , , ,

Eurovision Song Contest & Revanchismus

Es mag eine steile These sein, aber der Eurovision Song Contest scheint mir schon deutlich mehr von politisch-taktischen Erwägungen geprägt zu sein, denn von musisch-kreativen Neigungen. Zwar sind Pop und Schlager nicht meine Genre, aber von Musik verstehe ich zumindest soviel, dass die deutschen Beiträge der vergangenen Jahre nicht schlechter waren als viele deutlich besser platzierte aus „Sympathieträger-Nationen“.

Kann es also sein, dass der Wettbewerb jährlich eine günstige Gelegenheit bietet, dem (über-)mächtigen Deutschland, das in Engineering, Exportüberschuss, EU-Politik, Fußball, Pro-Kopf-Einkommen, BSP etc. überall die Nase vorne hat, den Stinkefinger zu zeigen? Dass man unterschwellig assoziiert, die Nazi-Enkel und -Ur-Enkel können doch gar keine schöne Musik machen?

Dass Zypern Griechenland die Höchstpunktzahl gibt und die Griechen den Zyprioten, darauf kann man schon fast wetten. Die Ukraine gibt den Weissrussen zwölf Punke, egal wer singt. Und die Australier machen es mit dem Mutterland des Commenwealth ebenso. Und die Schweizer und Österreicher mit ihrem Minderwertigkeitskomplex gegenüber Deutschland können dagegen nach dieser Logik gar keine Punkte vergeben.

Und warum vergibt Irland als einzige von 42 (!!!) Nationen-Jurys überhaupt Punkte an den deutschen Song von Levina und dann auch noch gleich drei? Kann das mit den Waffenlieferungen der Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg an die katholischen Iren zusammenhängen, die dadurch britisches Militär banden? Ich fände spannend, hinter all dem Glamour und der vermeintlichen Leichtigkeit mal die nationalen Traumata anzuschauen.

Respekt für die Souveränität, mit der Deutschland immer wieder Sänger in den Wettbewerb schickt. Dieser Sportsgeist gefällt mir. Oder ist das am Ende auch nur ein Trauma, von den Nachbarn in Europa und der Welt endlich geliebt werden zu wollen? Mich erinnert das Gegockele des Wettbewerbs mehr an spielerisch getünchten Revanchismus.

Beitrag teilen Kommentieren
Tags: , ,

Performer stiehlt den Kollegen die Schau

008 Künstler-Talk 05.05.2017
Interessanter Talk (v.l.): Thomas Putze, Angela M. Flaig (verdeckt), Moderatorin Ariane Braun (Stuttgarter Zeitung), Andreas Schmidt, Hardy Langer und Ursula Quast. FOTO: FROMM

Im Mittelalter war Kunst exklusive Auftragsarbeit der Kirche zur Glaubensvermittlung. Die Künstler waren interessensgetrieben und die Skulpturen, Bilder und Fresken damit letztlich manipulativ. Deshalb stürmten die „Protestanten“ auch die Kirchen und zerstörten die vorhandene Kunst weitgehend als Akt der Emanzipation.

17 Skulpturen zieren im Rahmen des Luther-Jahres seit 1. April in zehn Metern Höhe nun wieder die seit der Reformation verwaisten Sockel der Schorndorfer Stadtkirche. Bis zur Finissage am 10. November finden sieben Begleitveranstaltungen statt, von denen ein Gespräch mit vier der 17 ausstellenden Künstler kürzlich im Altarraum der Kirche stattgefunden hat.

Im Beisein von 80 Besuchern wurde deutlich: Heutige Künstler mögen religiös sein, ihre Kunst ist aber meist ideologiefrei. Für Angela M. Flaig, in Kirchenkreisen etablierte Künstlerin aus Rottweil, gilt dies nicht. Für sie stehen die pflanzlichen Flugsamen, mit denen sie arbeitet, für Fortpflanzung und die Schöpfung per se. Sie ist in Schorndorf mit einer großen Röhre vertreten, die sie mit fixierten und verblühten Löwenzahn-Blüten befüllt hat.

In krassem Gegensatz zu ihr steht der Berliner Künstler Andreas Schmidt, der schon – an einen Bürostuhl gefesselt – durch Stuttgart gerollt ist oder in 30 Metern Höhe auf dem Ausleger eines Krans genächtigt hat. In Schorndorf ist er mit einer roten Fahne vertreten, auf der in schwarzer Schrift Mittwoch steht.

Seine Intention: Er will experimentieren und Selbsterfahrungen machen. Mit der Idee der Fahne hatte er zunächst Hemmungen, sich im Rahmen eines kirchlichen Projekts, auf das sich 100 Künstler bewarben, mitzumachen. Doch dann fand er den theologischen Unterbau: Mittwoch stehe für den Griechen-Gott Merkur und im englischen Wednesday sei noch der Wortstamm Wotan zu erkennen.

Seine These: Mit der Banalisierung der Wochentagsbezeichnung auf ihre Funktion, die Mitte der Woche, habe die Kirche das Heidnische verdrängt und die Kultur christianisiert. Die Flagge selbst steht für ein Bekenntnis. Hardy Langers Männchen, das ich hier im Foto schon gezeigt habe, sei kein Flüchtender, sondern ein Hörender, so der Schorndorfer Künstler.

Seine pinkfarbene Skulptur, die wie auf einem Sprungbrett steht, visualisiere seine Bereitschaft zum Risiko und spiegele letztlich seine biographischen Suchbewegungen wieder. Denn Langer ist getauft und konfirmiert, sei aber heute „eher auf Distanz zur Kirche“. Umso mehr freut ihn, wie nun Kunst und Kirche in diesem Projekt den Dialog suchen.

Mit Thomas Putze saß auch ein gelernter Landschaftsgärtner und studierter Theologe in der Runde, der bundesweit mit seiner Performance-Kunst sehr gut im Geschäft ist. In Schorndorf gehörte ihm bei der Vernissage die ganze Aufmerksamkeit, weil er sich nackt, nur eingerieben mit Sandstein-farbenem Lehm, für zehn Minuten in bitterer Kälte auf seinen Sockel stellte.

„Weil jede Skulptur ein Abbild ist und jede Art der Bekleidung eine Codierung, habe ich mich für die Nacktheit entschieden, obwohl das meinen pubertierenden Kindern furchtbar peinlich war“, sagt der per Bahn angereiste Stuttgarter. Die Aufregung um seine Performance erklärt er sich so, dass sich eben mancher wünsche, dass wenigstens die Kirche ein nicht-sexualisierter Ort bleibe.

Ursula Quast, die das Kunstprojekt initiiert hatte, betont, dass die Performance nicht in der Kirche, sondern an deren Außenfassade stattgefunden hat und Putze nichts Pornografisches gemacht habe, sondern lediglich unbegleitet war, wie Gott ihn schuf. Interessant sei gewesen, dass die Jury, die sich über drei Generationen und über mehrere Professionen erstreckte, einmütig war in ihrem Votum für diese 17 Künstler.

Beitrag teilen Kommentieren
Tags: , , ,

Pulse of Europe: 100 Schorndorfer erstmals dabei

012 Demo für Europa
Premiere in Schorndorf: Gestern haben sich erstmals 100 Bürger auf dem Marktplatz versammelt, um für ein vereintes Europa die Stimmen zu erheben. Bis September soll das Treffen wöchentlich stattfinden. FOTO: FROMM

Mehr als 100 Schorndorfer sind gestern spontan zur ersten Pro-Europa-Kundgebung „Pulse of Europa“ gekommen, die europaweit zeitgleich immer sonntags um 14 Uhr stattfindet. In der Daimler-Stadt hatten Alt-Stadtrat Karl-Otto Völker (SPD) und die Künstlerin Dorothea Schütz die Initiative ergriffen, mit der bundesweit in bereits 70 Städten Bürger sich zu Europa bekennen.

Die gut halbstündige Veranstaltung auf dem Marktplatz, zu der etliche Teilnehmer mit Europa- und EU-Flaggen kamen, war so gestaltet, dass Völker kurz begrüßte, ehe der Vorsitzende der Partnerschaftsvereine, Thomas Röder, über seine Beweggründe sprach. So sei er 1972 das erste Mal in der französischen Partnerstadt Thulle gewesen, wo es damals auf Grund deutscher Kriegsverbrechen im Zweiten Weltkrieg noch viele Vorbehalte gab.

Rund zehn weitere Redner, darunter Oberbürgermeister Matthias Klopfer und der Vorsitzende der Naturfreunde, Klaus Reuster, ergriffen das Mikrophon und sprachen spontan über ihre Motive. Dabei ging es viel um Frieden in Europa seit 1945, Reisefreiheit und Wohlstand dank offener Grenzen, Völkerverständigung, Demokratie und Solidarität.

Bis zur Bundestagswahl soll das Treffen nun wöchentlich wiederholt werden, teils bei der Stadtkirche sofern der Marktplatz durch andere Veranstaltungen belegt ist. Auch sollten mehr Teilnehmer anderer Nationalität für die Kundgebung gewonnen werden, leben doch Menschen aus 100 Nationen in der Stadt mit ihren 40.000 Einwohnern. Auffallend war, daß das Gros der Teilnehmer 55 Jahre und älter war. So sollen auch mehr junge Leute für den Pulse of Europe geworben werden.

Beitrag teilen Kommentieren
Tags: , , , ,

Skulpturen: Kirche fragt Kunst

007 Kunst an der Stadtkirche2
Zwei von 14 Nischen an der Schorndorfer Stadtkirche: Künstler aus der gesamten Republik zeigen bis 10. November Werke, mit denen sie den christlich-gesellschaftlichen Dialog fördern wollen. FOTO: FROMM

500 Jahre nach der Reformation leistet auch die Evangelische Stadtkirche Schorndorf ihren Beitrag: Am 1. April wurden 14 Skulpturen an der Außenfassade des Gotteshauses enthüllt, dessen Nischen in zehn Metern Höhe seit dem nachreformatorischen Bildersturm leer geblieben waren. Nur fünf der einst mehr als 20 gotischen Heiligenstatuen haben den religiösen Übereifer überlebt.

Unsere Pfarrerin Dorothee Eisrich, die immer wieder pfiffige Ideen kreiert und diese beharrlich umsetzt, hatte im Frühjahr 2016 den Impuls, einen Wettbewerb bundesweit auszuschreiben und Künstler aufzufordern und einzuladen, diese Nischen zeitlich befristet im Jubiläumsjahr wieder mit Skulpturen zu besetzen. So sollte ein Dialog zwischen Kirche und Gesellschaft entstehen, die Kirche in ihr Umfeld strahlen und Martin Luther gewürdigt werden.

„Welche Thesen würde Luther heute an die Kirchentür schlagen?“ fragte die Theologin angesichts des Flüchtlingsstroms gen Europa, des Klimawandels, des wachsenden Nationalismus, des weltweiten IS-Terrors und vieler anderer kriegerischer Konflikte. Sie sammelte 50.000 Euro für den Wettbewerb, installierte eine Jury namhafter Kunstexperten und aktivierte 14 Künstler zur Teilnahme.

Seither inspiriert die Ausstellung, die bis Herbst dauert, zum Rundgang um die Kirche. Info-Tafeln sowie ein Katalog geben Erläuterungen zu jedem Werk und jedem Künstler. Der Stuttgarter Aktionskünstler Thomas Putze stieg zur Vernissage nackt per Hubsteiger, eingerieben mit Sandsteinfarbe, in seine Nische, um bei Temerapturen um die sieben Grad zehn Minuten als lebender Säulenheiliger zu verharren.

Lokalmatador Hardy Langer hat ein pinkfarbenes Männlein geschaffen, das wie auf einem Sprungbrett von seinem Sockel weg in die Welt laufen will, die Nische hinterlegt mit einem Spiegel. Die Botschaft: „Wer ankommen will, muss weggehen.“ Gleich daneben eine Leuchtreklame, die (mich) an ein Bordell erinnert. Deren fortlaufender Text: „Wir wollen Wunder.“ Und daneben, eine rote Fahne, die an 1. Mai-Kundgebungen erinnert, mit der Aufschrift: „Mittwoch.“

Begleitet wird die Ausstellung bis zur Finissage am 10. November von sieben Vorträgen. Allein schon die bisherige Medien- und Besucherresonanz bis hin zu einem TV-Beitrag im SWR zeigt, dass die Kampagne den richtigen Ton trifft. So macht Kirche Spaß, sie hat Relevanz und regt zum Nach-Denken an.

Beitrag teilen Kommentieren
Tags: , , ,

Rauminstallation als Kreuz-ver-dichtung

011 Heilig-Geist-Kirche
Ein kontinuierlicher Veränderungsprozess: Die Quader formieren sich seit Wochen zu einem Kreuz im Altarraum. FOTO: FROMM

Passend zur Fastenzeit hat der Vikar der Schorndorfer Heilig-Geist-Kirche mit zwei Ministranten eine Rauminstallation in dem Gotteshaus geschaffen, die bei Besuchern und Medien auf große Resonanz stößt. Die sieben aus Wellpappe gestalteten Quader, die in Bronzeoptik sehr massiv wirken, hängen seit Aschermittwoch in dem Sakralbau von der Decke.

Mehrfach haben sie seither ihre Position über den Kirchenbänken verändert und sind zunehmend Richtung Altarraum geschwebt, wo sie sich nun in der Karwoche zu einem monumentalen Kreuz verdichten. Intention der Künstler: Leben ist ein kontinuierlicher Prozess der Veränderung. Ein Weg des Kreuz-werdens, der untrennbar mit der Entwicklung der eigenen Persönlichkeit verbunden ist.

 

Beitrag teilen Kommentieren
Tags: , ,

„Neugierde als Startrampe zum Mitgefühl“

010 Peter Schwarz
Hat im Herbst 2015 eine Woche mit Flüchtlingen in einer Waiblinger Turnhalle gelebt: Lokalredakteur Peter Schwarz (r.) im Gespräch mit einem Gottesdienstbesucher. FOTO: FROMM

Eine Woche hat im Herbst 2015 Lokalredakteur Peter Schwarz mit Flüchtlingen in Waiblingen in einer Turnhalle gelebt und täglich ganzseitig in der Presse darüber berichtet. Für die Pfarrerin der Schorndorfer Stadtkirche, Dorothee Eisrich, war dies Anlass, ihn nun zur „Stadtkirche am Abend“ einzuladen, damit er über „Mitgefühl verändert“ spricht.

In seiner launigen Rede sprach Schwarz lieber von Neugierde als journalistischer Grundhaltung, die dem Mitgefühl vorausgehe und handwerklichen Grundprinzipien. Denn wer vor Ort recherchiert statt vom Büro aus, erhalte mehr Informationen und Eindrücke. Zudem freuten sich Menschen grundsätzlich, wenn man sich für sie interessiere. Und: Gute Reporter-Geschichten lebten davon, dass es Helden und Schurken gibt, weshalb man nie zu genau hinschauen dürfe, weil sich Klischees dann differenzierten.

„Alles ändert sich, wenn sich ein Aktenzeichen in einen Menschen verwandelt“, so Schwarz, der eine prägende Erfahrung aus seinem Elternhaus preisgab. Demnach war die Tochter einer befreundeten Familie gestorben und der kleine Peter erlebte die Diskussion seiner Eltern, in der die empathische Mutter dafür plädierte, die Freunde zu besuchen, während der intelligente Vater davor warnte, dies könne aufdringlich, peinlich und gar voyeristisch sein.

Die pragmatische Mutter setzte sich mit der Bemerkung durch „einfach mal hingehen und dann schauen.“ Und offenbar war dies die richtige Entscheidung. Auch über Redakteure sagt Schwarz, „es genügt nicht die Vogelperspektive.“ Ein Journalist müsse hinsehen und hingehen und sich berühren lassen. So kam es zu seinem Besuch in der Turnhalle und der später preisgekrönten Berichterstattung, die auch ich von Anfang an für die einzig richtige Vorgehensweise hielt.

So erlebte Schwarz Männer, die in Turnhallen – durch Bauzäune abgetrennt – zu acht auf Gevierten von 32 Quadratmetern lebten.  Sobald er ein solches Quartier betrat, waren die Rollen vertauscht – und er der Gast, der alle Gefühle mit den Männern teilte, tiefe Einblicke in ihre Traumata bekam und deren Gastfreundschaft trotz des Mangels erlebte. Bis zu dreimal habe er an manchen Tagen zu Mittag gegessen, so der Referent, der vom Ambo aus sprach.

Und da Schwarz auch schon nach dem Amoklauf von Winnenden im März 2009 vor Ort mit Opfern und Angehörigen sprach, ist er in sensiblen Situationen erprobt. Sein Credo: „Wenn man sich echt statt taktisch verhält, macht man nichts falsch.“ Intuitiv habe er stets angemessen reagiert, wenn der andere etwa geweint hat. Interesse am anderen sei wichtiger als ein „perfekter Gesprächsverlauf“. Die vielen Begegnungen inseinem beruflichen Alltag hätten ihn verändert, weil Nähe Mitgefühl stiftet.

„Neugierde hilft gegen Angst vor dem Fremden“, empfahl er seinen gut 100 Zuhörern, die ihm gebannt lauschten. Es sei sein berufliches Privileg, bis zur Schamlosigkeit neugierig sein zu dürfen. Neugierde, so der gebürtige Ellwanger, sei die „Startrampe zum Mitgefühl.“

Beitrag teilen Kommentieren
Tags: , , , , , ,

Unsere Agentur ein Topp-Arbeitgeber

Lkw-Bau Büro
Lkw-Montage zur Überprüfung der Teamfähigkeit: Bei einem Forschungsprojekt hat unsere Agentur als besonders effizient abgeschnitten. FOTO: HS

Von der Hochschule für angewandtes Management in Berlin haben wir es jetzt schriftlich: Unsere Agentur der-Medienberater.de ist ein super sympathischer Arbeitgeber, bei dem sich alle wohlfühlen, diskret geführt werden und eigenveranwortlich sinnvolle Aufgaben erledigen. Ermittelt haben die Wissenschaftler dies per Fragebogen im Vorfeld, den jeder für sich ausfüllen musste unter Angabe seiner Funktion im Unternehmen, und einem Praxistest, bei dem wir nach strengen Vorgaben kleine Lkw montieren mussten.

Zu dem Projekt kamen wir über einen Kunden, bei dem die Wirtschaftspsychologen den Test gleichfalls machten. Und weil zu dieser Zeit noch vier von insgesamt 40 oder 50 Teams gesucht wurden, die je sechs bis zehn Mitglieder umfassen sollten, meldeten wir uns mit unserer achtköpfigen Agentur.

Offenbar waren die Berliner bereits nach Auswertung unserer acht Online-Fragebögen neugierig auf uns, weil sie nirgendwo sonst offenbar eine solche Homogenität antrafen sowohl innerhalb eines Teams wie auch zwischen Chefs und Angestellten. Während es anderenorts kaum einmal fünf identische Bewertungen oder Einschätzungen gab bzgl. Führungsstil oder Aufgabenstellung, waren es bei uns gleich acht Antworten, bei denen sechs bis acht Beteiligte identisch votierten oder fünf mit „sehr wichtig“ und drei gleich daneben mit „wichtig“.

Diese Homogenität spiegelte sich beim Praxistext wider, bei dem wir in unserem Büro in vier Durchläufen unter jeweils anderen Prämissen binnen zehn Minuten möglichst viele Lkw aus rund 20 Komponenten fertigen mussten. Dabei waren die Rollen verteilt auf drei Monteure, zwei Logistiker, eine Qualitätsbeauftragte und einen Chef, der ich war. Neben dem Ergebnis der korrekt montierten Lkw war wichtig, ob der erste Lkw binnen zwei Minuten fertig war und wieviele Komponenten am Ende an den Montageplätzen noch übrig waren.

Von Durchgang zu Durchgang steigerten wir uns von sieben über 14 auf 20 und schließlich 21 Lkw. Ab dem dritten Durchlauf hielten wir auch das Zeitlimit von unter zwei Minuten für den ersten Lkw und verbrauchten außer im dritten Durchgang, in dem ich wegen eines Mißverständnisses weiter Material nachliefern ließ, kaum ungenutzte Komponenten.

Den drei Forschern fiel auf, dass niemand im Team vor dem vierten Durchlauf wissen wollte, wo die bisherige Benchmark lag; dass ich meine Mitarbeiter eher beruhigte und lobte statt anzutreiben und dass alle sehr gut kooperierten und sich auf Veränderungen einstellten. So war die Ausgangslage so, dass an einem Produktionsplatz das Material für 80 Prozent des Lkw lag, während die anderen nur zehn Prozent hatten.

Via Logistik und Prozessoptimierung glichen wir diesen Nachteil aus und als Chef diente ich der Logistik als Zuarbeiter, weil diese in Summe den Engpass bildete, der vom QM/Controller gegen Ende so justiert werden muss, dass in den letzten 70 Sekunden nur noch auf Sicht Komponenten nachgeliefert wurden, die tatsächlich noch verbaut werden konnten.

Beitrag teilen Kommentieren
Tags: , , ,

Vorbild an Wahrhaftigkeit: Wolf Biermann

007 Biermann-Biographie
Ein absolut lesenswertes Buch: Die Biographie des aufrechten Demokraten Wolf Biermann. FOTO: FROMM

Aktuell lese, um nicht zu sagen verschlinge, ich die gut 500 Seiten dicke Autobiographie von Wolf Biermann, die kurz vor Weihnachten erschienen war. Die Lebensgeschichte des Liedermachers, der in seiner Begeisterung für den Kommunismus 1953 freiwillig von Hamburg in die DDR zog, ist ein grandioses Zeugnis für seine Zivilcourage einerseits und die Korrumpierbarkeit der allermeisten Bürger andererseits.

Die Biographie ist ein wichtiges zeitgeschichtliches Dokument, das das Ende der Weimarer Republik, den Nationalsozialismus von 1933 bis 1945 und das geteilte Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg beleuchtet. Viele Politiker der (Welt-)Geschichte und der Kultur bis hin zu Harry Belafonte oder Joan Baez, die Biermann in der DDR besuchte und in der Friedensbewegung der 1980er-Jahre wieder traf, stehen im Kontext zu dem berühmten Deutschen.

Viele Namen wie der Dissident Robert Havemann, der als kommunistischer Wissenschaftler das KZ überlebte und gleichfalls als Querkopf schon bald den Stalinisten in der DDR lästig wurde, kommen bei der Lektüre in Erinnerung und zeichnen ein Gesamtbild. Dieses bestand in der Sehnsucht, den Nationalismus und den Kapitalismus zu überwinden, die aktuell fast in der ganzen Welt wieder Hochkonjunktur haben.

Biermanns Biographie ist mir eine Bestätigung, dass die Ablehnungen, Verdrehungen und Missachtungen, die auch mir immer noch widerfahren, in Ordnung sind und Teil des frei gewählten Weges, die eigenen Werte zu leben. Denn sittlich reif für den Kommunismus, also das Gemeinwohl als oberstenPrimat, waren und sind nur wenige, etwa Biermann oder Havemann.

Statt aber dafür geehrt und in führende Positionen gebracht zu werden, weil man von ihnen Werte wie Charakter, Mut, Selbstdisziplin oder Großmut lernen kann, wurden sie diskreditiert, ausspioniert, verleumdet, hintergangen, behindet und als Verräter gebrandmarkt. Womit sie in guter Gesellschaft sind – mit Mahatma Ghandi, Martin Luther King, Nelson Mandela oder Jesus.

Mit Empörung las ich, dass Biermanns Vater als überzeugter Kommunist 1943 im KZ umkam, und die Witwe als Genossin bis zu ihrem Tod als Arbeiterin in Hamburg dem Kommunismus treu blieb, obwohl ihr Sohn in dessen Namen drangsaliert wurde. Erst im Westen schwor er schweren Herzens diesem Ideal ob, woraufhin ihn westdeutsche Idealisten für einen Verräter hielten. Ja, soviel Dummheit und Schubladen-denken muss man aushalten. Danke, Wolf Biermann, für Dein Vorbild.

Beitrag teilen Kommentieren
Tags: , , , , ,