Schorndorf hilft

Reformation: Von der Latein- zur Volksschule

022 Reformationsvortrag
Interessante Einblicke in den Alltag während der Reformation: Prof. Sabine Holtz (r.) referiert auf Einladung von Dr. Andrea Bergler (l.) im Luther-Jahr in Schorndorf über „Geschlechterbeziehungen und Familienbild“.

Martin Luther hat nicht nur die Kirche gespalten, sondern auch das Bild der Familie nachhaltig verändert. Prof. Dr. Sabine Holtz hat im Schorndorfer Martin-Luther-Gemeindehaus die historischen Belege hierfür in einem Vortrag geliefert.

Die Spezialisten für das Reformationszeitalter steigt mit Bildern aus dem 19. Jahrhundert ein, die den Reformator im Kreis seiner Familie in allen möglichen Kontexten zeigen. „Es ging immer darum, das Bild der Ehe zu fördern“, so die Lehrstuhlinhaberin für Landeskunde der Universität Stuttgart. Dass die gebürtige Süßenerin, die auf Einladung von Dr. Andrea Bergler vom Stadtmuseum referiert, auch evangelische Theologin ist, macht ihre Aussagen noch profunder.

So waren die Luther-Darstellungen wichtig, um ihn theologisch gegen Zölibat und Ordensleben, die im Katholizismus weiter gültig waren, abzugrenzen. Als Augustiner-Mönch hatte der spätere Wittenberger Professor die Ehe für sich noch abgelehnt, wie Dokumente belegen. Darin schreibt er über Ehepflichten und Scheidungsgründe.

Laut Holtz drängt die 20-jährige Ordensschwester Katharina von Bora den 42-jährigen Reformator zur Ehe, um – ökonomisch abgesichert – ihr Kloster verlassen zu können. Er wiederum willigte ein, um eine größtmögliche Provokation der alten Ordnung zu erwirken: Die „Vernunftehe“ wurde im Juli 1525 vollzogen und war damit längst nicht die Erste eines vormals katholischen Klerikers.

Ein Jahr später kam Sohn Hans zur Welt und binnen acht Jahren weitere fünf Kinder, von denen zwei früh starben. Da aber Luther nie Pfarrer war, sondern eben als Professor lehrte, kann er gar nicht den klassischen, protestantischen Pfarrhaushalt begründet haben, so die Referentin. Theologisch verändert sich die Ehe vom sakralen Akt, der nach der Priesterweihe kommt, zum christlichen Ideal, das im Protestantismus Weltbild-prägend wird.

Die Frau gehorcht dem Mann und er liebt seine Frau. Dasselbe Verhältnis gilt zwischen Untertan und Fürst sowie dem Menschen und Gott. Zugleich gibt es keine Hierarchie mehr zwischen asketischem Priester und weltlichem Ehemann, zwischen Gebet und Arbeit – alle und alles sind gleichwertig. Dagegen betont das Konzil von Trient als Reflex den Primat des Zölibats, schafft die Scheidung ab und professionalisiert die Priesterausbildung, die ab nun fundierte Lateinkenntnisse und ein Theologiestudium brauchen. Ein Feld, auf dem sich die Jesuiten profilieren.

Bereits 1524 appelliert Luther, in Schulen statt in Stadtmauern zu investieren und widmet die Lateinschulen für die Söhne höherer Stände in eine gemischte Primärschule um, die auf Deutsch gleichermaßen Jungen und Mädchen unterrichtet. Während in der Folge in jeder Pfarrei eine Dorfschule entsteht und in der Familie der Vater auch die religiöse Erziehung verantwortet, übernimmt bei den Katholiken der Pfarrer die Bildung.

1538 wird auch die Lateinschule in Schorndorf in eine „Volksschule“ umgewidmet. Bei der Heirat, so die Professorin, waren zu Luthers Zeit die Menschen 25 bis 28 Jahre alt und eben „keine halben Kinder“. Die allgemeine Ehe galt auch dem Ziel, Unzucht zu eliminieren. Dass dies gelingt, belegen Erhebungen, wonach nur gut ein Prozent der Bevölkerung unehelich geboren war. Allerdings waren auch Maßnahmen der Verhütung bis zur Abtreibung bekannt.

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Lalulaila macht Laune auf mehr Multikulti

Bevor ich ins Wochenende gehe, möchte ich meine Leser noch mit diesem Video erfreuen. Produziert haben es Kinder, von denen keines vor zwei Jahren auch nur ein Wort deutsch konnte. Meine Freundin Renate Schäfer-Pietig, die an dieser Münchner Grund- und Förderschule Rektorin ist, hat mir schon einige Male erzählt, wie schwierig und aufwändig es ist, in diesen Klassen zu unterrichten.

Umso erfreulicher ist es, welche grandiosen Ergebnisse Lehrerinnen an deutschen Schulen hinbekommen, wenn sie mit Engagement, Leidenschaft und letztlich Liebe für die ihnen anvertrauten Kinder arbeiten. In den Augen, Texten und der Körpersprache dieser Kinder deren Begeisterung zu sehen, ist mir ein sehr großes Geschenk.

Es geht mir wie Beppo, dem Straßenkehrer, in Michael Endes modernem Märchen „Momo“: Der schaut auch nicht die hunderte Meter lange Straße hoch, wie weit er noch kehren muss, sondern macht Besenstrich für Besenstrich. Und deshalb diskutiere auch ich nicht, ob „wir schaffen das“ realistisch ist oder nicht. Sondern ich packe dort z.B. in Schorndorf mit an, wo man mich braucht und ich etwas beitragen kann.

Dieses Video bestätigt mich erstens darin, dass wir zehntausende in Deutschland sind, die das schaffen; zweitens darin, dass sich jede Mühe lohnt, diesen Kindern eine Zukunft zu geben; und drittens Vielfalt und Multikultur, bei allem, was sie auch Schwieriges mit sich bringen, einfach schön sind und Spaß machen. Liebe Renate, Dir und Deinem Team: Vielen Dank. Und euch, liebe Leser, viel Vergnügen beim Gucken des Videos und mitmischen statt resignieren. Danke.

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Ausbeutung: „Externalisierung kommt nach Hause“

021 Stephan Lessenich
Sein Buch, das vor Ort auslag, war nach dem gut strukturierten Vortrag in der Stadtkirche sehr gefragt: Stephan Lessenich (l.) signiert und beantwortet Rückfragen vieler Besucher. FOTO: FROMM

„Politisieren Sie Ihre eigenen Lebensverhältnisse“, hat Stephan Lessenich seine rund 200 Zuhörer am Sonntagabend in der Schorndorfer Stadtkirche aufgefordert. Dort referierte der aktuell wohl angesagteste Soziologie-Professor Deutschlands in zweimal 30 Minuten über Externalisierung, also die Auslagerung von Kosten, Umweltschäden und Gesundheitsrisiken in den „globalen Süden.“

Denn nur wer politisch fragt, wer oder was ihn zwingt, strukturelles Unrecht unterstützen zu müssen, komme in einen Habitus der Eigenverantwortlichkeit. Der Münchner Autor von „Neben uns die Sintflut“ (Hanser-Verlag) warnt davor, dass es „massive Gegenkräfte gibt, die uns für dumm verkaufen wollen.“ Mit dem Appell „empört euch und fragt nach!“ endete sein strukturierter Vortrag, der mit lang anhaltendem Applaus goutiert wurde.

Nach Schorndorf in das Format „Kirche am Abend“ hatte den Wissenschaftler Pfarrerin Dorothee Eisrich geholt. Diese führte ihn mit alttestamentlichen Versen des Sozial-Propheten Ezechiel (Hesekiel) ein, der das Volk Israel im 6. Jahrhundert vor Christus wegen seines Götzendienstes anprangerte: „Ihr habt Blut an euren Händen“ und „schämt euch“, heißt es da.

„Dem habe ich wenig hinzuzufügen, aber ich bin Soziologe und kein Moraltheologe“, begann daraufhin Lessenich seinen zweiteiligen Vortrag im Rahmen des Gottesdienstes mit Musik und Segen. Am Beispiel der Antibiotika-Produktion im indischen Hyderabad stieg der 52-Jährige steil in sein Thema der Externalisierung ein. Die Medizin, die hierzulande Leben schenke, zerstöre bei seiner Herstellung Leben dort.

Und statt die Ursachen zu bekämpfen, würden Reisende von dort nun gescreent auf multiresistente Keime. „Das Beispiel zeigt mustergültig das Prinzip der Abschottung und der einseitigen Ausbeutung“, so der gebürtige Stuttgarter. „Unsere“ Profite seien Geld, Wohlstand, Demokratie, (Reise-)Freiheit, Gesundheit, sozialer Frieden, unversehrte Umwelt und vieles mehr. „Den anderen“ blieben Armut, Krankheit, Terror, Unterernährung, Dürre, verseuchtes Wasser, Dürren und Diktatur.

„Wir leben nicht über unsere Verhältnisse, sondern über die der anderen“, so Lessenichs Kernthese. Und: „Wir produzieren nicht nach uns die Sintflut, sondern längst neben uns.“ Auch hierzulande sei der biologische Fußabdruck der gebildeten Reichen deutlich größer als der der ungebildeten Armen, einfach deshalb, weil erstere mit ihren höheren Einkommen mehr Möglichkeiten haben, Ressourcen zu nutzen, z.B. Fernreisen per Flugzeugm, große Autos und Häuser etc.

Die Gesellschaften des früh industrialisierten Nordens seien strukturell auf Externalisierung, also Ausbeutung und Schädigung, des „agrarisch geprägten Südens“ ausgerichtet. So habe allein Deutschland auf einer Fläche Hessens seine Soja-Produktion nach Argentinien ausgelagert, um es preisgünstig für Biokraftstoff, Nahrung für Vegetarier und Tierfutter für unsere Fleischproduktion zu verbrauchen. Und China, die USA, England oder Frankreich machten dort dasselbe.

Die Folgen: Argentinien ist vom Fleisch- zum Soja-Produzenten abgestiegen, die Monokulturen zerschlagen kleinbäuerliche Strukturen und beschleunigen die Verelendung in den Zentren. Außerdem zerstören Herbizide und Pestizide das ökologische Gleichgewicht und die Abholzung der Regenwälder wird beschleunigt, weiI den wachsenden Bevölkerungen Anbauflächen für die eigene Ernährung fehlen.

„Die Globalisierung schließt nicht die Lücke, wie einige behaupten, sondern vergrößert sie“, doziert Lessenich eloquent vom Ambo der Stadtkirche. Und: Das Kernproblem seien nicht die acht reichsten Multimilliardäre dieser Welt, die bereits die Hälfte dieser Welt besäßen, sondern das Verhalten jedes einzelnen Konsumenten. Der Soziologe zu den Kirchgängern: „Jeder, der hier sitzt, ist Profiteur des Systems. Und wir lagern das Bewußtsein über diese Prozesse permanent aus, um überhaupt handlungsfähig zu bleiben.“

Wir bräuchten ein neues Bewußtsein für unsere Handlungsoptionen, um unser Verhältnis zu unserer Mobilität, Ernährung oder Bekleidung zu reflektieren, denn „die Bürger dieser Gesellschaft haben in Wahrheit eine machtvolle Position.“ Der Habitus der Beharrung sei in den gesellschaftlichen Strukturen verkörperlicht, in Konventionen, die wiederum den Habitus prägen.

Individueller Verzicht verändere diesen gesellschaftlichen Habitus ebenso wenig, wie die Energiewende, die suggeriert, man könne „dann ökologisch weitermachen wie bisher“, zitiert Lessenich den US-Amerikaner Timothy Mitchell. Es brauche stattdessen politische Veränderungen, die ein anderes, ethisches Handeln habituell machten. Schließlich komme „die Externalisierung zunehmend nach Hause“.

Als Beispiele nennt der Referent „die ersten zwei Millionen Flüchtlinge, die schon da sind“. Weltweit seien aber bereits 60 Millionen auf der Flucht und die Abschottung der europäischen Grenzen werde immer martialischer. Auch der Klimawandel komme zunehmend in Europa an und „viele von Ihnen kennen von zuhause die Pflegearrangements die wir mit Osteuropäerinnen eingehen.“ Auch dies sei Externalisierung, weil diese Frauen und Mütter zu Hause in ihren Familien und Volkswirtschaften fehlten.

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Konstantin Wecker: Poesie und Widerstand

020 Konstantin WeckerEin geradezu spirituelles Erlebnis, das dank rund sieben Zugaben knapp 3,5 Stunden dauerte, war das Konzert von Konstantin Wecker diesen Freitag im Münchner Zirkus Krone. Unter dem Motto „Poesie und Widerstand“ spielte der seit Juni 70-Jährige, begleitet von einer grandiosen Band samt Streichern, viele seiner Lieder, die gleichermaßen von Liebe wie Trotz und eben Widerstand künden.

Dazwischen rezitierte der große Entertainer mit der noch immer so fulminanten Stimme Passagen aus seiner jüngst erschienen Biographie und streute höchst lyrische Gedichte ein, die er in den vergangenen Jahrzehnten verfasst hat, und die an Aussagekraft und Intensität in ihrer Schlichtheit seither eher gewonnen haben. Eben genau das macht den Meister aus, der in kleinen Verhältnissen in München geboren wurde.

Besonders berührt haben mich seine Erzählungen über seinen Vater, der als Maler und (Opern-)Sänger wenig erfolgreich war. Der Vorteil für den Sohn: Der Vater war mangels Engagements viel zu Hause und konnte schon früh die Musikalität und pazifistische Gesinnung des Filius‘ fördern. Im „klassischen Sinne“, so Wecker, sei sein Vater „ein Loser“ gewesen. Vermutlich rühre seine Sympathie für die vermeintlich Schwachen daher, so der Musiker. Die „Verlierer“ seien vermutlich einfach „nicht brutal genug“, sich ihren Anteil am Kuchen zu holen, so seine Interpretation.

Außer „Willy“ fehlt vor gut 2000 Besuchern im intimen Rund der Zirkuskuppel kaum ein Hit des Utopisten, der durch und durch pazifistisch-anarchistisch denkt und singt. Und gerne lasse ich mich auf seine Vision einer friedvollenWelt ein, für die er mit seinen Liedern, Statements und Konzerten, die mich atmosphärisch an Kirchentage erinnern, ja auch Wichtiges leistet. Und doch sehe ich manches differenzierter, nicht zuletzt, weil auch ich nicht mehr 24, sondern 54 bin.

In Summe geht es mir aber wie vielen im Publikum, durch deren dicht gestuhlte Reihen er am Ende, Friedenslieder singend, geht: Ich habe den Eindruck, seine Texte hat er für mich geschrieben. Und mit seinen unentwegten Botschaften und Appellen, den Rassisten und Nationalisten Widerstand zu leisten; den aufrechten Gang beizubehalten, auch wenn man der Einzige ist (oder zumindest der Erste); und auf die Kraft der Liebe zu vertrauen, das trifft schon sehr mein Lebensgefühl und das offenbar vieler anderer, die sich in ihrem Alltag um Nächstenliebe und Ökologie bemühen.

Konstantin, Dein Konzert war ein großes Geschenk für mich. Und danke, Christian und Renate, dass ihr mich dazu angestiftet und begleitet habt. Mein benediktinischer Freund Albert (OSB) lebt seit bald 50 Jahren in Beuron „ora et labora“; ich seit dem Abitur und der katholischen Jugendarbeit „Mystik und Politik“ bzw. „Kampf und Kontemplation“. Dein Thema „Poesie und Widerstand“ trifft diese Dualität, in der es meine Lebensaufgabe bleibt, in die richtige Balance zu kommen.

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Hype um vermeintliche Schorndorfer Krawalle

Ein Beispiel, wie heute ein Medien- und Hysteriehype entsteht, hatte ich in den vergangen Tagen 700 Meter von meinem Wohnsitz entfernt und in nahezu sämtlichen Medien. Denn im Rahmen der Schorndorfer Woche, die von Freitag bis Dienstag dauerte, und die das jährliche Stadtfest darstellt, war es in den Medien bundesweit und international (!) zur Berichterstattung über vermeintlich migrantenbedingte Krawalle gekommen.

Unser Oberbürgermeister Matthias Klopfer (SPD) schaffte es daraufhin u.a. in die SWR-Landesschau und ins ARD-Morgen-Magazin und das Stadtfest sogar in die New York Times, die mit einem Foto vom Münchner Oktoberfest illustrierte, dass Deutschland nicht mehr sicher sei und nach den Übergriffen von Silvester 2015/16 in Köln und den Krawallen vom jüngsten G20-Gipfel in Hamburg das Chaos nun auch in der Provinz angekommen sei.

Fast schon erfrischend nüchtern wirkt dagegen der Beitrag auf Focus-online, der recherchiert und einordnet statt nur abzuschreiben, was bereits andere getextet haben und dabei jeweils nochmal „prägnanter zu werden“ oder „zuzuspitzen“. Denn das Allermeiste, was zu lesen war, ist Quatsch. Als Besucher und Anwohner des Festes habe ich sogar erst am Montag aus der Presse erfahren, was scheinbar Samstagnacht alles passiert sein soll.

Besonders bedauerlich waren für mich die Reflexe in den „sozialen Medien“ (was ist an Hass-Tiraden sozial?), in denen jenseits der Faktenlage oder -kenntnis daraufhin gegen Ausländer, Migranten und Flüchtlinge gehetzt wurde. In vielen Antworten erfuhr ich als Zugezogener immerhin, dass die Schorndorfer Männer schon vor 30 und 45 Jahren teils über den Durst getrunken, gepöbelt und den Frauen an die Wäsche gegangen sind. In den Städten, in denen ich erwachsen wurde, übrigens auch. Und für manches, was ich damals getan (oder versucht) habe, schäme ich mich noch heute.

Umso entspannter waren diese Woche bisher die Telefonate, die ich bundesweit mit Kunden, Redakteuren (als PR-Berater habe ich berufsbedingt täglich mit Journalisten zu tun) oder Recherchepartnern in Berlin, München oder Hamburg geführt habe. Geglaubt hat von denen allen niemand, was sie in Medien über das aktuelle Schorndorf hörten. Gängig war der Tenor: So, hat die Hysterie jetzt euch erwischt?

Mein Fazit: Meine geliebte (Zeitungs-)Branche beschleunigt damit ihren Absturz in die Bedeutungslosigkeit. Lokale Kompetenz hat aber dagegen die lokale Tageszeitung bewiesen, deren Redakteure sich selbst auf dem Fest seit Jahrzehnten bis spät in die Nacht tummeln und die lokalen Akteure vom Veranstalter bis zum Polizeieinsatzleiter kennen. Das merke ich der Berichterstattung wohltuend an.

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Mensch tendiert zur Selbstlosigkeit

Der 1,5-stündige Beitrag auf Arte, der leider nur noch 16 Tage freigeschaltet ist, macht deutlich, dass der Mensch zur Selbstlosigkeit von Geburt an konditioniert ist. Ich finde beeindruckend, welche Methoden und Studien Forscher entwickelt haben, um diese These wissenschaftlich zu untermauern. Letztlich ist sie aber nur logisch. Denn nur gemeinsam kann die Menschheit überleben.

Da ist es klug von der Natuir eingerichet, dass der Mensch schon im Alter von wenigen Monaten auf Hilfsbereitschaft angelegt ist und in moralischen Kategorien Gut von Böse unterscheiden kann. Umso bedenklicher ist, was offenbar in Kindheit und Jugend alles passiert, dass sich der Mensch diese Konditionierung offenbar häufig zumindest teilweise abgewöhnt.

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Bestseller: Mutige Abrechnung mit Mohamed

015 Mohamed-Buch
Schnell und verständlich zu lesen: Die kritische Auseinandersetzung mit Mohamed. FOTO: FROMM

Was das Christentum spätestens seit Karl-Heinz Deschners „Konzil der Buchhalter“ und Forschungsliteratur rund um den historischen Jesus bereits hinter sich hat, hat der Deutsch-Ägypter Hamed Abdel-Samad den Muslimen mit seinem Buch „Mohamed – Eine Abrechnung“ mit seinem gut 200 Seiten dünnen Taschenbuch serviert: Einen Beitrag zur Reflexion und Aufklärung.

Der Sohn eines muslimischen Gelehrten entfaltet in dem Spiegel-Bestseller die Biographie des 570 in Mekka als unehelichem Kind geborenen Propheten. Bereits als Sechsjähriger stirbt seine Mutter, womit er Vollwaise wird und fortan beim geliebten Großvater lebt, der wiederum zwei Jahre später stirbt. Abdel-Samad wählt neben der Quellenauswertung einen psychotherapeutischen Ansatz, um sich dem historischen Mohamed zu nähern.

So heiratet er 595 eine Unternehmerin, in deren Firma er zunächst Karawanenführer wird. In Summe hat der Prophet mehr als zehn  Frauen und während er in Mekka friedlich predigte und verlacht wurde, werden seine Positionen nach der Übersiedlung nach Medina und dem Aufstieg zur Macht unerbittlich und teils grausam. Immer wieder verweist der Autor auf den historischen Kontext, um Mohamed zu beleuchten, was ja auch bei der Analyse von Altem und Neuem Testament sinnvoll ist.

So postuliert Abdel-Samad, das fünfmalige Gebet pro Tag habe in Mohameds Wunsch nach Kontrolle seinen Ursprung. Auf diese Weise habe er seine Getreuen in kurzen Abständen um sich scharen und sich ihrer Loyalität versichern können. Bei den vielen rituellen Waschungen, die angesichts des Wassermangels in der Wüste die Nachfolge erschweren, vermutet der Autor einen Waschzwang Mohameds, für den er auch glaubt, Belege zu haben.

Desselben legt er nahe, Mohamed habe eine Art Epilepsie gehabt und in Verbindung mit den körperlichen Reaktionen habe er seine Eingebungen gehabt. Ohnehin habe der Religionsgründer vermutlich nicht schreiben können, so dass schon hier Diktier- und Übertragungsfehler naheliegen, für die das Buch einige Belege bietet. Vermutlich sei er auch Narzisst gewesen, was seine fehlende Empathie plausibel mache.

Schließlich gibt der Autor, der sich vom „strengen“ zum „liberalen“  Moslem gewandelt hat, eine Idee, worin die Abgrenzungstendenz der Muslime in den offenen Gesellschaften ihre Ursache haben könne: Der Spott abendländischer Kritiker über Gott und das Christentum empöre Muslime insofern, dass sie fürchten als nächstes werde auch ihre Religion beschmutzt. Die „Satanischen Verse“ von Salman Rushdie oder die Karikaturisten von Charlie Hebdos scheinen dies zu bestätigen.

Die Intention dahinter: die eigene Religion schützen vor Verunglimpfung. Tatsächlich aber gehe es um eine kritische, reformatorische und exegetische Auseinandersetzung auch mit dem Islam, um letztlich in eine tiefere, spirituelle und damit friedlichere und erlöstere Ebene vordringen zu können. Ein gleichermaßen lesens- wie liebenswertes Buch, das in der aktuellen Lage doch auch einigen Mut erfordert, geschrieben, verlegt und empfohlen zu werden.

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Pulse of Europe: 100 Schorndorfer erstmals dabei

012 Demo für Europa
Premiere in Schorndorf: Gestern haben sich erstmals 100 Bürger auf dem Marktplatz versammelt, um für ein vereintes Europa die Stimmen zu erheben. Bis September soll das Treffen wöchentlich stattfinden. FOTO: FROMM

Mehr als 100 Schorndorfer sind gestern spontan zur ersten Pro-Europa-Kundgebung „Pulse of Europa“ gekommen, die europaweit zeitgleich immer sonntags um 14 Uhr stattfindet. In der Daimler-Stadt hatten Alt-Stadtrat Karl-Otto Völker (SPD) und die Künstlerin Dorothea Schütz die Initiative ergriffen, mit der bundesweit in bereits 70 Städten Bürger sich zu Europa bekennen.

Die gut halbstündige Veranstaltung auf dem Marktplatz, zu der etliche Teilnehmer mit Europa- und EU-Flaggen kamen, war so gestaltet, dass Völker kurz begrüßte, ehe der Vorsitzende der Partnerschaftsvereine, Thomas Röder, über seine Beweggründe sprach. So sei er 1972 das erste Mal in der französischen Partnerstadt Thulle gewesen, wo es damals auf Grund deutscher Kriegsverbrechen im Zweiten Weltkrieg noch viele Vorbehalte gab.

Rund zehn weitere Redner, darunter Oberbürgermeister Matthias Klopfer und der Vorsitzende der Naturfreunde, Klaus Reuster, ergriffen das Mikrophon und sprachen spontan über ihre Motive. Dabei ging es viel um Frieden in Europa seit 1945, Reisefreiheit und Wohlstand dank offener Grenzen, Völkerverständigung, Demokratie und Solidarität.

Bis zur Bundestagswahl soll das Treffen nun wöchentlich wiederholt werden, teils bei der Stadtkirche sofern der Marktplatz durch andere Veranstaltungen belegt ist. Auch sollten mehr Teilnehmer anderer Nationalität für die Kundgebung gewonnen werden, leben doch Menschen aus 100 Nationen in der Stadt mit ihren 40.000 Einwohnern. Auffallend war, daß das Gros der Teilnehmer 55 Jahre und älter war. So sollen auch mehr junge Leute für den Pulse of Europe geworben werden.

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„Neugierde als Startrampe zum Mitgefühl“

010 Peter Schwarz
Hat im Herbst 2015 eine Woche mit Flüchtlingen in einer Waiblinger Turnhalle gelebt: Lokalredakteur Peter Schwarz (r.) im Gespräch mit einem Gottesdienstbesucher. FOTO: FROMM

Eine Woche hat im Herbst 2015 Lokalredakteur Peter Schwarz mit Flüchtlingen in Waiblingen in einer Turnhalle gelebt und täglich ganzseitig in der Presse darüber berichtet. Für die Pfarrerin der Schorndorfer Stadtkirche, Dorothee Eisrich, war dies Anlass, ihn nun zur „Stadtkirche am Abend“ einzuladen, damit er über „Mitgefühl verändert“ spricht.

In seiner launigen Rede sprach Schwarz lieber von Neugierde als journalistischer Grundhaltung, die dem Mitgefühl vorausgehe und handwerklichen Grundprinzipien. Denn wer vor Ort recherchiert statt vom Büro aus, erhalte mehr Informationen und Eindrücke. Zudem freuten sich Menschen grundsätzlich, wenn man sich für sie interessiere. Und: Gute Reporter-Geschichten lebten davon, dass es Helden und Schurken gibt, weshalb man nie zu genau hinschauen dürfe, weil sich Klischees dann differenzierten.

„Alles ändert sich, wenn sich ein Aktenzeichen in einen Menschen verwandelt“, so Schwarz, der eine prägende Erfahrung aus seinem Elternhaus preisgab. Demnach war die Tochter einer befreundeten Familie gestorben und der kleine Peter erlebte die Diskussion seiner Eltern, in der die empathische Mutter dafür plädierte, die Freunde zu besuchen, während der intelligente Vater davor warnte, dies könne aufdringlich, peinlich und gar voyeristisch sein.

Die pragmatische Mutter setzte sich mit der Bemerkung durch „einfach mal hingehen und dann schauen.“ Und offenbar war dies die richtige Entscheidung. Auch über Redakteure sagt Schwarz, „es genügt nicht die Vogelperspektive.“ Ein Journalist müsse hinsehen und hingehen und sich berühren lassen. So kam es zu seinem Besuch in der Turnhalle und der später preisgekrönten Berichterstattung, die auch ich von Anfang an für die einzig richtige Vorgehensweise hielt.

So erlebte Schwarz Männer, die in Turnhallen – durch Bauzäune abgetrennt – zu acht auf Gevierten von 32 Quadratmetern lebten.  Sobald er ein solches Quartier betrat, waren die Rollen vertauscht – und er der Gast, der alle Gefühle mit den Männern teilte, tiefe Einblicke in ihre Traumata bekam und deren Gastfreundschaft trotz des Mangels erlebte. Bis zu dreimal habe er an manchen Tagen zu Mittag gegessen, so der Referent, der vom Ambo aus sprach.

Und da Schwarz auch schon nach dem Amoklauf von Winnenden im März 2009 vor Ort mit Opfern und Angehörigen sprach, ist er in sensiblen Situationen erprobt. Sein Credo: „Wenn man sich echt statt taktisch verhält, macht man nichts falsch.“ Intuitiv habe er stets angemessen reagiert, wenn der andere etwa geweint hat. Interesse am anderen sei wichtiger als ein „perfekter Gesprächsverlauf“. Die vielen Begegnungen inseinem beruflichen Alltag hätten ihn verändert, weil Nähe Mitgefühl stiftet.

„Neugierde hilft gegen Angst vor dem Fremden“, empfahl er seinen gut 100 Zuhörern, die ihm gebannt lauschten. Es sei sein berufliches Privileg, bis zur Schamlosigkeit neugierig sein zu dürfen. Neugierde, so der gebürtige Ellwanger, sei die „Startrampe zum Mitgefühl.“

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Karneval: Ventil für geschundene Seelen

In Teilen habe ich am Freitag, Samstag und gestern die Prunksitzungen im Fernsehen gesehen, die aus Mainz, Düsseldorf und Köln übertragen wurden. Dabei fiel mir durchgängig die politische Schärfe auf gegen US-Präsident Donald Trump, seine Kollegen Wladimir Putin aus Rußland und Recep Tayyip Erdogan aus der Türkei sowie die Präsidentschaftskandidaten Marie Le Pen in Frankreich und Geert Wilders in den Niederlanden.

Hinzu kamen klare Worte gegen den Brexit-Betreiber Boris Johnson oder das AfD-Spitzenpersonal wie Frauke Petry, Jörg Meuthen oder Björn Höcke, die in Büttenreden und bitterbösen Analysen teils mit Nationalsozialisten verglichen wurden. Besonders beeindruckt hat mich, mit welcher Klarheit das Publikum in all diesen Karnevalshochburgen reagierte, die den mutigen Rednern regelrecht huldigten.

Diesen Zuspruch werte ich als klares Signal, wie sehr das absolute Gros unseres fleißigen Volkes nun die Schnauze gestrichen voll hat von all den Hetzern und Blendern, die das Klima in unseren Ländern und Städten vergiften und mit ihren einfachsten Antworten auf hoch komplexe Sachverhalte auf Stimmenfang gehen.

So gesehen, hatte diese Saison auch auf mich eine reinigende Wirkung: Ich gehe in der Zuversicht in die Fastenzeit, dass die europäischen Demokraten nun eng zusammenstehen und in Frankreich wie in den Niederlanden bei den anstehenden Wahlen den Rassisten die Rote Karte zeigen werden.

Männer wie Lars Reichow machen mich stolz auf unsere Nation, die uns gerade in der „fünften Jahreszeit“ zur Besinnung rufen. Dass der einfache Aufruf, von seinem Wahlrecht Gebrauch zu machen, in der Fasnet mal zu einer Pointe taugen würde, hätte ich mir vor zwei, drei Jahren auch nicht träumen lassen.

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