Transparenz

Bahnsperrung löst Odyssee aus und Solidarität

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Sympathische Mitbürger: Seit Basel waren wir „Leidensgenossen“ und haben das Beste daraus gemacht. Meine These von der Schwarmintelligenz, die zum Überleben kooperiert statt gegeneinander zu kämpfen, sehe ich bestätigt. FOTO: FREMDE FRAU

In den deutschen Medien war es gestern nur eine lapidare Meldung: Wegen Gleisabsenkung bei Rastatt, die sich am Samstag gegen 11.30 Uhr bei Tunnelarbeiten darunter ereignet hatte, ist der Zugverkehr auf der Rheintalschiene bis mindestens Samstag gesperrt. Tatsächlich waren davon aber tausende Reisende betroffen, die dadurch ein Abenteuer erlebten. Darunter auch ich, der ich auf der Rückkehr aus der Schweiz von einer Geburtstagsfeier in Fribourg war. Hier mein Erfahrungsbericht.

Noch in der Nacht auf Sonntag fahren wir wie geplant mit Verwandten von Fribourg nach Olten, wo wir bei diesen übernachten, um am Morgen den ICE von Interlaken nach Berlin um 11.30 Uhr zu besteigen, um diesen bis Karlsruhe zu benutzen. Auch die Digitalanzeige am Bahnhof zeigt den Zug so an und bis Basel verläuft alles regulär. Viele Sitze sind sogar als reserviert nach Norddeutschland ausgewiesen.

Die Odyssee beginnt, als der Zug wieder rollt und die Durchsage erfolgt, die Fahrt führe nach Interlaken. Unruhe bricht im Zug aus, während manche die Durchsage noch für ein Versehen halten. Als dutzende Reisende aufbegehren, werden die Schweizer unsicher, die tatsächlich Richtung Interlaken reisen wollen und fühlen sich erst bestätigt, als auch die Landschaft draußen eindeutig den Weg weist.

Nun erfolgt die Durchsage, Reisende Richtung Deutschland sollten am nächsten Halt aussteigen und die nächste S-Bahn zurück nach Basel nehmen. Auf dem Bahnsteig wird deutlich, dass rund 100 Personen diesem Irrtum aufgessenen sind und entsprechend überrascht sind die Einheimischen in der kurzen S-Bahn als wir alle, teils mit großen Reisekoffern und schweren Rucksäcken, die Tram entern, die an jeder Milchkanne zu halten scheint.

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Bustransfer von Baden-Baden nach Rastatt: Gute Organisation und disziplinierte Menschen nehmen der Krise ihre Vehemenz. FOTO: FROMM

Bereits hier beginnen erste Solidarisierungsgespräche, wohin man müsse, woher man komme und was man schon alles auf Bahnreisen erlebt hat. Noch glauben alle, in Basel schlicht den nächsten Zug nehmen zu können und doch noch den Flug ab Frankfurt am späten Nachmittag oder die Ankunft am Abend in Berlin zu schaffen. Zurück in Basel spitzt sich die Lager aber zu: Alle Hinweistafeln informieren, dass die Rheintalstrecke bis 19.08. gesperrt sei und sämtliche Züge ausfallen. Alternativen werden nicht genannt.

Immerhin steht Servicepersonal in gelben Jacken bereit, das fragt, wohin mal will und erstmals die Ursache für das Chaos nennt. Der Mann vom Service, offenbar ein DB-Mitarbeiter, empfiehlt, die Regionalbahn nach Schaffhausen zu nehmen, was wir zusammen mit rund 70 weiteren Personen tun. Zwar warnt dessen Zugbegleiter, von dort komme man auch nicht nach Deutschland weiter, doch wir schenken dem ersten Mann mehr Glauben, zumal ein Schweizer in seinem Smartphone eine Verbindung über Winterthur googelt, die ginge.

Nun kommt wieder der Zugbegleiter mit der ultimativen Nachricht via Funk, Bahnreisende nach Deutschland sollten im nächsten Ort erneut aussteigen und die nächste Tram zurück nach Basel nehmen. Erste Reisende werden panisch oder aggressiv, andere wirken deeskalierend auf das Kollektiv ein. Bei der Bahninfo in Basel sind wir nun eine Gruppe von rund 30 Reisenden, die sich ab jetzt koordinieren.

Die Frauen und die meisten Männer bleiben beim Gepäck, während ein Mann aus Westfalen und ich uns am Serviceschalter kundig machen wollen. Dort muss man aber eine Nummer ziehen und sicher 25 Minuten warten, ob der Nachfrage, darunter auch viele Schweizer. Unter dessen „erarbeiten“ viele Jüngere an ihren Handys Alternativen, während die Älteren ihre Söhne oder Töchter in Bern oder Braunschweig anrufen, die nun via heimischem PC zu helfen versuchen.

Die ersten Rentner verlassen unsere Gruppe, um wieder an ihren Ausgangspunkt zurückzukehren, um bei Angehörigen in der Schweiz noch einmal zu übernachten. Andere sondieren Möglichkeiten, per Flugzeug „raus zu kommen“. Wieder andere werden per Auto abgeholt, buchen den Flixbus oder fahren per Anhalter. Wir buchen nun zu zehnt ein Großraum- und ein normales Taxi, um auf die deutsche Seite des Baseler Bahnhofs zu gelangen.

Dort treffen immer mehr Menschen ein. Im kleinen Shop werden Hamstereinkäufe getätigt, auf den Toiletten Wasserflaschen gefüllt und am Gleis, auf dem ein IC mit mächtig Verspätung erwartet wird, der uns bis nach Baden-Baden  bringen soll, diskutieren entnervte Fahrgäste mit Zugbegleitern und Servicekräften über die „Unfähigkeit der Bahn“ und einiges mehr. Mir tun die Bediensteten leid, weil sie nichts für die Vorkommnisse können und sich den Kunden stellen.

Doch leider treffen sie nicht den richtigen Ton. Statt die Probleme zu bedauern, rechtfertigen sie ihren Arbeitgeber. Das ist zwar sympathisch und die Argumentation logisch, in diesem Kontext aber nicht hilfreich. Als ich unterstützend-moderierend eingreifen will, zieht mich meine Frau weg. Und weil auch sie am Limit ist, folge ich ihrem Wunsch. Umso mehr bin ich beeindruckt, wie vertraut wir nun in unserer Zehner-Clique beisammen stehen und uns gegenseitig unterhalten und aufmuntern.

Nun klärt sich für uns, dass ab Rastatt neun Busse die Reisenden aufnehmen und auf der Straße zum Bahnhof in Rastatt bringen, wo es dann per Bahn nach Karlsruhe weitergeht. Die Stimmung hellt sich auf, Kekse werden untereinander geteilt, ich organsiere ein Gruppenfoto und oute mich als Journalist, mein Münsteraner Freund informiert uns, wir dürften nun auch Erster Klasse fahren – was wir im Schutz der Gruppe dann auch tun.

In Baden-Baden löst sich unsere Gruppe auf, weil wir in unterschiedlichen Geschwindigkeiten mit der Masse zu den Bussen laufen. Hier steht nun alle paar Meter Personal, das die Richtung weist. Am Gleis trifft schließlich eine Regionalbahn ein, die rappelvoll mit Reisenden Richtung Freiburg ist. Viele Menschen lächeln sich nun zu, tragen sich gegenseitig Gepäck und vieles mehr. Die Atmosphäre ist weitgehend solidarisch und überall beginnen Fremde, miteinander zu sprechen.

Schließlich erreichen wir in der verbrauchten Waggonluft, in dem sich kein Fenster öffen lässt und alle Toiletten dauerbelegt sind, Karlsruhe. Die Menge schiebt sich auf den Bahnsteigen und wir treffen nochmals Mitreisende, von denen wir uns herzlich verabschieden. Schon hoffen wir, mit drei Stunden Verspätung zuhause anzukommen, als der IC, der uns nach Stuttgart bringen soll, auch nicht kommt.

Nach 20 Minuten Verspätung empfiehlt ein Uniformierter, die Regionalbahn gegenüber zu nehmen, was wieder hunderte tun. Als wir dort sitzen, sehen wir, dass der IC kommt. Zum Wechsel ist es nun zu spät und letztlich ist ohnehin alles egal. Hauptsache heute Nacht im eigenen Bett schlafen. In Vaihingen/Enz bleibt unsere überfüllte Regionalbahn, in der 80 Prozent aller WC defekt sind, länger stehen. Ich kombiniere: Wir wollen den IC passieren lassen, der auch hier hält.

Wir springen aus der Bahn, sehen den IC – und erreichen ihn. Viele Reisende machen diesen Transfer nicht mit. Wir ergattern den IC und nehmen in einem Sechser-Abteil Platz, in dem seit Mainz nur ein dehydriertes, älteres Ehepaar sitzt, das nach Walldürn möchte. Die Luft ist drückend, weil die Klimaanlage nicht geht. Egal, bis Stuttgart sind es 20 Minuten. Dort nehmen wir die nächste S-Bahn und sind kurz vor 20 Uhr zuhause.

Mein Fazit: Ich war den ganzen Tag froh, nicht als Flüchtling von Syrien (über das Mittelmeer) nach Schorndorf zu wollen, sondern nur von einem sicheren Land in ein anderes und das mit genügend Bargeld, Kreditkarte, Handy und deutschem Pass. Und: Ich bin beeindruckt, wie solidarisch sich vom Wohlstand privatisierte Deutsche verhalten, wenn es „eng wird“. Der gestrige Chaos-Tag macht mir Hoffnung für die Zukunft unseres Landes, das sich vermutlich auf noch mehr Komfortverlust einstellen muss.

Und: Da die Rastatter Ursache auf einen Tunnelbau für die Rheintalbahn zurückgeht, bin ich noch mehr verunsichert, ob der Machbarkeitsanspruch, den die S21-Befürworter immer wieder postulieren, gerechtfertigt ist. Mir wurde gestern deutlich: Ich gebe Planbarkeit und Verlässlichkeit den Vorzug vor Schnelligkeit und Komfort. Dankbar bin ich für die Erfahrungen, die ich gestern machen und die Einsichten, die ich gewinnen durfte.

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Reformation: Von der Latein- zur Volksschule

022 Reformationsvortrag
Interessante Einblicke in den Alltag während der Reformation: Prof. Sabine Holtz (r.) referiert auf Einladung von Dr. Andrea Bergler (l.) im Luther-Jahr in Schorndorf über „Geschlechterbeziehungen und Familienbild“.

Martin Luther hat nicht nur die Kirche gespalten, sondern auch das Bild der Familie nachhaltig verändert. Prof. Dr. Sabine Holtz hat im Schorndorfer Martin-Luther-Gemeindehaus die historischen Belege hierfür in einem Vortrag geliefert.

Die Spezialisten für das Reformationszeitalter steigt mit Bildern aus dem 19. Jahrhundert ein, die den Reformator im Kreis seiner Familie in allen möglichen Kontexten zeigen. „Es ging immer darum, das Bild der Ehe zu fördern“, so die Lehrstuhlinhaberin für Landeskunde der Universität Stuttgart. Dass die gebürtige Süßenerin, die auf Einladung von Dr. Andrea Bergler vom Stadtmuseum referiert, auch evangelische Theologin ist, macht ihre Aussagen noch profunder.

So waren die Luther-Darstellungen wichtig, um ihn theologisch gegen Zölibat und Ordensleben, die im Katholizismus weiter gültig waren, abzugrenzen. Als Augustiner-Mönch hatte der spätere Wittenberger Professor die Ehe für sich noch abgelehnt, wie Dokumente belegen. Darin schreibt er über Ehepflichten und Scheidungsgründe.

Laut Holtz drängt die 20-jährige Ordensschwester Katharina von Bora den 42-jährigen Reformator zur Ehe, um – ökonomisch abgesichert – ihr Kloster verlassen zu können. Er wiederum willigte ein, um eine größtmögliche Provokation der alten Ordnung zu erwirken: Die „Vernunftehe“ wurde im Juli 1525 vollzogen und war damit längst nicht die Erste eines vormals katholischen Klerikers.

Ein Jahr später kam Sohn Hans zur Welt und binnen acht Jahren weitere fünf Kinder, von denen zwei früh starben. Da aber Luther nie Pfarrer war, sondern eben als Professor lehrte, kann er gar nicht den klassischen, protestantischen Pfarrhaushalt begründet haben, so die Referentin. Theologisch verändert sich die Ehe vom sakralen Akt, der nach der Priesterweihe kommt, zum christlichen Ideal, das im Protestantismus Weltbild-prägend wird.

Die Frau gehorcht dem Mann und er liebt seine Frau. Dasselbe Verhältnis gilt zwischen Untertan und Fürst sowie dem Menschen und Gott. Zugleich gibt es keine Hierarchie mehr zwischen asketischem Priester und weltlichem Ehemann, zwischen Gebet und Arbeit – alle und alles sind gleichwertig. Dagegen betont das Konzil von Trient als Reflex den Primat des Zölibats, schafft die Scheidung ab und professionalisiert die Priesterausbildung, die ab nun fundierte Lateinkenntnisse und ein Theologiestudium brauchen. Ein Feld, auf dem sich die Jesuiten profilieren.

Bereits 1524 appelliert Luther, in Schulen statt in Stadtmauern zu investieren und widmet die Lateinschulen für die Söhne höherer Stände in eine gemischte Primärschule um, die auf Deutsch gleichermaßen Jungen und Mädchen unterrichtet. Während in der Folge in jeder Pfarrei eine Dorfschule entsteht und in der Familie der Vater auch die religiöse Erziehung verantwortet, übernimmt bei den Katholiken der Pfarrer die Bildung.

1538 wird auch die Lateinschule in Schorndorf in eine „Volksschule“ umgewidmet. Bei der Heirat, so die Professorin, waren zu Luthers Zeit die Menschen 25 bis 28 Jahre alt und eben „keine halben Kinder“. Die allgemeine Ehe galt auch dem Ziel, Unzucht zu eliminieren. Dass dies gelingt, belegen Erhebungen, wonach nur gut ein Prozent der Bevölkerung unehelich geboren war. Allerdings waren auch Maßnahmen der Verhütung bis zur Abtreibung bekannt.

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Ausbeutung: „Externalisierung kommt nach Hause“

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Sein Buch, das vor Ort auslag, war nach dem gut strukturierten Vortrag in der Stadtkirche sehr gefragt: Stephan Lessenich (l.) signiert und beantwortet Rückfragen vieler Besucher. FOTO: FROMM

„Politisieren Sie Ihre eigenen Lebensverhältnisse“, hat Stephan Lessenich seine rund 200 Zuhörer am Sonntagabend in der Schorndorfer Stadtkirche aufgefordert. Dort referierte der aktuell wohl angesagteste Soziologie-Professor Deutschlands in zweimal 30 Minuten über Externalisierung, also die Auslagerung von Kosten, Umweltschäden und Gesundheitsrisiken in den „globalen Süden.“

Denn nur wer politisch fragt, wer oder was ihn zwingt, strukturelles Unrecht unterstützen zu müssen, komme in einen Habitus der Eigenverantwortlichkeit. Der Münchner Autor von „Neben uns die Sintflut“ (Hanser-Verlag) warnt davor, dass es „massive Gegenkräfte gibt, die uns für dumm verkaufen wollen.“ Mit dem Appell „empört euch und fragt nach!“ endete sein strukturierter Vortrag, der mit lang anhaltendem Applaus goutiert wurde.

Nach Schorndorf in das Format „Kirche am Abend“ hatte den Wissenschaftler Pfarrerin Dorothee Eisrich geholt. Diese führte ihn mit alttestamentlichen Versen des Sozial-Propheten Ezechiel (Hesekiel) ein, der das Volk Israel im 6. Jahrhundert vor Christus wegen seines Götzendienstes anprangerte: „Ihr habt Blut an euren Händen“ und „schämt euch“, heißt es da.

„Dem habe ich wenig hinzuzufügen, aber ich bin Soziologe und kein Moraltheologe“, begann daraufhin Lessenich seinen zweiteiligen Vortrag im Rahmen des Gottesdienstes mit Musik und Segen. Am Beispiel der Antibiotika-Produktion im indischen Hyderabad stieg der 52-Jährige steil in sein Thema der Externalisierung ein. Die Medizin, die hierzulande Leben schenke, zerstöre bei seiner Herstellung Leben dort.

Und statt die Ursachen zu bekämpfen, würden Reisende von dort nun gescreent auf multiresistente Keime. „Das Beispiel zeigt mustergültig das Prinzip der Abschottung und der einseitigen Ausbeutung“, so der gebürtige Stuttgarter. „Unsere“ Profite seien Geld, Wohlstand, Demokratie, (Reise-)Freiheit, Gesundheit, sozialer Frieden, unversehrte Umwelt und vieles mehr. „Den anderen“ blieben Armut, Krankheit, Terror, Unterernährung, Dürre, verseuchtes Wasser, Dürren und Diktatur.

„Wir leben nicht über unsere Verhältnisse, sondern über die der anderen“, so Lessenichs Kernthese. Und: „Wir produzieren nicht nach uns die Sintflut, sondern längst neben uns.“ Auch hierzulande sei der biologische Fußabdruck der gebildeten Reichen deutlich größer als der der ungebildeten Armen, einfach deshalb, weil erstere mit ihren höheren Einkommen mehr Möglichkeiten haben, Ressourcen zu nutzen, z.B. Fernreisen per Flugzeugm, große Autos und Häuser etc.

Die Gesellschaften des früh industrialisierten Nordens seien strukturell auf Externalisierung, also Ausbeutung und Schädigung, des „agrarisch geprägten Südens“ ausgerichtet. So habe allein Deutschland auf einer Fläche Hessens seine Soja-Produktion nach Argentinien ausgelagert, um es preisgünstig für Biokraftstoff, Nahrung für Vegetarier und Tierfutter für unsere Fleischproduktion zu verbrauchen. Und China, die USA, England oder Frankreich machten dort dasselbe.

Die Folgen: Argentinien ist vom Fleisch- zum Soja-Produzenten abgestiegen, die Monokulturen zerschlagen kleinbäuerliche Strukturen und beschleunigen die Verelendung in den Zentren. Außerdem zerstören Herbizide und Pestizide das ökologische Gleichgewicht und die Abholzung der Regenwälder wird beschleunigt, weiI den wachsenden Bevölkerungen Anbauflächen für die eigene Ernährung fehlen.

„Die Globalisierung schließt nicht die Lücke, wie einige behaupten, sondern vergrößert sie“, doziert Lessenich eloquent vom Ambo der Stadtkirche. Und: Das Kernproblem seien nicht die acht reichsten Multimilliardäre dieser Welt, die bereits die Hälfte dieser Welt besäßen, sondern das Verhalten jedes einzelnen Konsumenten. Der Soziologe zu den Kirchgängern: „Jeder, der hier sitzt, ist Profiteur des Systems. Und wir lagern das Bewußtsein über diese Prozesse permanent aus, um überhaupt handlungsfähig zu bleiben.“

Wir bräuchten ein neues Bewußtsein für unsere Handlungsoptionen, um unser Verhältnis zu unserer Mobilität, Ernährung oder Bekleidung zu reflektieren, denn „die Bürger dieser Gesellschaft haben in Wahrheit eine machtvolle Position.“ Der Habitus der Beharrung sei in den gesellschaftlichen Strukturen verkörperlicht, in Konventionen, die wiederum den Habitus prägen.

Individueller Verzicht verändere diesen gesellschaftlichen Habitus ebenso wenig, wie die Energiewende, die suggeriert, man könne „dann ökologisch weitermachen wie bisher“, zitiert Lessenich den US-Amerikaner Timothy Mitchell. Es brauche stattdessen politische Veränderungen, die ein anderes, ethisches Handeln habituell machten. Schließlich komme „die Externalisierung zunehmend nach Hause“.

Als Beispiele nennt der Referent „die ersten zwei Millionen Flüchtlinge, die schon da sind“. Weltweit seien aber bereits 60 Millionen auf der Flucht und die Abschottung der europäischen Grenzen werde immer martialischer. Auch der Klimawandel komme zunehmend in Europa an und „viele von Ihnen kennen von zuhause die Pflegearrangements die wir mit Osteuropäerinnen eingehen.“ Auch dies sei Externalisierung, weil diese Frauen und Mütter zu Hause in ihren Familien und Volkswirtschaften fehlten.

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Hype um vermeintliche Schorndorfer Krawalle

Ein Beispiel, wie heute ein Medien- und Hysteriehype entsteht, hatte ich in den vergangen Tagen 700 Meter von meinem Wohnsitz entfernt und in nahezu sämtlichen Medien. Denn im Rahmen der Schorndorfer Woche, die von Freitag bis Dienstag dauerte, und die das jährliche Stadtfest darstellt, war es in den Medien bundesweit und international (!) zur Berichterstattung über vermeintlich migrantenbedingte Krawalle gekommen.

Unser Oberbürgermeister Matthias Klopfer (SPD) schaffte es daraufhin u.a. in die SWR-Landesschau und ins ARD-Morgen-Magazin und das Stadtfest sogar in die New York Times, die mit einem Foto vom Münchner Oktoberfest illustrierte, dass Deutschland nicht mehr sicher sei und nach den Übergriffen von Silvester 2015/16 in Köln und den Krawallen vom jüngsten G20-Gipfel in Hamburg das Chaos nun auch in der Provinz angekommen sei.

Fast schon erfrischend nüchtern wirkt dagegen der Beitrag auf Focus-online, der recherchiert und einordnet statt nur abzuschreiben, was bereits andere getextet haben und dabei jeweils nochmal „prägnanter zu werden“ oder „zuzuspitzen“. Denn das Allermeiste, was zu lesen war, ist Quatsch. Als Besucher und Anwohner des Festes habe ich sogar erst am Montag aus der Presse erfahren, was scheinbar Samstagnacht alles passiert sein soll.

Besonders bedauerlich waren für mich die Reflexe in den „sozialen Medien“ (was ist an Hass-Tiraden sozial?), in denen jenseits der Faktenlage oder -kenntnis daraufhin gegen Ausländer, Migranten und Flüchtlinge gehetzt wurde. In vielen Antworten erfuhr ich als Zugezogener immerhin, dass die Schorndorfer Männer schon vor 30 und 45 Jahren teils über den Durst getrunken, gepöbelt und den Frauen an die Wäsche gegangen sind. In den Städten, in denen ich erwachsen wurde, übrigens auch. Und für manches, was ich damals getan (oder versucht) habe, schäme ich mich noch heute.

Umso entspannter waren diese Woche bisher die Telefonate, die ich bundesweit mit Kunden, Redakteuren (als PR-Berater habe ich berufsbedingt täglich mit Journalisten zu tun) oder Recherchepartnern in Berlin, München oder Hamburg geführt habe. Geglaubt hat von denen allen niemand, was sie in Medien über das aktuelle Schorndorf hörten. Gängig war der Tenor: So, hat die Hysterie jetzt euch erwischt?

Mein Fazit: Meine geliebte (Zeitungs-)Branche beschleunigt damit ihren Absturz in die Bedeutungslosigkeit. Lokale Kompetenz hat aber dagegen die lokale Tageszeitung bewiesen, deren Redakteure sich selbst auf dem Fest seit Jahrzehnten bis spät in die Nacht tummeln und die lokalen Akteure vom Veranstalter bis zum Polizeieinsatzleiter kennen. Das merke ich der Berichterstattung wohltuend an.

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Gehörlose Sängerin trifft mehr als nur den Ton

Immer wieder beeindruckt mich, was Menschen möglich ist, wenn sie all ihre Energie auf ein Ziel konzentrieren. Im konkreten Fall ist es die Teilnehmerin eines US-Song-Contests, die als junges Mädchen ihr Gehör verlor und seither taub musiziert und singt. Mich hat das Video zu Tränen gerührt, nicht zuletzt, weil es belegt, dass wir auch unsere Mitmenschen emotional erreichen können.

Zugleich hat mir die Sequenz die Idee vermittelt, wie es Ludwig van Beethoven möglich gewesen sein muss, im Alter taub noch immer brilliant komponieren zu können. Ein schönes Beispiel auch für meine gestattherapeutische Arbeit, bei der ich Menschen unterstütze, ihr Herz und ihre Selbstliebe zu spüren. Denn die einzigen, die uns begrenzen, sind wir selbst. Schönes Wochenende!

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Berlin-Besuch zu einem historischen Zeitpunkt

019 Leo am Brandenburger Tor 30.06.2017
Die Wiedervereinigung haben die Menschen, die östlich des Brandenburger Tors, lebten, 1989 ermöglicht. An diesem historischen Ort bin ich immer wieder tief berührt von der Deutschen Einheit. FOTO: FISCHER

Beruflich war ich von Donnerstag bis Sonntag in Berlin, um einige Geschäftskontakte auch mit persönlichen Begegnungen und Gesprächen zu pflegen. Trotz des dichten Programms und der weiten Wege innerhalb der Hauptstadt war der Besuch des Brandenburger Tors für mich obligatorisch. Jedes Mal erlebe ich diesen Ort als Triumpf der Freiheit über die Unterdrückung.

Denn als Sohn eines thüringischen Vaters, dessen drei Brüder nach dem Zweiten Weltkrieg im Osten blieben, bin ich ein intimer Kenner der mir verhassten DDR. Zwar bin ich im Herzen Sozialist geblieben, doch diese verlogene Art des „real existierenden Sozialismus“ durchschaute ich schon als Jugendlicher bei unseren regelmäßigen DDR-Besuchen.

Meine Verwandten waren eingesperrt, sollten per Presse-Zensur verblödet werdet und die SED-Bonzen führten ein verlogenes Doppelleben, das kluge DDR-Bürger letztlich nur im Suff ertragen konnten. Zugleich sind mir diese Erinnerungen und  Berlin-Besuche Verpflichtung, mich für unsere in die Jahre gekommene Demokratie einzusetzen, wenngleich mir auch hier vieles nicht gefällt und mich manches an Verlogenheit erinnert.

Immerhin war ich nur wenige Stunden nachdem der Bundestag die gleichgeschlechtliche Ehe beschlossen hatte vor Ort und tausende Demonstranten in regenbogenfarbenen Textilien und ebensolchen Fahnen feierten diesen Meilenstein der vermeintlichen Gleichberechtigung. Und noch etwas war historisch bei meinem Besuch: Der Jahrhundertregen an unserem Ankunftstag, der die Stadt teilweise flutete, und der auch die Anfahrt zum Sommerfest unseres Kunden Kapilendo am Freitag zum Abenteuer machte.

20170630 mit Ingo Schiller (Herta BSC, hoch)
Hätte ich nicht gedacht: Ingo Schiller (l.) und ich haben etliche gemeinsame Bekannte. FOTO: STÜWE

Dort hatte man eigens ein Zelt aufgestellt, um der Witterung zu trotzen. Der Stimmung tat das keinen Abbruch und auch interessante Gespräche und Begegnungen durfte ich erleben. So etwa mit Hertha BSC-Geschäftsführer Ingo Schiller, auf dessen Club der VfB Stuttgart zum Saisonauftakt trifft. Der Chef von 70 Mitarbeitern, der einen Etat von 130 Millionen Euro verantwortet, kannte von Andreas Schweickert und Gerd Hofele (FA-Management) über Ex-Box-Weltmeister Firat Arslan bis zu den Jürgen Klinsmann-Freunden Roland Eitel (Pressesprecher) und Christoph Schickhardt (Sportanwalt) auch viele Personen, mit denen ich im Sport bereits zu tun hatte.

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Arroganz der digitalen Business-Diktatur

Travis Kalanick von Uber, Mark Zuckerberg von Facebook, Jeff Bezos von Amazon oder Marc Benioff von Airbnb – sie alle revolutionieren mit ihren Digitalisierungsstrategien die Weltmärkte. Und mit ihrer Marktmacht die Demokratie. Da ist es gut, dass Kalanick nun über seine eigene Aggressivität gestolpert ist, mit der er seine Fahrdienst-App weltweit auf dem Rücken des Taxi-Gewerbes durchgedrückt hat.

Billiger und schneller sollte alles werden, so die Verheißung der Internetpioniere aus dem Silicon Valley. Die Welt „demokratisieren“ und mit „shared economy“ die Menschheit beglücken, heißen die Allmachtsphantasien, mit denen die milliardenschweren Konzerne teils Rechtsstaatsprinzipien umgehen, Steuern vermeiden und Suchoptionen manipulieren.

Dabei ist eine Machokultur gewachsen, die die Arroganz vermeintlicher Weltverbesserer genährt hat, die die sozialen Verwerfungen ihrer digitalen Revolution ignorieren und Empathie und soziale Verantwortung vermissen lassen. Immenser Arbeitsdruck, grenzenlose Arbeitszeiten und unmenschlicher Tempowahn beschreiben die Arbeitsbedingungen ihrer Mitarbeiter an der US-Westküste.

Dass in den Digital-Konzernen zudem fast ausschließlich gebildete weiße Männer arbeiten, kommt erschwerend hinzu und begünstigt den Machoismus, der Frauen und Minderheiten diskriminiert und ungebildete wie Lagerarbeiter oder Kurier- und Taxi-Fahrer ausbeutet. Fast wünsche ich mir, dass Konzerne wie Daimler oder VW mit ihren sozialen Standards und starken Gewerkschaften im Aufsichtsrat das Geschäft mit dem Mobilitätsmanagement übernehmen.

Denn die eigentliche Wertschöpfung liegt in der Produktion von Autos, von Büchern, von Zeitungen oder Hotellerie-Dienstleistungen – und nicht im skrupellosen Dealen damit. Denn die konventionellen Wertschöpfer schaffen Jobs, zahlen Steuern und Sozialabgaben. Die hoch gelobten Unternehmen der Digitalwirtschaft, insbesondere Facebook, oder steuerlich gesehen auch Apple, entziehen sich dqagegen ihrer sozialen Verantwortung.

Sie blenden die Öffentlichkeit sogar mit vermeintlichen Milliardenspenden für soziale Zwecke ihrer Wahl. Aber erstens ist das Geld ein Teil der vermiedenen Steuern und zweitens ist dieses Mäzenatentum anti-demokratisch und absolutistisch. Denn hier entscheidet im Zweifel ein Einzelner, was wächst und was stirbt, und nicht das Volk. Zudem sind diese vermeintlichen Mega-Spenden Teil einer subversiven Marketing-Strategie. Für mich stinkt diese digitale Diktatur zum Himmel und ich boykottiere sie, wo ich kann.

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Muver: Veränderung beginnt im Kopf

Mit „Aufschlagen und Einschlagen – Der Tatgeber für den Muve nach oben“ hat Manuel Marburger im Mai 2017 im Klecks Verlag einen Leitfaden für Erfolg herausgebracht. Auf 198 Seiten legt der 43-Jährige, für den wir seit März die Kommunikation machen, in 45 Kapitelchen unterhaltsam dar, was einen Existenzgründer oder Unternehmer erfolgreich macht. Die Fibel dient im Kern der Selbstmotivation und transportiert die Botschaften: Glaube an Dich und fokussiere Dich auf ein Ziel.

Das Neue und Sympathische an dem Büchlein: Hier schreibt kein Besserwisser, sondern ein Pragmatiker, der jede Hirnwindung seiner Leser zu kennen scheint. Einfühlsam und liebevoll geht der Unternehmensberater und Speaker (siehe Video), der mit 25 Jahren seine erste Firma gegründet hat, auf die Selbstzweifel und die Ängste vor dem Scheitern ein, die oft schon die halbe Energie rauben. Die fehlt dann dem Handelnden, eben dem Muver, beim Erreichen seiner Ziele.

Konsequent duzt der Autor seine Leser, was Distanz abbaut, Vertrauen stiftet und die Glaubwürdigkeit der flott geschriebenen Zeilen erhöht. Fast hat der Leser den Eindruck, mit einem „kleinen Mann im Ohr“ Zwiesprache zu halten, der ihn mal anspornt, mal warnt. Dieser ganz besondere Duktus, die Schlichtheit der Sprache und die transportierten Lebensweisheiten machen die Lektüre so lesenswert.

An vielen Stellen fühlt man sich ertappt oder zum Ausprobieren eingeladen. „Wir blicken Dir ins Hirn, nicht bloß auf die Stirn. Verlass Dich drauf,“ ist so ein appellativer Satz. Oder „Bleib dran! Bleib echt! Bleib ehrlich! Bleib Du!“, so eine Formel für den Erfolg, die der Leser regelrecht meditieren kann. Man spürt dem Autor, der selbst drei Berufe erlernt und 2013 seine größte Firma mit einem Millionengewinn verkauft hat, an, dass er sich viel mit Psychologie und Glaubenssätzen befasst hat, die jeden von uns prägen – aber auch behindern.

„Aufschlagen und Einschlagen“ mit einem Vorwort von Commedian Bernhard Hoecker lädt niederschwellig dazu ein, sich diese Muster für sich selbst mal näher anzuschauen und Freude am Experiment zu entwickeln. Um damit eben ein Muver zu werden, wie Marburger diesen Menschentypus nennt, der alte Zöpfe abschneidet und sich neue Freiräume durch Handeln erschließt.

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Firmung: Tolle junge Menschen kennengelernt

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Wunderbare junge Menschen: Ein Teil meiner Firmlinge am Samstag nach dem Gottesdienst mit Bischof Gebhart Fürst. FOTO: FROMM

Seit November hatte ich zehn junge Leute, drei Mädchen und sieben Jungs, auf ihre Firmung vorbereitet, die ihnen am Samstag Bischof Dr. Gebhart Fürst in der Schorndorfer Heilig-Geist-Kirche gespendet hat. Zehn Abenden und zwei Samstagvormittage hatte ich mit den 15-Jährigen zu gestalten. Meine Motivation dabei: Mit Jugendlichen in Kontakt kommen, wahrnehmen wie diese drauf sind und idealerweise meinen Glauben an Gott weitergeben, damit auch bei meinem Begräbnis genügend Menschen noch in der Lage sind „Großer Gott wir loben Dich“ zu schmettern.

In der Vorbereitung der Abende erhielten wir jede Menge Papier und Kopien, mit denen wir hätten arbeiten können/sollen. Doch weil mich das sehr an Religionsunterricht erinnerte und ich selbst Ideen hatte, die ich ausprobieren wollte, machte ich komplett mein eigenes Ding. Und Treffpunkt war jeweils der Besprechungsraum in meinem Büro, damit ich keine Zeit verliere oder Absprachen treffen muss.

Beeindruckt haben mich von Anfang an Pünktlichkeit und Vollständigkeit der Gruppe, in der vor allem Jugendliche aus italienischem oder polnischem Elternhaus noch Grundzüge einer christlichen bzw. katholischen Sozialisation wie etwa gemeinsames Tischgebet oder Gottesdienstbesuch am Sonntag hatten. Daran messe ich zwar nicht Frömmigkeit, aber es geht viel (Glaubens-)Substanz verloren, wenn schon Grundgebete wie das Glaubensbekentnis oder Basiswissen über die Sakramente nicht mehr vorhanden sind.

In meinen zehn Stunden setzte ich vor allem auf Selbsterfahrung und erzählte viel aus meinem Leben, welche Erlebnisse und Erfahrungen ich mit Kirche verbinde, wann mir mein Glaube half oder wie ich mit Zweifeln und Dogmen umgehe. Mehrmals lud ich die Jugendlichen ein, reihum laut auszusprechen, was sie an sich selbst gut finden. Und als sie anfangs nur Schulerfolge und andere „externe Leistungen“ aufzählten, spiegelte ich ihnen das.

An weiteren Abenden konnten sie sich dann selbst loben, dass sie etwa gut zuhören können, toll aussehen oder schön singen. Dabei beeindruckte mich, mit welcher Ernsthaftigkeit diese jungen Menschen dabei waren. So erhöhten wir bald den „Schwierigkeitsgrad“ und sie sollten sich gegenseitig Dinge sagen, die sie aneinander schätzen. Auch hier wurde es sehr intim, ohne dass gelacht wurde.

Mein Transfer dabei bestand einzig darin, dass ich ihnen sagte, dass jeder ein Ebenbild Gottes ist und deshalb diese Göttlichkeit in jedem von ihnen sichtbar ist – spätestens wenn man genau hinschaut. Deshalb ging es mir an den Abenden, an denen ich etwa von den Kriegserlebnissen meines Vaters erzählte, vor allem um Achtsamkeit.

Einmal setzten wir das Gleichnis, in dem der Weinbergbesitzer jedem am Abend denselben Lohn zahlt, als Streitgespräch um, in dem der Arbeitgeber, ein Gewerkschafter und ein Arbeiter miteinander diskutieren, was gerecht ist. Schnell merkten meine Firmlinge, wie politisch die Bibel ist. Manchmal bat ich sie auch von ihren Niederlagen zu erzählen und wie sie damit umgehen. Und einmal war mein Bruder zu Gast, der vom Sterben seiner Tochter erzählte. Auch hier war ich tief berührt, wie achtsam „meine“ Jugendlichen nachfragten.

Nun bin ich gespannt, wie es in deren (religiösem) Leben weitergeht und was „hängen bleibt“ von dem, was ich ihnen vermitteln wollte. Ich werde für diese jungen Menschen beten und bin dankbar, dass ich sie kennenlernen durfte. Denn diese jungen Leute sind großartig und es nervt mich, wenn meine Generation über sie (oder Flüchtlinge) herzieht, obwohl sie kaum welche persönlich kennt.

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Autorenlesung: Zwei Männer leben ihre Träume

001 Fiore (l.) und Heiko (quer)
Büchertausch im Gosbacher Dojo: Gastgeber Fiore Tartaglia (l.) und Heiko Schwarzburger, beide überzeugte Karateka, überreichen sich gegenseitig eines ihrer Bücher. FOTO: FROMM

Champions League, Pfingstferien und subtropische Temperaturen haben am Samstag das Zuhörer-Potential für die Autorenlesung mit H.S.Eglund in der Gosbacher Kampfsportschule Taikikan drastisch reduziert.  Umso intimer waren der Kreis; das, was gesprochen wurde und was aus dem Liebes-Roman „Zen Solar“ gelesen wurde. Und immerhin: Die Presse war auch da.

So erfuhren die Zuhörer von Photovoltaik-Chefredakteur Heiko Schwarzburger, dass er sich das Psyeudonym zugelegt hat, um bei Internetrecherchen als Romanautor immer an erster Stelle zu stehen. Denn als Fachautor bringt er es unter seinem Namen auf gut 11.000 Treffer. „Eglund“ dagegen sei die sächsische Aussprache eines schwedischen Eishockey-Nationalspielers, der in den 1980er Jahren populär war und dem der stattlich gebaute Schwarzburger offenbar glich.

Der Autor ist in Leipzig geboren, hatte ursprünglich Dreher gelernt und in der NVA seinen dreijährigen Wehrdienst absolviert. 1989 war der Regime-kritische Ingenieur in Dresden dabei als die Stasi-Behörde gestürmt wurde. Nach der Wende schrieb er in Berliner Tageszeitungen über Umweltsünden der DDR bspw. im Braunkohle-Tagebau und gründete später die „Photovoltaik“, um seinen Beitrag zur Energiewende und zur Bewahrung der Schöpfung zu leisten.

In einem ersten Roman „Die Glöckner von Utopia“ hatte der aktive Karateka über die politische Wende in Ostdeutschland geschrieben. „Zen Solar“, Ende 2016 erschienen, befasst sich nun mit der Energiewende, bei der es im Kern, so Eglund, um die Autonomie des Menschen gehe. Damit schlägt er die Brücke zum Zen und der fernöstlichen Philosophie der Bedürfnislosigkeit.

Entsprechend ist „Zen Solar“ in die fünf Teile Erde, Wasser, Feuer, Wind und Leere unterteilt, die den Elementen im Zen entsprechen. Der Roman ist autobiographisch angelegt und hinter dem freien Journalisten Fred Winter, der sich in die alleinerziehende Mutter Judith verliebt, verbirgt sich der Autor.

An der bayerisch-tschechischen Grenze lernt Fred Ingenieure kennen, die Windräder (Zen-Element Wind, „windger Typ“ etc.) installieren. Dabei thematisiert er die Ost-West-Problematik mit einstigem Feind- und Grenzland, wo nun beidseitig Windräder statt Raketen stehen und es um Energiewende statt Atomkrieg geht und um solare Wärme statt Kaltem Krieg. Eglunds Botschaft: Die Zeiten werden besser.

Schwarzburger, der jährlich bundesweit rund 60 Lesungen hält, fühlte sich geehrt, erstmals in einem Dojo lesen zu dürfen. Mehr noch: Mit Gastgeber Fiore Tartaglia, einem gebürtigen Neapolitaner, traf er auf einen weiteren Grenzgänger, der sich neben seinem Beruf als Graphiker schon vor 20 Jahren den Traum von der eigenen Kampfsportschule erfüllt hat.

Und als Europas meistgelesener Karatebuchautor mit einer aktuellen Gesamtauflage von 47.000 Büchern in vier Sprachen, der diese im Eigenverlag publiziert, hatten die beiden sehr viele Gemeinsamkeiten. Diese spürte man in der Wertschätzung, die die beiden einander entgegenbrachten und wie sie miteinander kommunizierten.

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